Bildungsbericht mit Coronabilanz Das sind die »Dauerbaustellen« in Kitas und Schulen

So steht es um das deutsche Bildungssystem: Die aktuelle Bilanz einer Expertengruppe zeigt unter anderem, wie viel Personal fehlen wird. Der Mangel wird wohl vor allem jüngere Kinder treffen.
Krippenkinder auf dem Spielplatz

Krippenkinder auf dem Spielplatz

Foto: Arne Dedert/ dpa

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Deutschland geht das pädagogische Personal aus, die Chancenungerechtigkeit ist weiter gravierend, und zu viele Kinder und Jugendliche erreichen die schulischen Mindeststandards nicht – der aktuelle Bericht »Bildung in Deutschland 2022« analysiert die »Dauerbaustellen« im System.

Zu den gravierendsten Problemen gehört demnach der Fachkräftemangel in Kitas und Schulen. »Wir müssen größere Anstrengungen unternehmen, um Personal zu finden und zu halten«, mahnte Bildungsforscher Kai Maaz anlässlich der Vorstellung der 420 Seiten an diesem Donnerstag. »Es ist unstrittig, dass wir starken Bedarf haben werden.«

Er nannte die Analyse eine »erste übergreifende Bildungsbilanz im Licht der Coronapandemie«. Die Krise – verstanden als »exogener Schock, auf den das Bildungssystem nicht hinreichend vorbereitet war« – habe den Blick für Problemlagen geschärft und das Bildungsgeschehen erheblich beeinflusst.

Maaz ist Direktor des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation und Sprecher einer unabhängigen Expertengruppe, die alle zwei Jahre eine Bestandsaufnahme zum deutschen Bildungswesen vorlegt. Die Personalsituation erklärte sie dieses Mal zum Schwerpunktthema.

Wo die Engpässe am größten werden

Einerseits beschreiben die Fachleute, dass die Zahl der Beschäftigten im Bildungsbereich in den vergangenen zehn Jahren deutlich zugenommen hat, insbesondere in den Kitas. Hier liegt der Zuwachs bei 75 Prozent. Andererseits verbringen inzwischen deutlich mehr Kinder im Schnitt mehr Zeit in Kitas und Schulen, sodass sich die »Betreuungsrelation im Ergebnis kaum verbessert hat«.

Der Mangel an pädagogischen Fachkräften wird sich den Experten zufolge in verschiedenen Bereichen verschärfen. Wenn 2026 der gesetzlich verankerte Ganztagsanspruch für Grundschulkinder greift, entsteht erhöhter Personalbedarf. Bisher ist unklar, wie dieser gedeckt werden kann. Zuletzt wurden 54 Prozent der Grundschulkinder im Ganztag betreut, der Bedarf lag Elternwünschen zufolge jedoch bei 63 Prozent.

Ein besonderes Augenmerk legt der Bericht auf die Situation in den Kitas. »Der Fachkräftemangel stellt momentan und in den kommenden Jahren die vielleicht größte Herausforderung für den Bereich der frühen Bildung dar – vor allem in Westdeutschland«, schreiben die Autoren in einer Zusammenfassung. Die Coronapandemie habe den Personalnotstand noch verstärkt, »sodass dieser Engpass in den kommenden Jahren zu einer Schlüsselfrage der Zukunftsfähigkeit der frühen Bildung wird«.

Frappierend fand die Expertengruppe, dass die Beschäftigten im Bildungsbereich zwar in Zahlen erfasst werden, ansonsten aber kaum Studien und Daten über sie vorliegen; etwa über ihre pädagogischen Kompetenzen. »Wir haben hier ein Datendesiderat. Wir wissen wenig über die Menschen, die in Kitas und Schulen arbeiten«, so Maaz. Dabei wäre dies sinnvoll, um daraus etwa nötige Weiterbildungsmaßnahmen abzuleiten.

Die Fortbildung pädagogischen Personals sei zwar in den jeweiligen Bundesländern gesetzlich verankert, bundesweit bestehe jedoch keine einheitliche Verpflichtung. Die Teilnahme bleibe oft »Privatsache«, heißt es in dem Bericht. Das Personal müsse aber weiterqualifiziert werden, um veränderten Anforderungen, etwa durch Digitalisierung, gerecht werden zu können.

Die Pandemie habe die Digitalisierung an Schulen stark beschleunigt. »Wir müssen diese innovativen Momente jetzt erhalten«, sagt Maaz. Digitale Technologien könnten noch mehr für individualisiertes Lernen genutzt werden, was sich unter Umständen auch entlastend auf die Personalsituation auswirke.

Bericht »Bildung in Deutschland 2022«

Welche Ziele hat der Bericht?

