Professorin aus Mainz Habilitationsschrift unter dringendem Plagiatsverdacht

Wegen Plagiaten entzog die Berliner Humboldt-Universität Marina Hennig 2018 den Doktorgrad. Vor Gericht konnte die Soziologin in dem Fall nach SPIEGEL-Informationen nun einen Erfolg verbuchen. Doch neuer Ärger droht.
Humboldt-Universität Berlin: Keine hinreichend klaren Zitierstandards?

Humboldt-Universität Berlin: Keine hinreichend klaren Zitierstandards?

Foto: Robert Schlesinger/ picture alliance / dpa

Fünf Doktorarbeiten entstehen gerade unter der Betreuung von Marina Hennig. Zwei Frauen und drei Männer qualifizieren sich bei der Mainzer Soziologieprofessorin mit ihren wissenschaftlichen Arbeiten. In den Projekten geht es um Netzwerk- und Familienforschung und um die Situation junger Erwachsener zwischen Bildung, Beruf und Familie.

Doch ob die Nachwuchswissenschaftler von ihrer Betreuerin auch lernen, wie man wissenschaftlich sauber arbeitet, daran kann man zweifeln. Denn ihrer Professorin Marina Hennig, seit 2011 Lehrstuhlinhaberin für Netzwerkforschung und Familiensoziologie in Mainz, werden schwere Plagiate in ihrer akademischen Karriere vorgeworfen.

Hennig hatte 1999 an der Berliner Humboldt-Universität (HU) ihre Dissertation eingereicht, Titel: »Wandel von Einstellungen und Werten unter dem Aspekt des Autoritarismus deutscher Eltern im Zeitvergleich«. 43,5 Prozent der Seiten in dieser Arbeit, zeigen Untersuchungen der Rechercheplattform Vroniplag Wiki , enthalten Plagiate.

»Großzügiges Verständnis von wörtlichen Zitaten«

Die Spannbreite reicht von mutmaßlich abgeschriebenen Stellen über verkürzte Zitate bis hin zu unvollständigen oder ganz fehlenden Literaturangaben. Und selbst, wenn Zitate angegeben werden, stimmten die nicht unbedingt mit den Originalen überein, bemängeln die Plagiatssucher: »Die Arbeit zeigt ein großzügiges Verständnis von wörtlichen Zitaten«, heißt es in dem Vroniplag Wiki-Gutachten.

Die zusammengetragenen Mängel überzeugten auch die Humboldt-Universität, wo die Promotion entstanden war. Im Dezember 2018 wurde der Soziologin nach einer zwölfmonatigen Untersuchung ihr Doktorgrad entzogen; vier Tage vor Heiligabend reichte Hennig dann Klage gegen diese Entscheidung vor dem Verwaltungsgericht ein.

Nach einer Verfahrensdauer von fast dreieinhalb Jahren konnte sie am 6. Mai 2022 vor dem Verwaltungsgericht Berlin einen Teilerfolg verbuchen: Die Entscheidung der Universität wurde wegen eines Formfehlers aufgehoben. Die Zusammensetzung der Promotionskommission habe gegen das in der Prüfungsordnung vorgesehene Verfahren verstoßen, heißt es in dem Urteil, das am vergangenen Donnerstag zugestellt wurde.

Die Humboldt-Universität erklärte auf SPIEGEL-Anfrage, erst einmal die schriftliche Urteilsbegründung auswerten zu wollen. Erst danach könne beispielsweise darüber entschieden werden, ob das Verfahren neu aufgerollt werde.

Fast zwei Drittel der Habilitation unter Verdacht

Dabei gäbe es gute Gründe für die HU, noch mehr Aktivität an den Tag zu legen. Denn auch Hennigs 2006 erschienene Habilitationsschrift »Individuen und ihre sozialen Beziehungen« strotzt vor Passagen, die unter dringendem Plagiatsverdacht stehen. Auf 70,2 Prozent der Seiten haben die Vroniplag Wiki-Sucher entsprechende Stellen gefunden: Teilweise wurden ganze Absätze aus Vorlagen kopiert, ohne die Originalstellen zu nennen.

Besonders dreist könnte sich die Soziologin im Fall einer Studienarbeit verhalten haben, die in einem von ihr im Sommersemester 2003 geleiteten Projektseminar entstand. Drei Studierende hatten sich unter dem Titel »Vitamin B« mit dem »Nutzen sozialer Beziehungen bei der Stellenfindung« beschäftigt. Ihre Dozentin bediente sich mutmaßlich großzügig in der Arbeit ihrer Studierenden, die Quelle jedoch blieb in Hennigs Habilitation unerwähnt.

