Miriam Olbrisch

SPIEGEL-Bildungsnewsletter Nun sag, wie hast du's mit der Maske?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

ich wünsche Ihnen einen möglichst guten Morgen. Denn so richtig uneingeschränkt gut fühlt sich momentan wahrscheinlich niemand. Zu sehr überschattet der Krieg in der Ukraine alles. Wir lesen die Nachrichten, betrachten die Bilder, sehen zerbombte Städte und flüchtende Menschen.

Auch an vielen Schulen ist der Krieg mittlerweile angekommen – in Form von Diskussionen im Unterricht oder auch schon von Kindern und Jugendlichen, die nun in immer mehr Klassenzimmern sitzen (»Das ist los«).

Wie banal erscheinen dagegen die Themen, mit denen sich die deutsche Bildungspolitik sonst so herumschlägt: wenige Quadratzentimeter mehrlagiger Vliesstoff, der mit Gummibändern im Gesicht fixiert wird. Monatelang gehörte die Gesichtsmaske zur Grundausstattung. Am besten hatte man immer eine oder gleich mehrere in der Tasche, um sie jederzeit überstülpen zu können. Damit soll nun Schluss sein, zumindest mancherorts. Während die Bundesregierung das Ende der Maskenpflicht in weiten Teilen des öffentlichen Raums beschlossen hat, sind sich die Schulministerinnen und -minister der Länder uneins. Einige Bundesländer wollen Kinder und Jugendliche weiter zum Tragen verpflichten, andere haben die Regel bereits abgeschafft – ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem die Inzidenzen in Deutschland Rekordwerte erreichen. Wie das zusammenpasst, erklärt Thüringens Bildungsminister Helmut Holter im Interview (»Debatte der Woche«).

Was denken Sie über diese und andere Themen des Newsletters? Wir freuen uns über Anregungen, Kritik und Meinungen per E-Mail an bildung@spiegel.de .

Herzliche Grüße
Miriam Olbrisch
für das Bildungsteam des SPIEGEL

Foto:

Sebastian Gollnow / dpa

Das ist los

1. Willkommen in Deutschland

Tausende geflüchtete Kinder aus der Ukraine sitzen mittlerweile in deutschen Klassenzimmern. Der WDR hat ein Gymnasium in Wuppertal besucht  und berichtet, wie sich die neuen Schülerinnen und Schüler einleben. Die Kultusministerinnen und Kultusminister haben eine Taskforce eingesetzt , um geflüchteten Kindern, Jugendlichen und Lehrkräften schnell zu helfen. Wie das Ankommen gelingen kann, darüber hat die Soziologie-Professorin Juliane Karakayali mit Deutschlandfunk Kultur  gesprochen.

2. Sprachlosigkeit überwinden

Wie spricht man mit Kindern und Jugendlichen über Ereignisse, die man selbst noch nicht ganz fassen kann? Mehr als jede zweite Lehrkraft fühlt sich unsicher oder überfordert, wenn im Klassenzimmer der Ukrainekrieg aufgebracht wird. Das hat eine Umfrage des Lexikon-Herausgebers Brockhaus mit dem Portal News4Teachers  ergeben. Wie es gehen könnte, zeigen unsere Kolleginnen und Kollegen vom Kindermagazin »Dein SPIEGEL« in ihrer Podcast-Folge »Krieg in Europa – für Kinder erklärt« .

3. Die Folgen der Pandemie

Lange konnten Lehrkräfte und Bildungspolitikerinnen und -politiker nur ahnen, wie groß die Lernlücken nach zwei Jahren Coronapandemie wohl sind. So langsam bringen erste Studien Licht ins Dunkel – und die Ergebnisse machen wenig Hoffnung. Ein Dortmunder Forschungsteam hat die Lesefähigkeiten von Viertklässlern untersucht; die Ergebnisse seien »alarmierend«.

4. Und sonst noch?

Schule in Baden-Württemberg (Symbolbild)

Schule in Baden-Württemberg (Symbolbild)

Foto:

Sebastian Gollnow / DPA

Die Personalnot an Deutschlands Schulen ist offenbar größer als bisher angenommen. Das legen neue Zahlen der Kultusministerkonferenz nahe. Allein an Grundschulen werden in den kommenden drei Jahren im Schnitt 1460 Lehrerinnen und Lehrer fehlen, und zwar jedes Jahr.

Ist geistige Brillanz eine männliche Eigenschaft? Dieses Vorurteil scheint immer noch erschreckend weitverbreitet zu sein, berichtet die »ZEIT«  und beruft sich dabei auf Sonderauswertung der PISA-Studie von 2018.

Für Feinschmecker: Die »Süddeutsche Zeitung« hat eine beeindruckende Chronik  der deutschen Schulpolitik zu Coronazeiten zusammengestellt. Beim Lesen muss man so manches Mal den Kopf schütteln.

Zahl der Woche

334.100.000.000

Foto: Julian Stratenschulte / picture alliance/dpa

Oder, um es etwas leserlicher auszudrücken: 334,1 Milliarden Euro. So viel Geld gab Deutschland im Jahr 2020 für Bildung und Forschung aus – und damit gut vier Milliarden mehr als im Jahr zuvor. 2015 hatte die damalige Bundesregierung das Ziel formuliert, jährlich zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in Schulen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen zu investieren. 2020 wurde es fast erreicht: Die 334,1 Milliarden Euro entsprechen 9,9 Prozent des BIP.

