Schulstart in der Pandemie Vor dem Unterricht zum Corona-Test, bitte!

In Neustrelitz setzt ein Gymnasium bei der Wiederaufnahme des Unterrichts nicht nur auf Abstandsregeln und Desinfektionsmittel - sondern auch auf freiwillige Virentests. Ist das auch für andere Schulen sinnvoll?
Unterricht im Corona-Modus: Selbstgebauter Stab mit einem Aufkleber "1,5 m" in einer Grundschule (Symbolbild)

Unterricht im Corona-Modus: Selbstgebauter Stab mit einem Aufkleber "1,5 m" in einer Grundschule (Symbolbild)

Foto: Christian Charisius/ dpa

Die ersten Jahrgänge sitzen am Gymnasium Carolinum in Neustrelitz wieder im Klassenzimmer - eins aber ist bei ihnen anders als bei fast allen anderen Schülerinnen und Schülern, die in diesen Tagen wieder in die Schule gehen: Die meisten von ihnen haben unmittelbar vor dem Unterricht einen Corona-Test gemacht.

Wer ins Gebäude will, läuft durch ein großes Zelt, vorbei an langen Tischen mit Röhrchen und Teststreifen. So ist es in einer der Videobotschaften  zu sehen, die Schulleiter Henry Tesch fast täglich an seine Schüler schickt. "Schüler sowie Lehrkräfte können freiwillig herausfinden, ob sie sich mit dem neuartigen Coronavirus infiziert haben", erzählt er dem SPIEGEL am Telefon.

Die Jugendlichen machen demnach den Abstrich selbst, so wie es ihnen vorab gezeigt worden ist. Dann wird das Röhrchen ans Labor geschickt, und spätestens am Morgen danach liegt das Ergebnis vor. Zweimal pro Woche können Schüler, Lehrkräfte, der Hausmeister und anderes Personal den Test freiwillig durchführen. Bisher habe die Mehrheit mitgemacht, sagt Tesch.

Mit seinem Corona-Screening hat der Schulleiter jede Menge mediale Aufmerksamkeit erregt und es bis in die "New York Times"  geschafft. Seine Idee wird als beispielhaft dafür zitiert, wie Schulen künftig trotz Pandemie einen halbwegs regulären Unterrichtsbetrieb aufrechterhalten können. Nur: Wie sinnvoll ist so ein Screening? Noch dazu in dem speziellen Setting in Neustrelitz?

Hoffnung auf Normalität

Am Carolinum ist mit den Tests die Hoffnung verbunden, dass bald endlich wieder mehr Normalität im Schulalltag einkehrt. Bisher läuft das Gymnasium, so wie alle anderen Schulen bundesweit, noch im Corona-Modus.

Lehrkräfte dürfen nur Kleingruppen unterrichten, zehn Schüler pro Klassenraum. Nur so können Abstandsregeln eingehalten werden, die gefordert sind, weil keiner weiß, ob der Mitschüler infiziert ist oder nicht. Unterricht findet nur stundenweise statt, die Mehrheit der rund 1000 Jugendlichen, die das Gymnasium sonst besuchen, bleibt ganz zu Hause.

Lassen sich jedoch alle regelmäßig testen, könnten künftig vielleicht wieder zwanzig oder gar dreißig Schüler zusammensitzen, es wäre wieder regulärer Unterricht möglich, hofft Tesch und trifft mit diesem Ansatz den Nerv einer Screening-Debatte, die in Deutschland bisher eher schleppend verläuft. Zum Ärger mancher Fachleute.

Virologen-Mantra: Testen

Testen, testen, testen, um die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus einzudämmen - so lautet das Mantra von Virologen wie Alexander Kekulé von der Uni Halle-Wittenberg, der sich auf Seuchenbekämpfung und Pandemieplanung spezialisiert hat. Seit Wochen predige er, dass Menschen regelhaft getestet werden sollten, sagt der Mediziner und scherzt gegenüber dem SPIEGEL, er werde sich beim Carolinum mit einem großen Strauß Blumen bedanken.

