OECD-Ländervergleich »Bildung auf einen Blick« So steht es um das deutsche Bildungssystem

Lob für Kitas und Kindergärten, Sorgen wegen des drohenden Lehrermangels: Ein neuer OECD-Bericht beleuchtet den deutschen Bildungssektor – und zieht eine durchwachsene Coronabilanz.
Schüler in Bayern (Symbolfoto)

Schüler in Bayern (Symbolfoto)

Foto: Peter Kneffel / picture alliance/dpa

Wie steht es um das deutsche Bildungssystem im internationalen Vergleich? Jedes Jahr im Herbst zieht die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) eine umfangreiche Bilanz. Auf 568 Seiten geht es erneut um Klassengrößen, Lehrergehälter, Bildungsausgaben, Einkommensunterschiede bei Absolventen – und in diesem Jahr besonders um die Coronapandemie.

Die Studie »Bildung auf einen Blick« zu 48 Mitgliedstaaten, die an diesem Donnerstag vorgestellt wird, lag dem SPIEGEL vor Veröffentlichung vor. Positiv bewerteten die Forscherinnen und Forscher, dass in Deutschland im Vergleich deutlich mehr Kinder an Angeboten der frühkindlichen Bildung teilnehmen. Fast 40 Prozent der Kinder unter drei Jahren besuchten 2019 eine Krippe, Kita oder wurden von Tageseltern betreut – im OECD-Durchschnitt waren es nur ein Viertel. Bei Kindern zwischen drei und fünf Jahren waren es sogar 94 Prozent.

Mit Sorge blicken die OECD-Analysten auf einen drohenden Lehrkräftemangel an Deutschlands Schulen. Im Jahr 2019 waren an den weiterführenden Schulen der Sekundarstufe I 43 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer mindestens 50 Jahre alt und könnten in den nächsten zehn Jahren das Ruhestandsalter erreichen. Dieser Anteil liegt signifikant über dem OECD-Durchschnitt (36 Prozent).

Hohe Gehälter – bei weniger Arbeitszeit

Dabei dürfte der Beruf in Deutschland mit Blick auf den Verdienst deutlich attraktiver sein als anderswo: Nach den Berechnungen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verdienen Lehrkräfte in Deutschland besser als in allen anderen OECD-Ländern mit verfügbaren Daten. Im Jahr 2020 lagen die Gehälter deutscher Lehrkräfte aller Schulformen in Deutschland mehr als 1,7-mal so hoch wie im OECD-Mittelwert: An Grundschulen im Durchschnitt bei 76.997 US-Dollar im Jahr (umgerechnet rund 65.000 Euro) und an weiterführenden Schulen in der Sekundarstufe I bei 84.869 US-Dollar (umgerechnet rund 72.000 Euro).

Gleichzeitig arbeiten Lehrkräfte in Deutschland durchschnittlich weniger Stunden pro Jahr als ihre Kolleginnen und Kollegen im OECD-Ausland. Besonders groß ist die Diskrepanz an Grundschulen. Hier unterrichten Lehrkräfte in Deutschland im Jahr 2020 691 Stunden – und damit ganze 100 Stunden weniger als im Durchschnitt der betrachteten Staaten. Lehrerinnen und Lehrer an weiterführenden Schulen unterrichteten in der Sekundarstufe I durchschnittlich 641 Stunden (OECD-Schnitt: 723 Stunden).

Schulen lange beeinträchtigt

Ein besonderes Augenmerk richtet die Analyse in diesem Jahr auf den Umgang der OECD-Mitglieder mit der Coronapandemie. Seit März 2020 mussten 37 OECD-Staaten ihre Schulen für kurze oder längere Zeiträume komplett schließen. Die Zahl der ausgefallenen Schultage variiert allerdings erheblich. In Deutschland blieben die Grundschulen an insgesamt 64 Tagen vollständig geschlossen, die weiterführenden Schulen in der Sekundarstufe I an 85 Tagen – beide Zahlen liegen im Durchschnittsbereich der OECD-Staaten.

Allerdings blieb der Schulbetrieb in Deutschland deutlich länger beeinträchtigt als in den meisten anderen Staaten in der Auswertung. Zwischen März 2020 und Mai 2021 öffneten die Bildungseinrichtungen hierzulande an weiteren 103 Tagen nur teilweise, etwa für Wechsel- oder Hybridunterricht – und damit fast doppelt so häufig wie im Durchschnitt der betrachteten Länder (57 Tage).