Debatte der Woche

Foto:

Sebastian Gollnow / dpa

Helmut Holter, 68, ist Minister für Bildung, Jugend und Sport in Thüringen. Im Interview mit dem SPIEGEL erklärt er, warum er es für richtig hält, dass die Maskenpflicht an Grund- und Förderschulen in seinem Bundesland fortan wegfällt. Holter ist Mitglied der Partei Die Linke.

SPIEGEL: Herr Holter, wie erklären Sie einem Grundschüler, warum er künftig keine Maske mehr tragen muss – obwohl sich gerade so viele Menschen mit dem Coronavirus anstecken wie nie zuvor?

Holter: Man muss die Frage andersherum stellen: Wie sollte man einem Kind erklären, dass es morgens in der Schule eine Maske tragen muss, aber nachmittags in der Freizeit nicht? Wir dürfen bei Kindern nicht härtere Maßstäbe anlegen als beim Rest der Bevölkerung.

SPIEGEL: Für Jugendliche, die eine weiterführende Schule besuchen, gilt die Maskenpflicht in Thüringen trotzdem weiter. Warum dann diese Unterscheidung?

Holter: Das hat pädagogische Gründe. Bei kleineren Kindern, das haben mir Lehrerinnen und Lehrer häufig berichtet, ist es besonders wichtig, das ganze Gesicht sehen zu können. In der Grundschule lernen Kinder, Buchstaben zu formen und Silben auszusprechen. Masken sind dabei sehr hinderlich.

SPIEGEL: Bisher schien es trotzdem wichtiger, Ansteckungen zu vermeiden, als die Aussprache von Wörtern zu verbessern.

Holter: Der Zeitpunkt war in diesem Fall durch das Infektionsschutzgesetz festgelegt – und das wird ja auch breit kritisiert. Wir haben daraus für uns abgeleitet: Wenn andere Maßnahmen wegfallen, sollen die Schulen nicht zurückstehen und vorsichtig und schrittweise lockern. Aber es stimmt: Welche Maßnahmen wann aufgehoben werden, ist immer Abwägungssache, eine Gratwanderung. In diesem Fall überwogen für uns nun die pädagogischen Argumente.

SPIEGEL: Können Sie sich das erlauben? Thüringen hat eine der niedrigsten Impfquoten bundesweit. Unter Grundschulkindern ist gerade einmal jedes zehnte geimpft.

Holter: Wir waren im Juni 2021 Vorreiter in Sachen Kinderimpfung. Damals gab es sogar einen Kinder-Impfgipfel. Wir werben auch weiterhin für die Impfung. Schulen können mobile Impfteams anfordern, doch sie eignen sich kaum als Impfort. Die Familien gehen lieber zu ihrem Haus- oder Kinderarzt. Bei Kindern war und ist auch die Stiko vorsichtiger. Und es gab sehr viel Gegenwind durch Impfgegner, was ich sehr bedauere.

Wie stehen Sie zur Maskenpflicht an Schulen? Wir freuen uns über Ihre Meinung, schreiben Sie gern an bildung@spiegel.de .

Neues von SPIEGEL Ed

»Journalismus macht Schule«-Konferenz zur Förderung der Nachrichtenkompetenz von Schülerinnen und Schülern am 1. und 2. April 2022 in Berlin (für Lehrkräfte anerkannte Fortbildung)

Die schrecklichen Ereignisse in der Ukraine und die Desinformationskampagnen aus Russland zeigen, wie wichtig ein kritischer Umgang mit Medien ist. Kinder und Jugendliche sollten schon in der Schule lernen, wie sie Fake News erkennen können. Wie das gelingen kann, wird auf der kostenlosen Konferenz am 1. und 2. April 2022 in Berlin diskutiert. Auch SPIEGEL Ed wird dort vertreten sein.

Ort: Hauptstadtrepräsentanz der Deutschen Telekom, Französische Straße 33a-c, 10117 Berlin

Kostenlose Anmeldung: https://jms2022.sched.com 

Website: nrch.de/jms22 

Veranstalter: Netzwerk Recherche in Kooperation mit der Deutschen Telekom Stiftung

Fragen? info@journalismusmachtschule.org 

Die gute Nachricht zum Schluss...

Taliban-Kämpfer in Afghanistan (Archivfoto)

Taliban-Kämpfer in Afghanistan (Archivfoto)

Foto: MAXIM SHIPENKOV / EPA-EFE

...kommt ausgerechnet von den Taliban. Mit Beginn des neuen Schuljahrs lassen sie Mädchen in Afghanistan wieder höhere Schulen besuchen. Wahrscheinlich hat Druck aus der internationalen Staatengemeinschaft zu dieser Veränderung geführt.

Das war’s für dieses Mal. Haben Sie ein Thema auf dem Herzen, das wir uns einmal genauer anschauen sollten? Dann schreiben Sie uns gern an bildung@spiegel.de  – das Team der »Kleinen Pause« dankt für Ihr Interesse!