Geschichtslehrerin über DDR und Deutsche Einheit "Wir wissen, dass uns Erinnerung auch täuschen kann"

Wer heute die Schulbank drückt, hat den Mauerfall nicht erlebt. Eine Geschichtslehrerin aus dem Osten und ein Kollege aus dem Westen erzählen, wie sie das Thema angehen – und was sie gern anders hätten.
Ein Interview von Silke Fokken
Tanz auf der Mauer (10. November 1989)

Tanz auf der Mauer (10. November 1989)

Foto: THOMAS KIENZLE/ AP

Der eine lebte damals in Gütersloh, tief im Westen, die andere in Görlitz, weit im Osten: Holger Schmenk, 42, und Katrin Semechin, 56, sind ganz verschiedene Zeitzeugen des Mauerfalls und der Deutschen Einheit. Heute unterrichten sie beide Geschichte, der eine im Westen, die andere im Osten.

Hier erzählen sie, wie sie die damaligen Ereignisse Schülerinnen und Schülern nahebringen wollen, wo Geschichtsbücher ihre Schwächen haben und der Unterricht an seine Grenzen stößt. Die Interviews wurden einzeln geführt und für diesen Text zusammengeführt.

SPIEGEL: Wissen Ihre Schüler, warum der 3. Oktober ein Feiertag ist?

Holger Schmenk: Ich fürchte, die meisten nicht. Es kommt auf die Klassenstufe an, aber sehr viele Jüngere freuen sich einfach, dass sie – außer in diesem Jahr, weil es ein Samstag war – schulfrei haben. Die Begriffe DDR und Wiedervereinigung kennen sie, viele wissen aber nicht genau, was dahintersteckt.

Kathrin Semechin: Das erlebe ich an meiner Schule ganz anders. Viele wissen zwar nicht, warum ausgerechnet der 3. Oktober zum Tag der Deutschen Einheit erklärt wurde. Aber das ist schnell erklärt. Zu der Frage, wie es zur Einheit kam und wie es mit der DDR zu Ende ging, ist einiges Vorwissen da. Das passt zwar eher nicht in die Kategorie Geschichtsbuch, aber dafür gibt es ja den Unterricht. Die Schüler bringen vor allem Erzählungen von Eltern und Großeltern mit.

SPIEGEL: Wie haben Sie selbst die Zeit des Mauerfalls erlebt?

Semechin: Ich habe in der östlichsten Stadt der DDR gelebt, zwei meiner drei Kinder waren im Herbst 89 schon auf der Welt, das eine vier Jahre alt, das andere wenige Monate. Als im Fernsehen die Nachricht vom Mauerfall kam, habe ich es gerade gestillt. Mich prägt diese Zeit bis heute emotional. Ich habe starke Bilder dazu im Kopf: Kerzen auf dem Boden der Straße im Oktober 89. Ich habe auch meine Angst in Erinnerung  und wie ich aus einiger Entfernung sah, wie Demonstranten auf Lastwagen geschoben und abtransportiert wurden.

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Kathrin Semechin, 56, arbeitet seit 32 Jahren als Lehrerin und unterrichtet Deutsch und Geschichte an einem Gymnasium in Dresden in Sachsen. Sie ist Vorsitzende des Sächsischen Geschichtslehrerverbandes.

Schmenk: Ich war damals zwölf Jahre alt und erinnere mich an die aufgeregte Stimmung bei uns zu Hause. Wir haben die Ereignisse immer abends in den Nachrichten verfolgt. Mein Vater ist politisch sehr interessiert, und wir haben viel darüber diskutiert, was die Ereignisse zu bedeuten haben und wie es weitergehen könnte.

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Holger Schmenk, 42, langjähriger Vorsitzender der Geschichtslehrervereinigung Nordrhein-Westfalen, hat bis vor Kurzem ein Gymnasium in Oberhausen geleitet und ist nun nach Gladenbach in Hessen gewechelt.

SPIEGEL: Helfen Ihnen diese Erinnerungen, wenn Sie das Thema im Unterricht vermitteln?