So heißt es beispielsweise in der studentischen Arbeit: »Angesichts offensichtlicher Überfüllung des Arbeitsmarktes bei gleichzeitigen Diskussionen um die Kompetenz der staatlichen Arbeitsplatzvermittlung sehen weniger Menschen in den formellen Strategien der Arbeitsplatzsuche, vor allem in der herkömmlichen Bewerbung auf Anzeigen, die beste Möglichkeit, sich über den Arbeitsmarkt zu informieren und eine neue Stelle zu finden.«

Hennig nutzt denselben Satz und fügt lediglich ein einziges Wort (»immer«) hinzu: »Angesichts offensichtlicher Überfüllung des Arbeitsmarktes bei gleichzeitigen Diskussionen um die Kompetenz der staatlichen Arbeitsplatzvermittlung sehen immer weniger Menschen in den formellen Strategien der Arbeitsplatzsuche, vor allem in der herkömmlichen Bewerbung auf Anzeigen, die beste Möglichkeit, sich über den Arbeitsmarkt zu informieren und eine neue Stelle zu finden.«

Bemerkenswert langes Verfahren

»Die Soziologin ist damit wohl verantwortlich für eins von nur zwei Doppelplagiaten, die in Deutschland bei akademischen Karrieren bisher bekannt sind«, sagt der Wissenschaftspublizist Jochen Zenthöfer. Dass jemand sowohl in der Dissertation als auch in der Habilitation in großem Umfang plagiiere, sei eher eine Ausnahme.

In seinem neu erschienenen Buch »Plagiate in der Wissenschaft« beschäftigt Zenthöfer sich mit der Geschichte und der Arbeitsweise der Plattform Vroniplag Wiki. Den Fall Hennig hat er dafür ausführlich rekonstruiert.

»Bemerkenswert ist hier vor allem der lange – und langsame – Ablauf des Verwaltungsgerichtsverfahrens«, sagt der Wissenschaftspublizist: »Das spielt Frau Hennig direkt in die Karten.« Denn wenn man davon ausgehe, dass die Soziologin im Jahr 2026 pensioniert werde, sei es durchaus realistisch, dass Hennig durch Widersprüche und ein weiteres Verfahren vor dem Oberverwaltungsgericht die Aberkennung so lange hinauszögere, dass sie ihre Professur bis zum Ruhestand retten könne.

Die durchschnittliche Verfahrensdauer am Verwaltungsgericht habe im vergangenen Jahr bei 17 Monaten gelegen, erklärte ein VG-Sprecher dem SPIEGEL in einer Stellungnahme: »Für die Überschreitung dieser Dauer im konkreten (überdurchschnittlich schwierigen) Fall gibt es eine Vielzahl von Gründen: Die Kammer, deren Besetzung sich in jüngerer Zeit ständig verändert hat, war auch zuständig für eine Vielzahl von Asylverfahren, die vorrangig abzuarbeiten waren; wegen Corona war die Zahl der möglichen, hier aber erforderlichen Kammersitzungen am VG Berlin insgesamt in den letzten 2,5 Jahren nur eingeschränkt möglich; im konkreten Fall war zudem eine Beweisaufnahme erforderlich, sodass die Verfügbarkeit der am Verfahren beteiligten Personen koordiniert werden musste; schließlich: ein bereits konkret angesetzter früherer Termin musste wegen der Coronaerkrankung eines Rechtsanwalts aufgehoben werden.«

Professorin argumentierte mit der »damals üblichen Zitierweise«

Hennig selbst ließ eine schriftliche SPIEGEL-Anfrage zu den Vorwürfen und dem verwaltungsgerichtlichen Verfahren bisher unbeantwortet. Vor dem Verwaltungsgericht hatte sie jedoch erklärt, sie habe »nicht in erheblicher Weise über die Eigenständigkeit ihrer Promotionsleistung getäuscht«. Ihre Zitierpraxis, so wird ihre Einlassung im Urteil des Verwaltungsgerichts wiedergegeben, »bewege sich im Rahmen der damals üblichen Zitierweise in den Sozialwissenschaften. Jedenfalls habe es damals keine hinreichend bestimmten Zitierstandards gegeben, an denen sie sich hätte orientieren können.«

Und die wörtlichen Übereinstimmungen mit den Arbeiten anderer? Die seien »in Einzelfällen darauf zurückzuführen, dass sie jene Ausführungen wortwörtlich in ihren Notizen übernommen habe, ohne sich zu notieren, dass sie von einem Dritten stammten und dass es sich um ein wörtliches Zitat handle.« Andere Arbeiten habe Hennig »derart verinnerlicht, dass es bei ihren Darlegungen zwangsläufig zu Übereinstimmungen mit diesen Arbeiten« gekommen sei.

»Angesicht der zahlreichen fragwürdigen Stellen in ihren Arbeiten wäre es aber schon bemerkenswert, wenn sie weiterhin als Professorin agieren kann«, sagt Jochen Zenthöfer. Er wünscht sich deshalb von der Humboldt-Universität, dass die auch über einen Entzug der Habilitation der Soziologin befindet. Uni-Sprecher Hans-Christoph Keller tritt da allerdings auf die Bremse: »Zu diesen Fragen wird die Fakultät in Abstimmung mit dem Präsidium zeitnah beraten. Einen genauen Zeitpunkt hierfür können wir derzeit noch nicht nennen«, sagte er dem SPIEGEL.