Wachsende Unzufriedenheit Mehrheit der Jugendlichen fordert Coronaimpfung

Sie sind weiterhin solidarisch, aber werden ungeduldiger: Jugendliche in Deutschland fordern in der Coronakrise mehr Rücksichtnahme auf ihre Bedürfnisse. Das zeigt eine neue Studie.
Jugendliche in Düsseldorf

Jugendliche in Düsseldorf

Foto: Michael Gstettenbauer / imago images/Michael Gstettenbauer

Eineinhalb Jahre nach Beginn der Pandemie akzeptiert die deutliche Mehrheit der Jugendlichen und jungen Erwachsenen offenbar immer noch die geltenden Coronaregeln. Zwei Drittel (66 Prozent) sind bereit, sich an die AHA-Regeln zu halten; 61 Prozent sprechen sich für Rücksicht gegenüber Gleichaltrigen und Familienangehörigen aus und zeigen sich damit solidarisch.

»Gleichzeitig ist die junge Generation am Ende ihrer Geduld«, sagt der Erziehungswissenschaftler Klaus Hurrelmann. Zusammen mit dem Jugendforscher Simon Schnetzer stellte Hurrelmann am Mittwoch die Studie »Jugend und Corona in Deutschland«  vor. Ziel der Untersuchung war es, das Stimmungsbild der 14- bis 29-Jährigen im Hinblick auf Corona zu erfassen.

Eine klare Mehrheit der Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist demnach bereit, sich sofort impfen zu lassen – »und sieht mit großer Irritation, an das Ende der Prioritätenliste gestellt zu werden«, sagt Simon Schnetzer. »Die Unzufriedenheit mit den Entscheidungen der Politik ist hoch.« 60 Prozent sind der Studie zufolge sofort zu einer Impfung bereit, 22 Prozent wägen noch ab. »Das ist eine riesige Mehrheit«, sagt Klaus Hurrelmann und spricht von einer regelrechten »Sehnsucht nach Impfung« beim Großteil der Befragten.

Die Studie "Jugend und Corona in Deutschland"

Verantwortlich für die Studie sind der Jugendforscher Simon Schnetzer und der Erziehungswissenschaftler Klaus Hurrelmann, Professor an der Berliner Hertie School. Bei der Stichprobenauswahl war außerdem das Institut für Demoskopie Allensbach beteiligt.

Doch die Impfangebote seien für viele jungen Leute gar nicht erreichbar, ergänzt Simon Schnetzer. Viele Jugendlichen hätten das Gefühl, monatelang Solidarität vor allem mit der älteren Generation geübt zu haben: »Sie erwarten diese Solidarität jetzt auch andersherum.«

Hinzu komme eine große persönliche Unzufriedenheit und das Gefühl von Kontrollverlust – das gelte vor allem für diejenigen, die sich noch in Schule, Ausbildung oder Studium befinden.

  • Schülerinnen und Schüler berichten mehrheitlich, dass ihre Lernmotivation eingebrochen sei. »Es ist den Schulen offensichtlich nicht gelungen, einen halbwegs normalen Unterricht aufrechtzuerhalten«, sagt Simon Schnetzer.

  • Auch die befragten Auszubildenden berichten von gesunkener Motivation. 64 Prozent sagen, dass der Unterricht in der berufsbildenden Schule schlechter geworden sei. In der praktischen Ausbildung gebe es zunehmende Schwierigkeiten durch Corona, die Attraktivität der Lehre habe nachgelassen.

  • Bei den Studierenden sind es ebenfalls 64 Prozent der Befragten, die von Motivationslöchern berichten. Eines der größten Probleme: Nach mehreren Stunden Videovorlesung sei die Konzentrationsfähigkeit gleich null. Außerdem fehlten Kontakte und Anregungen in persönlichen Gesprächen.

  • Vergleichsweise am wenigsten beklagen sich Befragte, die als Beschäftigte bereits einen Arbeitsplatz haben. Die Jugendforscher haben in dieser Personengruppe eine »mäßige Belastungen« durch die Pandemie ausgemacht.

»Die jungen Menschen sind sehr stark belastet – und wenn wir den Zusammenhalt der Gesellschaft bewahren wollen, dann müssen wir uns jetzt dringend um sie kümmern«, sagt Schnetzer. Der größte Druck entstehe dadurch, dass sich für 53 Prozent die psychische Gesundheit verschlechtert habe und 48 Prozent das Gefühl hätten, die Kontrolle über ihr Leben zu verlieren.

»100 Euro – so viel ist Deutschland also meine halbe Jugend wert.«

Haram Dar (17)

Haram Dar kennt dieses Gefühl. Der 17-Jährige ist Stadt- und Landkreis-Schülersprecher in Erlangen und hat den Forschern Rede und Antwort gestanden. »Dass viele von uns mittlerweile wieder feiern gehen, ist kein Widerspruch zur gesellschaftlichen Solidarität«, sagte auf der Pressekonferenz. »Es tut einfach unserer eigenen psychischen Gesundheit gut.« Seine Generation habe jede Menge Pflichten und Vorschriften, an die sie sich wegen Corona halten müsse, aber so gut wie keine Rechte, kritisiert Dar.

Als Beispiel nennt er die viel diskutierten, aber bisher kaum angeschafften Raumluftfilter in Schulen. »Die haben wir jetzt über Monate nicht bekommen, dafür gibt es aber 100 Euro Freizeitbonus durch die Bundesregierung«, sagt der Schülersprecher sarkastisch: »100 Euro – so viel ist Deutschland also meine halbe Jugend wert.«

Was aus Sicht der Forscher jetzt passieren muss? Das größte Problem, sagt Simon Schnetzer, sei das Gefühl des Kontrollverlusts, das viele Jugendliche belastet. Er könne verstehen, dass viele Befragten sich ihrer Jugend beraubt fühlten. »Die jungen Leute brauchen Planungssicherheit – das ist jetzt das Entscheidende«, bestätigt Klaus Hurrelmann. Man müsse sie jetzt schnell an den weiteren politischen Entscheidungen beteiligen »und nicht nur in irgendeinem Expertenkreis über die Köpfe der Beteiligten hinwegdiskutieren«.

Noch halte die Solidarität der 14- bis 29-Jährigen, noch arrangiere sich die große Mehrheit mit der Situation, sagt Hurrelmann: »Aber die Geduld bröckelt.«

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