Personalsituation in Kitas "Die Ausstattung ist per se schon ungenügend"

"Jacke an!": Für ganze Sätze ist im Kita-Alltag keine Zeit mehr. Darunter leiden Kinder und Erzieherinnen, haben Forscher herausgefunden. Professorin Julia Schütz spricht über die Ergebnisse ihrer Studie.
Ein Interview von Swantje Unterberg
Betreuerin mit mehreren Kleinkindern: Expertinnen und Experten empfehlen maximal drei Krippenkinder oder 7,5 Kindergartenkinder pro Fachkraft

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Peter Kneffel/ dpa

Zur Person
Foto: Hardy Welsch / FernUniversität in Hagen

Julia Schütz, Jahrgang 1977, ist Professorin für Empirische Bildungsforschung an der FernUniversität in Hagen. Gemeinsam mit Stefan Klusemann und Lena Rosenkranz hat sie die Studie "Professionelles Handeln im System. Perspektiven pädagogischer Akteur*innen auf die Personalsituation in Kindertageseinrichtungen (HiSKiTa)"  durchgeführt. Dazu wurden in Interviews und Gruppendiskussionen 128 Pädagoginnen und Pädagogen befragt. Diese qualitative Untersuchung im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung wurde gemeinsam mit dem "Ländermonitoring Frühkindliche Bildung"  veröffentlicht, das Personalschlüssel, Gruppengröße und Qualifikation des Personals in deutschen Kindertagesstätten untersucht.

SPIEGEL: Die Betreuung in Kitas ist hierzulande mehrheitlich "nicht kindgerecht": Zu dem Schluss kommt eine am Dienstag veröffentlichte Studie. Sie haben parallel zu dem sogenannten Ländermonitoring Erzieherinnen und Erzieher befragt, wie sie die Personalsituation wahrnehmen. Ist das Urteil genauso fatal?

Schütz: Ja, die Kitas erleben die Situation selbst dann als mangelhaft, wenn alle Stellen besetzt sind. Das heißt, die gesetzlichen Rahmenbedingungen und der Personalschlüssel reichen nicht aus. Die Ausstattung ist per se schon ungenügend. Selbst in gut ausgestatteten Kitas in einem bürgerlichen Umfeld kam heraus, dass aufgrund des Personalmangels nicht ausreichend Zeit bleibt, um kindgerechtes Handeln zu ermöglichen.

SPIEGEL: Ist das auch den Kindern bewusst - oder leiden vor allem die Fachkräfte?

Schütz: Die Erzieherinnen und Erzieher bewegen sich in einem Spagat zwischen ihrem Anspruch und den tatsächlichen Möglichkeiten. Sie stehen teils massiv unter Handlungsdruck und haben kaum Zeit für die einzelnen Kinder. Das schlägt sich natürlich über das Verhalten der pädagogischen Fachkräfte auch auf die Kinder nieder. Erwachsene können das besser kompensieren, Kitakinder haben diese Ressourcen nicht. Deswegen sind die Auswirkungen aufseiten der Kinder natürlich dramatischer, obgleich auch der Druck auf die Erzieherinnen gravierend ist.

SPIEGEL: Wie wirkt sich das im Kita-Alltag aus?

Schütz: Viele Befragte haben berichtet, dass sie mit den Kindern aufgrund der Personalnot restriktiver agieren. Also sie sagen nicht mehr: "Lukas, zieh bitte mal deine Jacke ordentlich an", sondern "Jacke an!" Diese verkürzte Sprache ist nicht nur für die Sprachentwicklung ein Problem. Sie wirkt sich auch negativ auf die pädagogische Beziehung aus. So klingen alltägliche Aufforderungen wie Befehle.

SPIEGEL: Die Kitas können ihren Bildungsauftrag nicht oder nur eingeschränkt umsetzen, heißt es in der quantitativen Studie. Wie sehen das die Befragten, definieren diese ihren Job eher über die Bildung und Erziehung oder die Betreuung?

