Notenmanipulation an der Universität Duisburg-Essen Markt der Möglichkeiten

800 Euro für eine bestandene Prüfung, mindestens 50 Euro für eine bessere Note: Eine Uni-Mitarbeiterin soll in Essen jahrelang Klausurergebnisse geschönt haben – gegen Geld.
Hörsaal der Universität Duisburg-Essen

Hörsaal der Universität Duisburg-Essen

Foto: Rolf Vennenbernd / dpa

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Das Saysche Theorem gilt als Grundsatz der Wirtschaftswissenschaften. Studierende beschäftigen sich meist im ersten Semester damit. »Jedes Angebot schafft sich seine Nachfrage selbst«, formulierten Ökonomen zu Beginn des 19. Jahrhunderts. »Das gilt selbst für Angebote, die mit dem Gesetz nicht vereinbar sind«, müsste man aus aktuellem Anlass noch hinzufügen. Der Markt regelt das schon.

Ob die Verwaltungsangestellte im Zentralen Prüfungsamt der Universität Duisburg-Essen schon einmal von diesem ökonomischen Grundgesetz gehört hat? Dessen Inhalt hatte sie allemal verinnerlicht. Das Angebot: Wer eine Prüfung nicht bestanden oder eine unbefriedigende Note erhalten hatte, dem konnte die 38-Jährige helfen. Gegen Geldzahlungen von bis zu 800 Euro soll die Frau die Noten in der zentralen Prüfungsdatenbank angehoben haben. Aus »durchgefallen« wurde »bestanden«. So konnten sich Studierende ihre Abschlüsse erkaufen.

800 Euro für eine bestandene Klausur

Dieser besondere Service muss sich unter den Studentinnen und Studenten herumgesprochen haben. Rund 50 aktuelle oder ehemalige Studierende der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät in Bachelor-, Master- und Lehramtsstudiengängen sollen davon Gebrauch gemacht haben. Die Mitarbeiterin soll in einem Zeitraum von vier Jahren insgesamt etwa 160 Noten im Nachhinein verbessert haben.

In der Ökonomie regelt der Markt das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage über den Preis. Laut »Westdeutscher Allgemeiner Zeitung « soll die Frau 800 Euro kassiert haben, um eine eigentlich nicht bestandene Klausur zu retten. Für eine Höherstufung der Note soll sie 50 Euro je 0,3 Punkte verlangt haben. Die Universitätsleitung wollte diese Zahlen nicht kommentieren.

Die Mitarbeiterin wurde inzwischen entlassen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. »Diese Ermittlungen unterstützt die Universität selbstverständlich nach Kräften«, schreibt der Kanzler Jens Andreas Meinen in einer Stellungnahme. Wie die »Funke Mediengruppe « berichtet, durchsuchten Ermittler auch Wohnungen von Studierenden, die im Verdacht stehen, die Mitarbeiterin bestochen zu haben. Aktuell erstrecken sich die Untersuchungen auf vier Jahre: 2017 bis 2021. Da die 38-Jährige aber schon deutlich länger an der Hochschule arbeitet, werden die Ermittlungen womöglich ausgedehnt.

Aufgefallen ist die Manipulation nach einem anonymen Hinweis an die Universitätsleitung. Gut möglich, dass einem der potenziellen Kunden der Preis zu hoch erschien. Nach »umfangreichen internen Prüfungen«, wie es in der Stellungnahme heißt, erstattete die Universität schließlich selbst Anzeige.

Wie ist es möglich, dass wohl eine einzige Person über Jahre hinweg Noten manipulieren und ein stattliches Sümmchen damit verdienen kann?

Die Ursprungsnoten liegen noch vor – allerdings auf Papier

»Dass Noten nachträglich geändert werden, kommt regelmäßig vor«, so Universitätssprecher Thomas Wittek. Studierende, die ein Prüfungsergebnis nicht nachvollziehen könnten, beantragten häufig Einsicht in die Klausuren. Manchmal müsse die Note dann angepasst werden. Dies geschehe zunächst in der betreffenden Fakultät. Von dort aus würde die Note ans Zentrale Prüfungsamt übermittelt und dort händisch korrigiert. »An dieser Schnittstelle saß die betreffende Mitarbeiterin«, sagt Wittek.

Diese habe die Zensuren allerdings nur in der zentralen Prüfungsdatenbank geändert. »In der Fakultät liegen die Ursprungsnoten noch vor«, so Wittek. »Allerdings nur auf Papier.« Ein Abgleich der Daten soll nun klären, wie viele Studierende genau in die Manipulationen verstrickt sind – und welche. »Wir werden in Kürze alle Namen kennen«, sagt Thomas Wittek.

Dann drohen Konsequenzen. Ist ein akademischer Abschluss durch Täuschung oder Manipulation zustande gekommen, wird der Abschluss aberkannt. »Die Prüfungsordnung lässt da wenig Spielraum.« Hinzu kommt: »Bestechung ist ein Straftatbestand«, sagt Wittek. Deshalb könnten den beteiligten Studierenden Konsequenzen drohen. »Wir erhoffen uns einen abschreckenden Effekt für die Zukunft«, sagt Wittek. Es gehe schließlich auch um die Integrität der Abschlüsse. »Ein Zeugnis der Universität Duisburg-Essen soll auch weiterhin etwas wert sein.«

Für den Hamburger Verwaltungsrechtler Alexander Münch liegt der Fall nicht ganz so eindeutig. »Es handelt sich hier sehr wahrscheinlich nicht um Täuschung«, sagt der Rechtsanwalt. Schließlich hätten die Studierenden ihre Prüfungsleistung ordnungsgemäß erbracht. »Die Prüfung an sich war nicht manipuliert.« Werde eine Mitarbeiterin des Prüfungsamtes im Nachhinein beeinflusst, sei das zwar nicht in Ordnung, aber eben keine klassische Täuschung. »Eigentlich dürfte der Prüfungsanspruch nicht entzogen werden.« Deshalb bestehe noch eine Chance, dass Studierende die Klausur zu einem späteren Zeitpunkt wiederholen könnten.

Haben ehemalige Studierende mittlerweile eine Arbeitsstelle angetreten, für die der Universitätsabschluss Voraussetzung ist, können sie im schlimmsten Fall ihren Job verlieren. »Die Einstellungsvoraussetzung wäre nicht mehr gegeben«, so Münch.

Nur Wirtschaftswissenschaften betroffen

Die Universität hat unterdessen stichprobenartig auch die Prüfungsergebnisse anderer Fakultäten überprüft. »Dabei haben sich keine weiteren Auffälligkeiten ergeben«, sagt Wittek. »Wir gehen deshalb davon aus, dass nur die Wirtschaftswissenschaften betroffen sind – der Fachbereich, für den diese Mitarbeiterin zuständig war.«

Künftig soll diese Möglichkeit einer Manipulation ausgeräumt werden, heißt es aus der Universitätsleitung. Dann sollen die Fakultäten ihre Prüfungsergebnisse direkt in die zentrale Datenbank eintragen können – digital und ohne Umweg.

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