Schmenk: Ich sehe darin eher eine große Herausforderung. Ich bin Geschichtslehrer und gleichzeitig Zeitzeuge. Für mich ist das Thema emotional sehr nah, aber für die meisten meiner Schülerinnen und Schüler gefühlt ähnlich weit weg wie etwa das Deutsche Kaiserreich. Das muss ich mir als Lehrer immer wieder bewusst machen. Dass es in Europa überhaupt abgeriegelte Grenzen und Passkontrollen gab – diese Erfahrung haben die Schüler selbst nicht gemacht. Zumindest nicht vor Corona.

Semechin: Die Herausforderung besteht für mich auch darin, all diese Erinnerungen, die es in den Familien der Kinder und in der Gesellschaft gibt, zu akzeptieren und ihnen achtsam zu begegnen. Auch, weil meine vielleicht andere sind.

SPIEGEL: Wie gehen Sie damit um?

Semechin: Wir betrachten die Geschichten aus den Familien im Unterricht so, wie wir in der Geschichte mit Zeitzeugen umgehen: Jeder hat erst einmal ein Recht auf seine eigene Geschichte und seine eigene Erinnerung. Wir wissen aber, dass uns Erinnerung auch täuschen kann, dass Erinnerung ihre Tücken hat. Die Schüler lernen, dass sie Zeitzeugen und deren Erzählungen kritisch hinterfragen, überprüfen und einordnen müssen. Dazu ist Geschichtsunterricht letztlich da.

SPIEGEL: Können Sie ein Beispiel nennen, wo Erinnerung Tücken hat?

Semechin: Grundsätzlich ist unser Erinnern davon beeinflusst, was wir in der Zwischenzeit erfahren haben. Mit jedem Erzählen verändert sich auch unsere Erinnerung. Es gibt Studien darüber, dass Zeitzeugen mit zunehmendem Abstand zum Erlebten und unter dem Einfluss zwischenzeitlicher gesellschaftlicher oder privater Einflüsse Dinge stark verändert darstellen – immer in der für sie sicheren Überzeugung, es sei genau so gewesen. Dies exemplarisch im Unterricht zu thematisieren, ist ein hoher Anspruch.

Schmenk: Wir behandeln das Thema am Gymnasium in der 9. Klasse. Die Schüler kennen durch den Geschichtsunterricht davor schon die Chronologie bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten. Dann geht es weiter mit den Entwicklungen in den 1980er-Jahren in der Sowjetunion, Osteuropa und der DDR. Die Schüler kennen Begriffe wie "Glasnost", "Perestrojka" oder "Montagsdemonstrationen". Bei dem letztgenannten Begriff denken einige erst mal an Pegida-Kundgebungen, die wir bedauerlicherweise in den letzten Jahren erleben. Da haben wir dann direkt einen Bezug zur Gegenwart.

SPIEGEL: Wie greifen Sie den auf?

Schmenk: Ich spreche darüber, dass historische Begriffe wie die friedlichen Montagsdemos in der DDR heute verfälscht oder missbraucht werden können und diskutiere, welche Wirkung erzeugt wird. Wir fällen Sach- und Werturteile. Im Geschichtsunterricht lohnt es sich immer, sehr genau auf Sprache in den Quellen zu achten. Das gilt zum Beispiel auch für den Begriff Wiedervereinigung, der genau genommen unscharf ist. Die deutschen Staaten wurden nicht wiedervereint, sondern die DDR ist der Bundesrepublik beigetreten. Wir müssten daher präziser von der Herstellung der Einheit Deutschlands sprechen.

SPIEGEL: In vielen Geschichtsbüchern dürfte trotzdem von Wiedervereinigung die Rede sein.

Semechin: Ja. Die Geschichtsbücher enden zwar immerhin nicht mehr mit der Gründung der beiden deutschen Staaten 1949, sondern wurden umfänglich bis zur Deutschen Einheit erweitert. Aber sie spiegeln oft eine sehr westdeutsche Sicht auf die Ereignisse wider.

