Reaktionen auf Bildungsbericht Lehrerverbände warnen vor drohendem »nationalen Notstand«

Den nationalen Bildungsbericht halten Kritiker noch für geschönt. Lehrervertreter mahnen, das »Kartenhaus Schule« könne zusammenbrechen – und erheben weitreichende Forderungen.
Vor allem an Grundschulen ist der Lehrkräftemangel groß (Symbolbild)

Vor allem an Grundschulen ist der Lehrkräftemangel groß (Symbolbild)

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Sebastian Gollnow / DPA

Personalnot in Kitas und Schulen, mangelnde Chancengerechtigkeit: Nachdem eine aktuelle Bilanz mehrere Schwächen des deutschen Bildungssystems offengelegt hat, machen Lehrerverbände Druck.

»Dass die Schulen seit Jahren unter einem erheblichen Lehrkräftemangel leiden und das Schulsystem auf Kante genäht ist, ist nichts Neues«, sagte Udo Beckmann, Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE). »Wenn die Politik nicht endlich Antworten liefert, wird das Kartenhaus Schule zusammenbrechen.«

Es brauche dringend neue Lehrkräfte, so Beckmann. Das Potenzial an Seiteneinsteigern sei, ebenso wie die Gewinnung von Pensionisten, weitgehend ausgereizt. Ähnliches gelte für die Kapazitäten, die durch Appelle an teilzeitbeschäftigte Lehrkräfte, sie mögen ihr Stundendeputat erhöhen, aktiviert wurden, sagte der VBE-Chef. »All dies ist nur Stückwerk und kaschiert die Hilflosigkeit der politischen Verantwortungsträger.«

Sondervermögen Bildung »mehr als überfällig«

Beckmann forderte eine bundesweite Fachkräfteoffensive, die kurzfristige, mittelfristige und langfristige Perspektiven zur Beseitigung des Lehrkräftemangels aufzeigt. »Ohne massive, nie dagewesene Investitionen in das Bildungssystem, wird sich das Problem nicht lösen lassen«, sagte er. Ein Sondervermögen Bildung sei mehr als überfällig.

Der Fachkräftemangel ist in dem Bildungsbericht, der alle zwei Jahre von einer unabhängigen Expertengruppe vorgelegt wird, Schwerpunktthema. Allein in Kitas und Grundschulen fehlen Vorausberechnungen zufolge im Jahr 2025 Zehntausende Fachkräfte.

»Die Frage des Personalbedarfs ist eine der drängendsten«, sagte der geschäftsführende Direktor des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation (DIPF), Kai Maaz. Er ist Sprecher der Expertengruppe, die die Bestandsaufnahme für das Bildungssystem regelmäßig erarbeitet.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kritisierte, der Bericht stelle eine »geschönte Bestandsaufnahme des Bildungswesens« dar. »Wir brauchen ein entschlossenes gemeinsames Handeln von Politik und Gesellschaft, um einen drohenden ›nationalen Notstand‹ zu verhindern«, sagte die Vorsitzende Maike Finnern. In vielen Schulen sei der Ausfall von Unterricht zur Regel geworden.

»Das System befindet sich in einem Teufelskreis aus Überlastung durch Fachkräftemangel und Fachkräftemangel durch Überlastung. Es droht ein Personalkollaps«

Maike Finnern, GEW-Vorsitzende

»Viele Beschäftigte im Bildungsbereich gehen in Teilzeitarbeit, um der persönlichen Überlastung zu entkommen«, so Finnern. »Das System befindet sich in einem Teufelskreis aus Überlastung durch Fachkräftemangel und Fachkräftemangel durch Überlastung. Es droht ein Personalkollaps.« Die Länder müssten endlich die Ausbildungskapazitäten in Studium und Referendariat signifikant erhöhen.

Zudem liege die Zahl der Abbrecher in manchen Lehramtsstudiengängen bei fast 50 Prozent, das weise auf erhebliche Mängel in den Studiengängen hin: »Das Studium muss studierbar werden, sonst verlieren wir während der Ausbildung viel zu viele junge Menschen.« Außerdem müsse der Numerus clausus (NC), den es noch immer für viele Lehramtsausbildungen gebe, endlich fallen, mahnte Finnern.

KMK-Präsidentin: »Wir brauchen kreative Ideen«

Karin Prien, Präsidentin der Kultusministerkonferenz und Bildungsministerin in Schleswig-Holstein, versicherte, die Länder hätten das Problem erkannt und handelten. Sie würden sich verstärkt auf die Lehrkräftegewinnung und Lehrkräftequalifizierung konzentrieren.

»Wir brauchen kreative Ideen, um junge Menschen für den Beruf als Lehrerin und Lehrer zu gewinnen und neue Studienmodelle, um diese Bedarfe zu decken«, sagte die CDU-Politikerin. Sie nannte flexiblere Modelle des Einstiegs in den Lehrerberuf und des Umstiegs während des Studiums.

Auch Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) räumte nach der Vorstellung des Bildungsberichtes Handlungsbedarf ein. »Unser Bildungssystem muss besser werden«, sagte sie. »Wir brauchen eine schnellere Digitalisierung der Bildung, eine bessere Integration von geflüchteten Kindern und Jugendlichen und vor allem mehr Chancengerechtigkeit«, so Stark-Watzinger. Das alles werde jedoch nur im guten Zusammenspiel von Bund, Ländern und Kommunen gelingen.

»Wir sollten künftig noch ehrgeiziger sein, um jungen Menschen Chancen zu eröffnen und das Aufstiegsversprechen zu erneuern«, betonte die Ministerin. Davon profitiere jeder Einzelne und auch die Gesellschaft als Ganzes. Schließlich fehlten schon heute Fachkräfte.

Der Bildungserfolg hänge nach wie vor stark von der sozialen Herkunft ab. Corona habe die Lage noch einmal verschärft. »Das kann uns nicht ruhen lassen«, sagte die FDP-Politikerin. Sie kündigte ein nachhaltiges Programm an, das bis zu 4000 allgemein- und berufsbildende Schulen etwa mit besserer Infrastruktur und mehr Sozialarbeitern ausstatten soll.

fok