OECD-Bildungsbericht Berufliche Bildung stark, allgemeinbildende Schulen schwächeln

Bildungsausgaben, Lehrergehälter, Klassengrößen: Der OECD-Bericht "Bildung auf einen Blick" liefert einen internationalen Statistikvergleich. Wo Deutschland gut abschneidet - und wo sich etwas tun muss.
Deutsche Klassengrößen bewegen sich im internationalen Durchschnitt, die Zahl der Unterrichtsstunden für Lehrkräfte liegt hingegen niedriger

Deutsche Klassengrößen bewegen sich im internationalen Durchschnitt, die Zahl der Unterrichtsstunden für Lehrkräfte liegt hingegen niedriger

Foto: Patrick Seeger/ picture alliance / dpa

Lob für die berufliche Bildung, kritische Anmerkungen zum allgemeinbildenden Schulsystem - und ein Warnruf in Sachen Lehrermangel: Deutschlands Bildungssystem schneidet im internationalen Vergleich nur teilweise gut ab. Das geht aus dem Bericht "Bildung auf einen Blick " hervor, den die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) am Dienstag vorgestellt hat.

Die Studie ist 584 Seiten dick und voller Daten zu den nationalen Bildungssystemen von 48 Staaten und Regionen weltweit. Die Auswertung für das deutsche Schul- und Bildungssystem ergibt dabei widersprüchliche Ergebnisse:

Lob gibt es von den Autoren der Studie für die Berufsausbildung in Deutschland. "Berufliche Bildung ist eine der Stärken des deutschen Bildungssystems", schreiben die Autorinnen und Autoren. Sie prophezeien, dass dieser Bereich eine Schlüsselrolle nach der Corona-bedingten Wirtschaftsflaute spielen werde. Auch sei ein berufsbildender Abschluss fast so etwas wie eine Garantie für eine Beschäftigung: 88 Prozent der 25- bis 34-Jährigen mit Berufsabschluss hätten einen Job.

Aber: Diesen Wert erreichen auch diejenigen, die ein Studium oder eine Fachschule abgeschlossen haben - sie erhalten allerdings deutlich mehr Geld. "Erwachsene mit einem Abschluss im Tertiärbereich verdienen rund zwei Drittel (61 Prozent) mehr als Arbeitskräfte mit einem Abschluss im Sekundarbereich II", heißt es in dem Bericht.

Die Zahl derjenigen, die ein Studium oder eine Fachschulausbildung, den sogenannten Tertiärbereich, absolvieren, hat in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland deutlich zugenommen - von 26 Prozent im Jahr 2009 auf 33 Prozent im Jahr 2019 bei den 25- bis 34-Jährigen. Das sei ein positiver Trend, stellen die Forscherinnen und Forscher fest.

Aber: Trotz dieses Anstiegs liegt Deutschland bei den höher qualifizierten Bildungsabschlüssen immer noch deutlich unter dem Durchschnitt der OECD-Länder. Hier kommen in derselben Altersgruppe 45 Prozent der Menschen auf einen Studienabschluss oder ein vergleichbares Examen.

Keine Frage des Geldes

Bei den Ausgaben für Bildungseinrichtungen schneidet Deutschland überdurchschnittlich gut ab: Im Schnitt wurden für jeden Vollzeit-Bildungsteilnehmer von der Grundschule bis zum Studium pro Jahr umgerechnet 13.529 US-Dollar (etwa 11.456 Euro) ausgegeben - der OECD-Schnitt liegt nur bei 11.231 US-Dollar (etwa 9510 Euro).

Aber: Trotz dieser höheren Ausgaben landete Deutschland beim aktuellen Pisa-Schulleistungstest nur im oberen Mittelfeld, in einigen Einzelbereichen waren die Ergebnisse sogar noch schlechter. Mehr Geld für die Bildung bedeutet also nicht automatisch ein besseres Schulsystem mit besseren Leistungen der Schülerinnen und Schüler.

Auf Kritik stieß bereits in den vergangenen Jahren auch die Verteilung der Ausgaben auf die verschiedenen Schulformen. So wird, das bestätigt der neue Bildungsbericht, nach wie vor für Grundschulkinder deutlich weniger Geld bereitgestellt als für ältere Schülerinnen und Schüler.

Die Ausgaben liegen in Deutschland demnach pro Jahr bei umgerechnet 9572 US-Dollar (etwa 8105 Euro) für jeden Grundschüler, bei 11.975 US-Dollar (etwa 10.144 Euro) für Jugendliche in den Klassen 5 bis 10 (Sekundarstufe I) und bei 15.466 US-Dollar (etwa 13.101 Euro) in der Sekundarstufe II.