"Mit einem regelhaften Screening lässt sich schnell herausfinden, wer sich angesteckt hat. In der Schule findet man dann schnell heraus, mit wem derjenige zuletzt Kontakt hatte", sagt Kekulé. So könnten Infektionsketten gut zurückverfolgt werden. Infizierte würden dann isoliert und vor allem von Risikopersonen getrennt, bei denen die Wahrscheinlichkeit hoch ist, schwerer an Covid-19 zu erkranken.

Gleichzeitig müssen sich alle anderen nachweislich Nicht-Infizierten im Alltag viel weniger einschränken als bisher, so die Idee. Der Virologe hält das Konzept gerade für Kitas und Grundschulen, wo jüngere Kinder größere Mühe mit Abstands- und Hygieneregeln hätten, für besonders wichtig. An weiterführenden Schulen sei es auch sinnvoll.

"Statt Kinder und Jugendliche über Monate von Kitas und Schulen fernzuhalten, müssen wir eine Firewall zwischen sie und die Risikogruppen setzen", sagt Kekulé, selbst Vater von fünf Kindern, darunter zwei im Alter von fünf und acht Jahren. Regelmäßige Tests seien der einzige Weg, um in absehbarer Zeit zu einem regulären Kita- und Schulbetrieb zurückzukehren: "Was in der Bundesliga geht, wo Fußballer regelmäßig getestet werden, muss auch hier ermöglicht werden."

Sterblichkeit durch das neuartige Coronavirus nach Alter

Altersgruppe

Zahl der bestätigten Fälle

Zahl der Todesfälle

Sterblichkeitsrate

0- bis 9-Jährige

416

-

0 Prozent

10- bis 19-Jährige

549

1

0,2 Prozent

20- bis 29-Jährige

3619

7

0,2 Prozent

30- bis 39-Jährige

7600

18

0,2 Prozent

40- bis 49-Jährige

8571

38

0,4 Prozent

50- bis 59-Jährige

10.008

130

1,3 Prozent

60- bis 69-Jährige

8583

309

3,6 Prozent

70- bis 79-Jährige

3918

312

8,0 Prozent

Über 80-Jährige

1408

208

14,8 Prozent

Quelle: China CDC Weekly

Ein Modell, das Schule macht?

Andere Länder setzen die Screening-Idee bereits im großen Stil um. Kurz bevor die Schulen zum Beispiel in Luxemburg wieder öffneten, bot die Regierung Tests für 8500 Schülerinnen und Schüler sowie ihre Lehrkräfte an. Das Land will die Lockerung der Corona-Regeln insgesamt mit einem umfangreichen Screening für seine rund 600.000 Einwohner begleiten.

Deutschland ist längst noch nicht so weit. Einige Bundesländer preschen allerdings vor. Sachsen bietet allen Lehrerinnen und Lehrer ab dem 1. Juni an, sich testen zu lassen. Das Land will die Kosten dafür übernehmen. Ein Anfang. So weit wie in Neustrelitz reicht das Screening jedoch nicht.

Dass sich Lehrkräfte und eben auch Schüler wie am Carolinum testen lassen, und zwar im Abstand von wenigen Tagen, hält Virologe Kekulé für eine zentrale Bedingung dafür, dass ein Schul-Screening Sinn ergibt. Wenn Kinder infiziert seien, zeigten sie selten Symptome, sagt er. Deshalb müsse regelmäßig getestet werden, mindestens ein Mal pro Woche.

Fällt das Ergebnis positiv aus, ist also tatsächlich ein Schüler oder eine Lehrkraft mit dem Coronavirus infiziert, müssten sofort die Klasse und andere Kontaktgruppen, etwa aus der Nachmittagsbetreuung, getestet werden. Wird in der Schule ansonsten Abstand gehalten, wird darauf geachtet, dass nicht jeder mit jedem Kontakt hat und der Klassenraum gut gelüftet wird, "dann müssen Sie nicht die ganze Klasse nach Hause schicken, geschweige denn die ganze Schule dicht machen", sagt Kekulé. Dann müsse erst einmal nur der Infizierte zu Hause bleiben.