Der nationale Bildungsbericht wird von der Bundesregierung und der Kultusministerkonferenz der Länder gefördert und erscheint alle zwei Jahre, 2022 zum neunten Mal. Er versteht sich als datengestützte Übersicht über das gesamte Bildungswesen – von der Kita über die Schulen, den Ausbildungssektor und die Hochschulen bis zur Weiterbildung Erwachsener. Aus der Ist-Darstellung des Systems sollen Handlungsmöglichkeiten für die Bildungspolitik abgeleitet werden.

Wer sind die Autorinnen und Autoren?

Verfasst wird der Bildungsbericht von unabhängigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unterschiedlicher Forschungseinrichtungen. Vertreten sind unter anderem das DIPF – Leibniz-Zentrum für Bildungsforschung und Bildungsinformation, das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung – Leibniz-Zentrum für lebenslanges Lernen (DIE), das Deutsche Jugendinstitut (DJI) sowie die Statistischen Ämter des Bundes (Destatis) und der Länder.

Sehr viele Lehrerinnen und Lehrer arbeiteten Teilzeit. Ließe sich die Vollzeitquote erhöhen, könnten diese Ressourcen genutzt werden, um die Personalnot zu lindern, sagte Maaz. »Wir müssen zudem über Lösungen nachdenken, die bisher noch keiner auf dem Schirm hat.« Dem Forscher zufolge gibt es bisher kaum repräsentative Daten, wie sich Programme zum Quer- und Seiteneinstieg in den Schuldienst bewährt haben.

Welche Folgen die Chancenungleichheit hat

Soziale Ungleichheit im Hinblick auf Bildungschancen ist in fast jedem Bildungsbericht der vergangenen Jahre ein Kritikpunkt; so auch dieses Mal. »Der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg bleibt anhaltend stark ausgeprägt und vermindert damit die Chancen auf eine gleichberechtigte soziale Teilhabe aller Kinder und Jugendlichen«, schreiben die Autoren. Sie machen dies an folgenden Faktoren fest:

  • Vom Kindergarten bis zur Grundschule lernen Kinder aus privilegierten Familien in den Bereichen Sprache und Mathematik mehr dazu als Kinder aus sozioökonomisch benachteiligten Familien. Diese Unterschiede in der Kompetenzentwicklung könne das Bildungssystem nicht ausgleichen.

  • Grundschulkinder aus sozioökonomisch stärkeren Elternhäusern hatten 2016 und 2019 gegenüber solchen aus sozioökonomisch benachteiligten Familien in Deutsch und Mathematik einen Leistungsvorsprung von rund einem Jahr.

  • Schüler aus benachteiligten sozialen Lagen erwerben seltener die allgemeine Hochschulreife als solche aus besser gestellten Elternhäusern, das Verhältnis liegt bei 31 zu 79 Prozent.

  • Jugendliche mit Abitur, die aus Nichtakademikerfamilien stammen, studieren seltener als solche mit Akademikereltern.

Ausschlaggebend etwa für die Aufnahme eines Studiums seien nicht nur schulische Leistungen, sondern auch »soziale Erwartungen«, die von Eltern, Erzieherinnen, Lehrkräften und anderen in Kinder gesetzt würden, heißt es in dem Bericht.

Ob und inwieweit sich die Coronapandemie mit teils monatelangem Wechsel- und Distanzunterricht auf die schulischen Leistungen einzelner Gruppen auswirkt, ist den Forschern zufolge nicht belegt. Erste Befunde deuteten jedoch darauf hin, dass Jungen, leistungsschwache Schüler und Kinder aus migrantischen oder benachteiligten Familien besonders von Leistungseinbußen betroffen sind.

Die Coronakrise hat die Chancenungerechtigkeit demnach verschärft. Bundeslandspezifische Erhebungen weisen dem Bericht zufolge darauf hin, dass der Kompetenzstand von Grundschulkindern im Jahr 2021 insgesamt »signifikant niedriger« war als bei Gleichaltrigen in Vorjahren. Insgesamt sei der Anteil von Kindern mit nicht hinreichenden Kompetenzen in Deutschland weiterhin zu hoch, sagt Maaz.

Bildung in Deutschland – nach der Schule

Weitere Ergebnisse der Studie:

  • Positiv fällt auf, dass im ersten Coronajahr 2020 deutlich weniger Jugendliche als in den Vorjahren die Schule ohne ihren ersten Abschluss verließen. Ihr Anteil lag bei 5,9 Prozent. Ob dies mit pandemiebedingt einfacheren Prüfungsmodalitäten zusammenhing oder weniger Jugendliche die Schule abbrachen, ist nicht belegt.