»Allerdings führt weniger Lernzeit nicht automatisch zu schlechteren Ergebnissen«, sagte Andreas Schleicher, Leiter des Direktorats Bildung bei der OECD in einer Online-Pressekonferenz. »Gute Lernergebnisse sind immer ein Produkt von Quantität und Qualität.« Deshalb solle man die Schließzeiten nicht überbewerten.

Zusätzlich analysierten die Forscherinnen und Forscher, welche Maßnahmen die Länder ergriffen, um Schülerinnen und Schüler zu unterstützen, die von den Folgen der Pandemie besonders betroffen sein könnten. 22 der 36 betrachteten Staaten, auch Deutschland, investierten etwa in die technische Ausstattung und stellten Kindern und Jugendlichen digitale Geräte zur Verfügung. Außerdem bemühten sich 29 Länder, benachteiligten und gefährdeten Kindern eine frühere Rückkehr in die Klassenzimmer zu ermöglichen.

»Die Coronapandemie hat den Bildungsbereich vor große Herausforderungen gestellt, aber auch deutlich vor Augen geführt, wo wir in Zukunft besser werden müssen«, kommentierte Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU). Mit der finanziellen Unterstützung aus dem Digitalpakt und den eigenständigen Programmen der Länder sei ein großer Schub ausgelöst worden.

Frauen verdienen weniger

In ihrem Bericht warnen die Autorinnen und Autoren vor den wirtschaftlichen Folgen der Coronapandemie für junge Menschen – auch wenn Deutschland hier etwas besser dasteht als der Durchschnitt der OECD-Staaten. Als besonders gefährdet gelten Jugendliche und junge Erwachsene mit niedrigem oder ohne Bildungsabschluss. Schon 2020 lag die Arbeitslosenquote der 25- bis 34-Jährigen, die höchstens die Realschule abgeschlossen haben, hierzulande bei 12,1 Prozent.

»Unser Bildungssystem schneidet im internationalen Vergleich in vielen Bereichen sehr gut ab – zum Beispiel beim Übergang in das Berufsleben«, sagte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU). »In kaum einem anderen Land finden so viele junge Menschen sofort nach ihrer Ausbildung einen Job wie in Deutschland. Dennoch sind wir in puncto Chancengerechtigkeit noch nicht am Ziel.«

Weitere zentrale Ergebnisse der Studie im Überblick:

  • Deutschland gibt anteilig weniger Geld für seine Bildungseinrichtungen aus als der Durchschnitt der OECD-Staaten. Im Jahr 2018 – neuere Vergleichsdaten lagen nicht vor – investierte die Bundesrepublik 4,3 Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes in Kitas, Schulen und Hochschulen. Im OECD-Mittel waren es 4,9 Prozent.

  • Weibliche Lehrkräfte sind an allen deutschen Schulformen überrepräsentiert, an Grundschulen liegt ihr Anteil mit 87 Prozent am höchsten. Im sogenannten »tertiären Bildungsbereich«, an Hochschulen und in der beruflichen Bildung, kehrt sich das Bild um. Hier sind nur noch 39 Prozent der Lehrpersonen weiblich.

  • In fast allen OECD-Ländern bekommen Frauen ein geringeres Gehalt als Männer mit vergleichbarem Bildungsstand. In Deutschland ist diese Lücke im internationalen Vergleich besonders groß. Eine Frau mit Berufsausbildung oder Hochschulabschluss erzielt im Schnitt nur 70 Prozent des Einkommens eines Mannes.

  • Generell ist in den OECD-Ländern ein Zusammenhang zwischen Migrationshintergrund und schwächeren PISA-Leistungen zu beobachten. In Deutschland sind die Leistungsunterschiede zwischen Kindern mit und ohne Zuwanderungsgeschichte überdurchschnittlich groß.

  • Studiengebühren für öffentliche Hochschulen sind in Deutschland im Vergleich zu den anderen OECD-Staaten besonders niedrig. Im Jahr 2018 zahlten Studierende im Durchschnitt 148 US-Dollar pro Jahr für eine Bachelor-, Master- oder Promotionsausbildung.

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