Neustrelitz: bisher negativ

Am Gymnasium Carolinum ist bisher jeder Test negativ ausgefallen. Es gab keinen Corona-Verdacht. Das muss allerdings nicht zwingend heißen, dass sich tatsächlich niemand mit dem Virus infiziert hat. Kekulé schätzt, die Fehler-Wahrscheinlichkeit der gängigen Corona-Tests liege bei bis zu fünf Prozent. Ein Problem sieht er darin nicht. Sind 95 Prozent richtig, "reicht das völlig für eine epidemiologische Kontrolle".

Andreas Podbielski, Leiter des Instituts für Medizinische Mikrobiologie, Virologie und Hygiene an der Rostocker Universitätsklinik, ist trotzdem kritisch - und war wegen der Bedingungen, unter denen das Screening am Carolinum stattfindet. Er findet zum Beispiel ungünstig, dass die Schüler die Tests selbst durchführen. "Es bleibt unklar, ob die Kinder und Jugendlichen das fachgerecht machen", sagt er.

"Nur wenn der Test wirklich professionell durchgeführt wird, sind die Ergebnisse aussagekräftig. Je unprofessioneller ein Test gemacht wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es fälschlicherweise zu einem negativen Ergebnis kommt." Dann könnten sich Beteiligte unter Umständen in falscher Sicherheit wiegen, sagt Podbielski.

"Wir haben nicht mehr viel Zeit"

Schulleiter Tesch betont, dass an seiner Schule trotz allem Abstands- und Hygieneregeln eingehalten würden. Er findet, die Tests seien zumindest einen Versuch wert. "Wir können mit diesem Experiment hoffentlich einen Beitrag zu der Erkenntnis leisten, ob solche Tests weiterhelfen oder nicht", sagt er. "Wir haben dafür nicht mehr viel Zeit. Mitte Juni beginnen bei uns die Sommerferien. Die Zeit bis dahin sollten wir unbedingt nutzen."

Aber ist Neustrelitz der richtige Ort für so ein Experiment? Podbielski hält Reihentests an ausgewählten, mit Blick auf die Corona-Pandemie repräsentativen Schulstandorten für sinnvoller. "In einem weitgehend Covid-freien Bundesland wie Mecklenburg-Vorpommern ist so etwas im Moment wenig ergiebig."

Das Hamburger Universitätsklinikum hat etwa Tests mit 6000 Kindern und Jugendlichen angekündigt, auch um mehr über mögliche Ansteckungen in dieser Altersgruppe zu erfahren.

Für das Gemeinwohl?

Dass die Corona-Tests ausgerechnet am Carolinum durchgeführt werden, hat einen besonderen Grund: Die Schule kooperiert etwa bei Projekten schon länger mit dem Rostocker Biotech-Unternehmen Centogene, wie Schulleiter Henry Tesch sagt, der früher einmal Bildungsminister von Mecklenburg-Vorpommern war. Die private Firma stellt der Schule derzeit die Corona-Tests zur Verfügung. Kostenlos.

Welche Interessen dahinter stehen, ist nicht ganz klar. Volkmar Weckesser, ein Sprecher von Centogene, sagte dem SPIEGEL, dem Unternehmen gehe es bei den Corona-Tests am Gymnasium lediglich darum, "die globale Expertise, die wir haben, dem Gemeinwohl zur Verfügung zu stellen".

Centogene-Geschäftsführer Arndt Rolfs teilt wenige Tage später im "Tagesspiegel"  mit, dass er die Tests in weiteren Bundesländern ausweiten will. Sie erfüllten Standards der Weltgesundheitsorganisation. Weckesser sagt dem SPIEGEL, bis zu 25.000 Tests pro Tag könne seine Firma derzeit durchführen. Allerdings nicht, wie am Carolinum, grundsätzlich gratis. Bei entsprechenden Mengen könne das Unternehmen einen Test für bis zu 35 Euro anbieten - für Centogene, das schon mal durch negative Berichterstattung auffiel, wäre das bei entsprechender Abnahme etwa von weiteren Schulen ein riesiges Geschäft.

