Pisa-Auswertung Was sich an Deutschlands Schulen ändern sollte

Deutschland hinkt bei der Digitalisierung und Chancengerechtigkeit in den Schulen hinterher, zeigt eine neue Pisa-Auswertung. Einfach mehr Geld ins Schulsystem zu stecken, hilft demnach nicht weiter.
Schüler im Klassenraum (Archiv): Soziale Herkunft entscheidet stark über Schulerfolg

Schüler im Klassenraum (Archiv): Soziale Herkunft entscheidet stark über Schulerfolg

Foto:

Holger Hollemann/ DPA

Bei zwei Themen schneidet das deutsche Bildungssystem im internationalen Vergleich immer wieder schlecht ab: Es hapert an der Chancengerechtigkeit und an der Digitalisierung. Das bestätigt eine neue Auswertung  der Pisa-Studie von 2018, die erhebliche Unterschiede zwischen den OECD-Ländern offenbart - aber auch Antworten liefert, was die Politik ändern müsste, um das jeweilige Schulsystem gerechter und besser zu machen.

Dies sei umso nötiger, weil die Schulschließungen während der Corona-Pandemie "die vielen Unzulänglichkeiten und Ungleichheiten in den Bildungssystemen in aller Welt zum Vorschein gebracht haben", sagte OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher bei der Vorstellung der Ergebnisse am Dienstag.

Besonders stark betroffen seien sozial benachteiligte junge Menschen. "Jedes Land sollte sich stärker anstrengen, damit jedem Schüler gleiche Lern- und Erfolgschancen geboten werden", forderte Schleicher. "Wir dürfen nicht zum Status quo zurückkehren, sondern müssen Bildung besser machen."

Geld allein ist nicht die Lösung

Zentrale Erkenntnis der Studie: Nur mit mehr Geld ist es nicht getan. Die Wissenschaftler um Schleicher werteten den Datensatz der internationalen Pisa-Studie von 2018 aus und stellten fest, "dass nicht die Höhe der Ausgaben eines Landes für das Bildungssystem den größten Unterschied macht, sondern die Frage, wofür das Geld ausgegeben wird".

In vergleichsweise hohe Lehrergehälter zu investieren, wie dies etwa Luxemburg und Deutschland tun, hilft Schleicher zufolge offenbar nicht im Kampf gegen die Personalnot an Schulen. In beiden Ländern sei der Lehrermangel ein großes Problem. "Geld allein nützt nicht, um den Beruf attraktiv zu machen", sagte der Bildungsexperte.

Gleichzeitig belegt die Studie, was sich viele Lehrkräfte denken, dass sich nämlich die Personalnot an Schulen negativ auf die Leistungen von Schülern auswirkt. In 17 OECD-Ländern schnitten demnach Schüler an Schulen mit Lehrermangel in den Pisa-Tests schlechter beim Lesen ab als an anderen, und zwar unabhängig vom sozioökonomischen Hintergrund.

Schleicher zufolge ist es auch zu kurz gedacht, schlicht in mehr Unterricht zu investieren. In Singapur, das im Pisa-Ranking stets weit oben landet, haben die Schüler zwar vergleichsweise lange Unterricht, in Ländern wie Finnland oder Estland jedoch nicht - "und da schneiden die Schüler im Schnitt auch sehr gut ab", sagte Schleicher. Dort werde offenbar effektiver gelernt. Es lohne sich also in die Qualität von Unterricht zu investieren.

Chancengleichheit weiter mangelhaft

Vergleichsweise hohe Bildungsausgaben allein lösen der Studie zufolge auch nicht das Problem mangelnder Chancengerechtigkeit, wie sich insbesondere in Deutschland zeigt. Hierzulande hängt der Schulerfolg weiter stark von der sozialen Herkunft ab.

  • Sitzenbleiben: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Schüler aus einer sozial benachteiligten Familie eine Klasse wiederholt, ist in Deutschland anderthalbmal größer als bei einem Kind aus einer privilegierten Familie - und zwar selbst bei genau gleicher Leseleistung, wie Schleicher betont (OECD-Schnitt: zweimal höhere Wahrscheinlichkeit). "Man sieht, wie die Mechanismen gegen sozial benachteiligte Schüler arbeiten."

  • Zugang zu Fremdsprachen: Im Schnitt haben 15-Jährige in Deutschland, die sozial bessergestellt sind, 66 Minuten mehr Unterricht in Fremdsprachen als benachteiligte Schüler. Dies sei "eine der größten Diskrepanzen im Vergleich zu anderen Pisa-Teilnehmerstaaten", heißt es in der Studie. Gerade was Fremdsprachen betrifft, hätten privilegierte Schüler damit größere Chancen, später bessere Jobs zu bekommen, sagte Schleicher.

  • Frühe Trennung nach Leistung: Die Pisa-Forscher stellten zudem fest, dass die Leistungsunterschiede beim Lesen zwischen 15-Jährigen im Schnitt besonders groß sind, wenn das Schulsystem darauf ausgerichtet ist, Kinder frühzeitig nach Leistung  zu trennen. In Deutschland ist dies im Alter von 10 Jahren der Fall, im OECD-Schnitt im Alter von 14,2 Jahren.

