Offene Schulen trotz Shutdown Eltern und Lehrerverbände fordern mehr Gesundheitsschutz

Dass Schulen und Kitas offen bleiben, hat beim kommenden Shutdown politisch Priorität. Doch Eltern- und Lehrerverbände sehen das "Weiter so" kritisch. Auch in der Politik klingt Angst vor der eigenen Courage durch.
Grundschulklasse in Hamburg: Elternverbände fordern, "die körperliche und psychische Unversehrtheit" von Lehrkräften, Schülern und deren Familien zu schützen

Grundschulklasse in Hamburg: Elternverbände fordern, "die körperliche und psychische Unversehrtheit" von Lehrkräften, Schülern und deren Familien zu schützen

Foto: Christian Charisius / dpa

Während das Land im November wieder weitgehend in einen begrenzten Shutdown gehen soll, genießt ein Aspekt politische Priorität: Schulen und Kitas sollen offenbleiben. Darauf haben sich die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten gemeinsam mit der Bundeskanzlerin am Mittwoch geeinigt.

Dabei hatten sie nicht nur die Teilhabe und Bildung der Kinder im Blick, sondern auch die Interessen der Wirtschaft: Die Eltern sollen weiter arbeiten können - und so entlastet werden. Die wochenlange Schulschließung ab März habe die Familien "enorm unter Stress gesetzt", begründete Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann die Entscheidung.

Die Eltern allerdings sind auch diesmal wieder gestresst - weil sie sich zunehmend um den Gesundheitsschutz an den Schulen sorgen. Elternverbände aus ganz Deutschland haben am Mittwoch eine Petition an den Deutschen Bundestag  gestartet, in der sie "schnelles Handeln" fordern, "um die körperliche und psychische Unversehrtheit" von Lehrkräften, Schülern und deren Familien zu schützen.

Lange Liste an Forderungen

Die Kultusminister hielten sich nicht an die Empfehlung des Robert Koch-Instituts, kritisierten Vertreter verschiedener Landeselternverbände und des Bundeselternrats darin wiederholt. Sie forderten,

  • die Klassen wieder zu verkleinern,

  • den Nahverkehr zu entzerren,

  • Hybridunterricht im Schichtbetrieb zu ermöglichen,

  • mehr Personal einzustellen,

  • Plexiglastrennscheiben und Luftfilter zu installieren,

  • Masken, Endgeräte und zusätzliche Räume zur Verfügung zu stellen,

  • dabei den Betreuungsbedarf der Eltern sowie

  • die Bedürfnisse von Schülerinnen und Schüler mit erhöhtem Förderbedarf zu berücksichtigen.

Im Kern gehe es ihnen um "gemeinsames Handeln und ein regelmäßiges Abstimmen", teilten die Initiatoren mit – und kritisieren, dass die Politik bisher nicht auf ihre Forderungen und Bedenken reagiert habe.  

Auch Gewerkschaften und Lehrerverbände kritisieren die uneingeschränkte Öffnung. Es dürfe angesichts steigender Infektionszahlen kein Weiter-so geben, sagte die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe. "Wenn offene Schulen und Kitas höchste Priorität aus sozialen Gründen haben sollen, müssten Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher besonders geschützt werden. Die Beschäftigten setzten ihre Gesundheit ein, um dieses Ziel zu erreichen", teilte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft mit.

Zweifel am "Lockdown light"

Wie die Elternverbände forderte sie, die Empfehlungen des RKI zu befolgen und die Klassen ab Jahrgang 5 zu verkleinern und teils digital zu unterrichten, um die Abstände einzuhalten. Die Grundschulen allerdings sollten "so lange wie möglich geöffnet bleiben".

Ähnlich klingen die Forderungen aus dem Verband Bildung und Erziehung sowie dem Deutschen Lehrerverband. Sie begrüßten zwar, dass die Schulen offenbleiben sollen – nicht aber zu jedem Preis. "Ob ein Lockdown light funktionieren kann, wenn man die Schulen weitgehend ausnimmt, möchte ich bezweifeln", sagte der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, der "Passauer Neuen Presse". "Da, wo die Neuinfektionszahlen durch die Decke gehen, ist der Wechselbetrieb mit halbierten Klassen sicher die beste präventive Möglichkeit, um vollständige Schulschließungen zu verhindern." Diese wären unumgänglich, wenn das Infektionsgeschehen völlig unkontrollierbar werde.

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Angst vor der eigenen Courage

Eine gewisse Angst vor der eigenen Courage klingt auch bei der Politik durch. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek sagte, es müsse geklärt werden, wie der Schulbetrieb an die verschärfte Infektionslage angepasst werde. "Dies müssen die Länder entscheiden, die die Situation in den Regionen am besten einschätzen können", sagte Karliczek. "Dabei wird auch über eine Ausweitung der Maskenpflichten nachzudenken sein, um eine Art Sicherheitspuffer für den Schulbetrieb zu schaffen." Sie begrüßte den Beschluss zur Offenhaltung zwar eindeutig, sagte aber, die Schulen dürften "auch weiter nicht zu Corona-Hotspots werden".

Die Schulen seien sich ihrer Verantwortung gerade in den nächsten Wochen sehr bewusst, sagte Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien. Die Maskenpflicht im Unterricht sei verlängert worden und gelte ab einem bestimmten Inzidenzwert auch in den unteren Klassen. "Gerade auch als Mutter ist mir sehr schwergefallen, über eine Maskenpflicht auch an Grundschulen zu entscheiden", sagte Prien. Aber es sei "das verhältnismäßigere Mittel, als die Grundschulen zu schließen".

sun/dpa
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