"Ethisch fragwürdig"

Cornelia Wanke, Geschäftsführerin des Vereins Akkreditierte Labore in der Medizin (ALM), vermutet, dass Unternehmen wie Centogene vor allem kommerzielle Interessen antreiben. In einer ALM-Stellungnahme mahnt sie, angesichts vermehrter Forderungen nach Corona-Tests "gerieren sich immer mehr Unternehmen als vermeintliche Helfer in der Not und bieten gar millionenfach Testungen an – auch in Kitas und Schulen."

Der ALM warne eindringlich davor: "Diagnostische Tests inklusive all ihrer Bestandteile müssen in ärztlicher Hand bleiben!" Die angebotenen Selbsttests seien "nicht nur ethisch fragwürdig. Sie suggerieren Menschen, dass es Unternehmen bedürfe, die solche Leistungen bereitstellen müssen. Das ist schlichtweg falsch." Labor-Kapazitäten seien zuletzt auf fast eine Million Tests gesteigert worden. Das Potenzial werde derzeit nicht einmal voll ausgeschöpft.

Das Bildungsministerium von Mecklenburg-Vorpommern teilt dem SPIEGEL mit, die Centogene-Aktion am Neustrelitzer Carolinum sei weder mit dem Ministerium noch mit dem zuständigen Schulamt Neubrandenburg abgesprochen gewesen. "Bei den Tests handelt es sich um eine Eigeninitiative des Schulleiters." Wichtig sei, dass in der Schule weiterhin die vorgeschriebenen Hygiene-Vorschriften, die für alle Schulen gelten, eingehalten würden. 

Wer zahlt?

Würde sich jede Kita und Schule in Deutschland ein Beispiel am Carolinum nehmen, entstünden bei regelmäßigen Corona-Tests für mehr als drei Millionen Kitakinder und rund elf Millionen Schülerinnen und Schüler immense Kosten. Wer soll dafür aufkommen?

"Wenn der Bundesfinanzminister sprichwörtlich die Bazooka auspackt, um mit staatlichen Geldern die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie abzufedern", so Virologe Kekulé, "müsste die Regierung auch Geld für Prävention ausgeben, für prophylaktische Tests, um eine Ausbreitung des Virus zu verhindern und um drastischere Maßnahmen zu vermeiden." Er geht zudem davon aus, dass Corona-Tests bei einer Massenproduktion deutlich im Preis sinken. 

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn will die Tests in Deutschland nun immerhin deutlich ausweiten. Am Donnerstag beschloss der Bundestag das neue Infektionsschutzgesetz. Damit kann Spahn die gesetzliche Krankenversicherung per Verordnung verpflichten, Tests grundsätzlich zu bezahlen - zum Beispiel auch dann, wenn jemand keine Symptome zeigt. 

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach kritisierte, dass der Vorstoß zu spät kommt, "eigentlich bräuchte man diese Tests schon jetzt", wird Lauterbach auf tagesschau.de zitiert. Spahn hat bei den vermehrten Tests zudem erst einmal vor allem Alten- und Pflegeheime im Blick. Nicht Kitas oder Schulen.

"Wir brauchen andere Ideen"

Sollen Schüler und Lehrkräfte also auf Normalität im Schulalltag warten, bis ein Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus gefunden ist? "Das ist keine Option", findet Virologe Kekulé, bis dahin würden ganz sicher noch viele Monate oder gar Jahre vergehen.

Auch Schulleiter Tesch meint, dass schnell eine Lösung hermuss. Wenn noch bis zu den Sommerferien alle Schüler im Schichtsystem in die Schule kommen sollen, wie die Kultusminister gefordert hatten, stoße das System personell und räumlich an Grenzen , sagt Tesch.

Egal, welche Maßnahmen am Ende beschlossen werden, ob Schüler tage- oder wochenweise wieder im Klassenraum sitzen - das Lernen zu Hause geht zwangsläufig weiter. Aber das, sagt Tesch, "ist kein Unterricht". Den regulären Schulbetrieb könne dies keineswegs ersetzen. "Wir brauchen andere Ideen."

Mitarbeit: Julia Koch