Situation der Lehrkräfte

Ein Kapitel des Bildungsberichts beschäftigt sich mit der Arbeitssituation der Lehrerinnen und Lehrer. Hier zeigt sich, dass Deutschland überdurchschnittlich hohe Gehälter zahlt. So liegt der durchschnittliche Jahreslohn für eine Vollzeit-Grundschullehrkraft bei umgerechnet 74.407 US-Dollar (etwa 63.030 Euro) - im OECD-Durchschnitt zahlen die Länder dagegen nur ein Gehalt von 43.942 US-Dollar (etwa 37.223 Euro).

Bei der Auswertung der Unterrichtsverpflichtung ergibt sich jedoch ein ganz anderes Bild: So arbeiten Lehrerinnen und Lehrer in deutschen Grundschulen im Schnitt 698 Unterrichtszeitstunden pro Jahr - im OECD-Schnitt sind es dagegen 778 Stunden. Die höchste Arbeitsbelastung haben in allen Schulformen die Lehrkräfte in Costa Rica.

Ziemlich genau bei den OECD-Durchschnittswerten landet Deutschland im Hinblick auf die Klassengrößen. In der Grundschule werden im Schnitt 21 Kinder zusammen unterrichtet, in den weiterführenden Schulen bis zur Klasse 10 sind es 24 Kinder. Zum Vergleich: Die kleinsten Grundschulklassen gibt es in Luxemburg mit 15 Kindern, die größten in Chile mit 28.

Lehrermangel als ernstes Problem

Alarm schlagen die Autorinnen und Autoren des Bildungsberichts im Hinblick auf die Versorgung der Schulen mit gut ausgebildeten Lehrkräften. Ein großer Teil der Lehrerinnen und Lehrer gehe in den kommenden Jahren in Pension und müsse dann ersetzt werden. "2018 waren 41 Prozent der Primar- und Sekundarschullehrer in Deutschland über 50 Jahre und nur 7 Prozent unter 30", heißt es in der OECD-Studie. Der Lehrermangel ist schon heute ein riesiges Problem für die Länder – und dürfte sich in den kommenden Jahren noch erheblich verschärfen.

Folgen der Coronakrise

In einer Sonderauswertung beschäftigen sich die Forscherinnen und Forscher mit den Auswirkungen der Coronakrise auf die Schulen und das Bildungssystem. "Die Kosten von Schulschließungen für die Einzelnen und die Gesellschaft sind sehr hoch", betonen die OECD-Bildungsforscher. Voraussetzung für die Wiedereröffnung von Schulen in Zeiten der Pandemie sei jedoch die Möglichkeit, einen sicheren Abstand zwischen den Kindern und den Lehrkräften sicherzustellen: "Für Länder mit kleineren Klassengrößen ist es unter Umständen leichter, die neuen Vorgaben zur sozialen Distanzierung einzuhalten."

Für Deutschland errechnet der Bericht, dass die Schulen effektiv 17 Wochen lang geschlossen waren – drei Wochen länger als im internationalen Durchschnitt. Für Grundschülerinnen und -schüler bedeutete das 323 ausgefallene Präsenzstunden, für Jugendliche in der Sekundarstufe I waren es 408 Unterrichtsstunden.

Zwar wurde versucht, mit der Umstellung auf digital gestützten Unterricht diesen Wegfall von Präsenzstunden zu kompensieren, das habe sich in Deutschland aber "schwieriger" als in anderen Staaten umsetzen lassen, heißt es im OECD-Bericht. So habe nur ein Drittel der Schulleitungen der Aussage zugestimmt, dass in Deutschland eine effektive Onlineplattform zur Lernunterstützung zur Verfügung stehe. Im OECD-Durchschnitt sagten das dagegen 54 Prozent, in Dänemark und Singapur sogar über 90 Prozent der Schulleitungen.

Zu ebenfalls schlechten Ergebnissen für Deutschland war zuvor eine internationale Umfrage unter Eltern und Schülern in sechs Ländern gekommen, in der es darum ging, wie gut die Schulen den kurzfristigen Umstieg vom Präsenz- zum Fernunterricht geschafft haben. Demnach gelang ein guter Wechsel in Deutschland nur für jeden zehnten Schüler - beim Spitzenreiter Singapur waren es dreimal so viele.

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