  • Positive Kita-Effekte: 15-Jährige zeigen im Schnitt bessere Leistungen beim Lesen, wenn sie als Kleinkind zwei bis drei Jahre eine Kita besucht haben. In Deutschland erreichen diese Schüler beim Pisa-Lesetest 74 Punkte mehr als Nicht-Kita-Kinder. Im OECD-Schnitt sind es 45 Punkte. Von einem Kitabesuch profitieren den Ergebnissen zufolge jedoch überdurchschnittlich Kinder aus privilegierten Familien. Hier hat nur ein Prozent gar nicht oder nur ein Jahr eine Kita besucht, in sozial benachteiligten Familien liegt der Anteil bei 5 Prozent.

Deutschland hinkt bei Digitalisierung hinterher

Wegen der Coronakrise im Frühjahr mussten in vielen Ländern der Welt ad hoc die Schulen schließen und auf digitalen Unterricht umstellen. Einige waren darauf deutlich besser vorbereitet als Deutschland, zumindest ausgehend von den Daten der Pisa-Erhebung im Jahr 2018. Schüler aus sozial benachteiligten Familien hatten dabei (nicht nur hierzulande) oft in doppelter Hinsicht das Nachsehen. Sie besuchten öfter Schulen in sozial schwächeren Milieus, die im Schnitt schlechter ausgestattet sind als andere.

  • Zugang zu Lernplattformen: Nur 33 Prozent der Schüler in Deutschland hatten Zugang zu einer Onlinelernplattform. Im OECD-Schnitt waren es mehr als 54 Prozent. Deutschland landet damit in der Schlussgruppe. In Singapur, einigen chinesischen Metropolen sowie Dänemark hatten schon 2018 mehr als 90 Prozent der Schüler Zugang. In Deutschland zeigen sich auch hier sozioökonomische Unterschiede: 37 Prozent der Schüler aus sozial besser gestellten Schulen hatten Zugang zu einer Lernplattform, aber nur 30 Prozent an benachteiligten Schulen. Im OECD-Schnitt ist das Verhältnis: 59 zu 49 Prozent.

  • Verfügbare Computer: Deutschland lag auch bei der Anzahl verfügbarer Computer pro Schüler mit 0,61 unter dem OECD-Schnitt (0,85). Im Zuge des Digitalpakts und des Lockdowns hat sich zwar einiges getan, aber die Pisa-Daten zeigen, wie ungleich die Verteilung zuletzt war. 98 Prozent der Schüler aus sozial besser gestellten Schulen gaben an, einen Computer zu Hause zu haben, aber nur 83 Prozent der Schüler an benachteiligten Schulen.

  • Digitale Kompetenz der Lehrkräfte: Im OECD-Schnitt besuchten 65 Prozent der 15-Jährigen eine Schule, in der die Lehrkräfte nach Angabe ihrer Schulleitung über die erforderlichen technischen und pädagogischen Kompetenzen verfügen, um digitale Geräte im Unterricht zu nutzen. In Österreich galt dies für 83 Prozent, in Deutschland für 57 Prozent. Auch hier zeigte sich ein sozioökonomischer Zusammenhang zugunsten sozial besser gestellter Schulen: 63 versus 55 Prozent.

  • Zeit für digitalen Unterricht: Im Durchschnitt der OECD-Länder besuchten etwa 60 Prozent der 15-Jährigen eine Schule, in der die Lehrkräfte nach Angaben der Schulleitung ausreichend Zeit haben, Unterrichtsstunden vorzubereiten, in denen digitale Geräte integriert sind. In den vier chinesischen Provinzen und Städten, die an Pisa 2018 teilnahmen, lag der Anteil bei 90 Prozent, in Deutschland bei 44, in Österreich etwa 81 Prozent.

Informationen zur aktuellen Pisa-Auswertung

Die Sonderauswertung der aktuellsten Pisa-Daten aus dem Jahr 2018 legte die für den internationalen Schulleistungsvergleich verantwortliche Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) am vor. Sie basieren unter anderem auf einer Schulleiterbefragung, die im Zuge der Pisa-Erhebung gemacht wurde. Nach OECD-Angaben nahmen 223 Schulleiter teil. In Deutschland gibt es rund 30.000 allgemeinbildende Schulen.

Die OECD untersucht bei der Pisa-Studie in regelmäßigen Abständen den Leistungsstand von Schülern in verschiedenen Ländern. Für die letzte Erhebung wurden rund 32 Millionen 15-Jährige in 79 Ländern befragt. In Deutschland nahmen 5.451 Schüler aus 226 Schulen daran teil.

Das Fazit der Studienautoren mit Blick auf die internationalen Ergebnisse: "Wenn allen Schülern unabhängig von ihrem sozioökonomischen Hintergrund gleiche Lern- und Erfolgschancen geboten werden sollen, müssen alle Schulen über ausreichende und qualitativ hochwertige Ressourcen verfügen und angemessen unterstützt werden", schreiben sie in ihrem Bericht.

Es lohnt sich demnach auch, in eine gute Betreuung in Kitas und Vorschulen zu investieren: Die Grundlage für schulischen Erfolg werde frühzeitig gelegt, heißt es. Schüler mit Vorschulbildung schnitten bei Pisa im Schnitt besser ab. 

Die nächste Pisa-Studie steht im Jahr 2022 an. Dabei wollen die Wissenschaftler insbesondere die Auswirkungen der Coronakrise auf die Bildung in den Blick nehmen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.