  • Was den Ausbildungsbereich betrifft, habe die Pandemie »deutliche Spuren hinterlassen«. Mit weniger als 900.000 Neuzugängen habe die berufliche Bildung im Jahr 2021 einen Tiefpunkt erreicht. Ein Teil der jungen Erwachsenen war und sei verunsichert und verzögere den Übergang in die Ausbildung. Betriebe wiederum hätten die Ausbildung zumindest vorübergehend stark eingeschränkt.

  • Der jahrzehntelang beobachtete Trend, dass immer mehr junge Menschen studieren, ist zum »Stillstand« gekommen. Inzwischen nimmt recht konstant rund die Hälfte ein Studium auf. Hier sei ein »Sättigungsniveau« erreicht, schreiben die Autoren. Anzeichen für eine strukturelle Überakademisierung gebe es nicht. Das heißt: Menschen arbeiten überwiegend in Berufen, die ihrem Bildungsniveau entsprechen.

Warum es von Anfang an ungerecht zugeht

Die Chance auf schulischen Erfolg ist statistisch betrachtet besonders gering, wenn Kinder im Hinblick auf Bildung in »Risikolagen« aufwachsen. Damit sind sozioökonomische Lebensumstände der Eltern gemeint.

  • Eine Risikolage formal gering qualifizierter Eltern liegt dann vor, wenn alle Elternteile im Haushalt weder eine Hochschulreife noch eine abgeschlossene Berufsausbildung vorweisen können.

  • Eine soziale Risikolage liegt vor, wenn kein Elternteil erwerbstätig ist.

  • Von einer finanziellen Risikolage geht man aus, wenn das Haushaltseinkommen unterhalb der Armutsgefährdungsgrenze liegt.

Kinder mit Migrationshintergrund sind von mindestens einer Risikolage deutlich häufiger betroffen als Kinder deutscher Herkunft. Bemerkenswert sei, sagte Maaz, dass 40 Prozent der unter Sechsjährigen in Deutschland in einer migrantischen Familie lebten. Jedes fünfte Kind zwischen drei und sechs Jahren spreche zu Hause nicht oder kaum Deutsch. Vor allem in Westdeutschland hätten viele Kitas einen hohen Anteil an Kindern, deren Familiensprache nicht Deutsch sei.

»Das ist an sich kein dramatischer Befund«, sagt der Bildungsforscher. »Aber reagiert das System angemessen darauf? Wir brauchen bundesweit andere Rahmenbedingungen, um diese Kinder besser zu fördern.« Der Kitabesuch könne vieles kompensieren, was Eltern an Förderung nicht leisteten. Aber ausgerechnet Kinder in »Risikolagen« besuchen bisher im Schnitt seltener eine Kita als Kinder aus privilegierten Elternhäusern.

Auch bei den Kitas spricht den Forschern zufolge einiges dafür, dass sich wegen der zumindest teilweisen Schließungen in der Pandemie Bildungsungleichheiten verstärkt hätten. Besonders betroffen könnten die Sprachkompetenzen von Kindern sein, die zu Hause nicht Deutsch sprechen.

»Wir werden den Zusammenhang von sozialer Herkunft und Schulerfolg nicht in Gänze abbauen können. Aber wir können ihn stärker abbauen«

Kai Maaz, Bildungsforscher

»Wir werden den Zusammenhang von sozialer Herkunft und Schulerfolg nicht in Gänze abbauen können. Das wäre eine bildungspolitische Illusion«, sagte Maaz. »Aber wir können ihn stärker abbauen.«

Bisher sei dies unter anderem deshalb noch nicht besser gelungen, sagte der Bildungsforscher, weil in Deutschland bei Kitas immer noch vorrangig von Betreuung statt Bildung gesprochen werde. Andere Länder seien dort bereits einige Schritte weiter. Maaz kritisierte, wenn ein Teil der Kinder in der Schule die Mindeststandards nicht erfülle, bleibe dies in der Regel folgenlos. »Die Lehrkräfte machen weiter im Stoff.« Ganztagsbetreuung könnte theoretisch helfen, Leistungsschwächen zu kompensieren, diese sei bisher aber keineswegs flächendeckend an Bildung und Qualität ausgerichtet.

»Die Probleme im Bildungssystem lassen sich nicht innerhalb von ein bis zwei Legislaturperioden lösen«, bilanziert der Bildungsforscher. »Deshalb müssen wir uns jetzt Ziele setzen, was wir wann erreichen wollen, um das System schneller und reaktionsfähiger zu machen, nicht zuletzt mit Blick auf Krisen wie die Pandemie, aber auch Kriege und Massenflucht.«

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