Schmenk: Das sehe ich auch so. Die Bücher sind von einer Geschichtsschreibung der Sieger, der westlichen Staaten, geprägt. Die DDR wird oft als Unrechtsstaat dargestellt. Das hat selbstverständlich seine Berechtigung, aber das allein greift zu kurz. Positive Aspekte der DDR werden in den Büchern oft ausgespart oder kommen zu kurz.

Semechin: Ich würde mir eine ausgewogenere, breitere Betrachtung der DDR wünschen, die stärker ostdeutsche Perspektiven berücksichtigt. Dazu werden derzeit viele Zusatzmaterialien entwickelt, verstärkt auch Onlineangebote. Wenn in einem Geschichtsbuch "Ausgabe für Sachsen" draufsteht, ist da noch lange nicht Sachsen drin.

Schmenk: Ich verwende oft Zusatzmaterial, zum Beispiel einen virtuellen Spaziergang entlang der Berliner Mauer, Podcasts von Zeitzeugen, oder ich nutze die Macht der Bilder vom Herbst 89. Oft sitzt zumindest ein Schüler mit ostdeutschen Wurzeln in der Klasse und kann von persönlichen Erfahrungen der Eltern oder Großeltern berichten. So etwas sehe ich immer als große Chance, auch wenn es natürlich nur ein subjektiver und meist sehr persönlicher Einblick ist. Mir ist wichtig, das Thema lebens- und schülernah zu gestalten.

SPIEGEL: Welchen Kardinalfehler sollten Geschichtslehrer beim Thema Deutsche Einheit nicht machen?

Semechin: Bitte nicht diesen Drei-Schritt: Die DDR wird gegründet, erlebt den Aufstand am 17. Juni, baut die Mauer und geht dann unter. So sah das Unterrichtskonzept in den Neunzigerjahren oft noch aus. Das hat sich zum Glück geändert, denn das wird der Thematik DDR nicht gerecht. Ältere Kollegen müssen klar ihre Rolle als Lehrende und Zeitzeuge trennen beziehungsweise verdeutlichen. Es ist schwierig, die Fülle des Erlebten zu bezähmen. Soll man zum Beispiel die eigenen Stasi-Akte mit in die Klasse nehmen? Darüber lässt sich schon streiten.

SPIEGEL: Bleibt für dieses große Thema im Unterricht genug Zeit?

Semechin: Sachsen gehört zu den Bundesländern, in denen Schüler im bundesweiten Vergleich den meisten Geschichtsunterricht haben, nämlich durchgängig von der 5. Klasse bis zur 12. Klasse und über die Jahrgänge addiert mindestens 15 Wochenstunden. Das heißt: Sie haben fast immer zwei Stunden pro Woche Geschichte. In der Oberstufe ist das Fach verpflichtend. Für die Entwicklung der beiden deutschen Staaten und die Einheit ist ein großes Zeitfenster vorgesehen. Da ist genug Raum für eine umfassende Betrachtung, die ist aber auch wichtig, weil sie die Identitätsbildung der Schüler fördert. Wenn wir etwas aus der jüngeren Geschichte gelernt haben, dann mindestens, dass Verdrängung von Vergangenheit sich irgendwann rächt.

Schmenk: Ich wünschte, so wäre es bei uns auch. Die Schüler haben über Klasse fünf bis zehn verteilt insgesamt acht Wochenstunden Geschichte. Sie haben also in einigen Klassenstufen zwei Stunden Geschichte pro Woche, in anderen dagegen gar nicht. Die Deutsche Einheit ist für das Ende des 10. Schuljahres vorgesehen, nach dem Nationalsozialismus und der Gründung der beiden deutschen Staaten bis hin zu den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen nach 1949. Für die DDR und den Herbst 89 bleibt dann oft wenig Zeit. Wenn vor den Sommerferien viel Unterricht ausfällt, zum Beispiel durch Exkursionen, fällt das Thema manchmal ganz unter den Tisch. Traurig, aber leider die Realität.

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