Schütz: Das ist im Grunde der Knackpunkt: Sie wollen gern Bildungsangebote ermöglichen, aber können das in vielen Fällen nicht. Es geht nur noch darum, dass jeder was zu essen bekommt, angezogen und gewickelt wird. Also Hauptsache, der Laden läuft. Auf dem Spielplatz geht es dann nur noch darum, dass sich keiner den Arm bricht und der Tag irgendwie gut ausgeht. Alles, was darüber hinausgehen könnte, bleibt oft auf der Strecke. Die Verantwortlichen erleben das als bedrückend und belastend. Sie entscheiden sich ja für den Beruf nicht, weil sie jemanden betreuen wollen, sondern weil sie die Kinder pädagogisch begleiten und Angebote schaffen wollen.

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SPIEGEL Resignieren die Erzieherinnen und Erzieher - oder mobilisiert die Knappheit auch Kräfte, das Beste aus der Situation herauszuholen?

Schütz: Wir haben zwar hochmotivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kennengelernt und die Berufsgruppe erlebt auch noch zufriedenheitsstiftende Momente. Aber sie ist eben auch zerrissen, weil sie zu selten das tun kann, was pädagogisch richtig wäre. In unseren Gesprächen ist herausgekommen, dass von vielen Erzieherinnen und Erziehern viel mehr aufgewendet, ertragen und erduldet wird, als für die eigene Gesundheit gut ist. Das hängt wohl zum Teil auch damit zusammen, dass es ein klassischer Frauenberuf ist.

SPIEGEL: Stichwort Überlastung und Stress: Ist das Problem so groß, dass es für die Kinder gefährlich werden kann?

Schütz: Wenn eine Erzieherin permanent unter Druck steht und immerzu mit den wenigen Ressourcen jongliert, die sie zur Verfügung hat, dann wird das zu einem Problem. Etwa weil sie dann einer Auszubildenden Aufgaben überträgt, die dafür eigentlich noch nicht geeignet ist. Oder weil sie den Kindern gegenüber zu harsch und ungeduldig wird. Einige Gespräche haben bei mir Gänsehaut ausgelöst, so fürchterlich war das. Gerade in Kitas, die sich in einer sogenannten Negativspirale befinden, weil Stellen ohnehin unbesetzt sind und das soziale Umfeld nicht so einfach ist, wurde uns von wirklich grenzwertigen Situationen berichtet.

SPIEGEL: Können Sie ein Beispiel nennen?

Schütz: Eine Fachberaterin hat etwa berichtet, dass sie beobachtet hat, wie den Kindern gegenüber ironische Bemerkungen gemacht werden: "Ach, du schon wieder". Oder dass ein Kind auch mal am Handgelenk über den Flur gezogen wird und sich anhören muss: "Ach, ich habe jetzt aber auch mal die Faxen dicke mit dir!"

SPIEGEL: Die Betreuungssituation ist ja von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich, in Mecklenburg-Vorpommern kommen am meisten Kinder auf eine Erzieherin oder einen Erzieher. Sollte ich mir als Eltern also gut überlegen, ob ich mein Kind dort in die Kita gebe?

Schütz: Unser Anspruch sollte sein, dass für alle Kinder eine gute frühkindliche Bildung stattfindet, egal wo sie geboren sind. Aber das sieht in einigen Bundesländern leider schlechter aus als in anderen. Man muss sich also schon genau anschauen, welche Kita es sein sollte. Aber die Auswahl ist de facto nicht so einfach, weil es oft nicht genügend Plätze gibt.

SPIEGEL: Anspruch Ihrer Befragung war, nicht über, sondern mit den Fachkräften zu reden. Was ist der wichtigste Punkt, den Sie aus den Gesprächen mitnehmen?

Schütz: Erzieherinnen und Erzieher sind systemrelevant, das wurde ihnen in der Corona-Pandemie ja deutlich vermittelt. Aber das waren sie schon vorher. Und das sind sie nicht, weil sie unsere Kinder betreuen, damit wir Eltern gut arbeiten gehen können. Sondern diese Pädagoginnen und Pädagogen sind systemrelevant, weil sie die Grundlagen für diese Generation legen - aber das nicht in den Maßen können, wie sie wollen und sollten. Weil am Ende der Kitazeit kein Zertifikat vergeben wird wie in der Schule oder Hochschule, wird sie nicht als so wichtig angesehen. Doch ob ein Kind zum Beispiel freudig und voller Vertrauen in die Schule geht, wird maßgeblich in der Kita angelegt. Es wird leider immer noch verkannt, dass die Erfahrungen aus der Kita sehr wichtig sind für den weiteren Bildungsweg.

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