Reaktionen auf Corona-Beschlüsse »Langfristiger Schaden durch Einschränkung der Schulen«

Landespolitiker und Kultusminister verteidigen die Beschlüsse für Schulen in Corona-Hotspots. Kritiker bemängeln Mutlosigkeit und Inkonsequenz – und Schüler wollen in den kommenden Tagen streiken.
Gymnasiasten mit Mundschutz in Frankfurt/Main (Archivbild)

Gymnasiasten mit Mundschutz in Frankfurt/Main (Archivbild)

Foto: Arne Dedert / dpa

Mehr Hybridunterricht bei hohen Infektionszahlen, öfter mal Maskenpflicht ab der 7. Klasse: Die Beschlüsse von Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Ministerpräsidentinnen und -präsidenten zum Schulunterricht sind nur Empfehlungen, letztlich entscheiden die Bundesländer selbst.

Schulen in Regionen mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von über 200 Fällen pro 100.000 Einwohner sollen weitergehende Maßnahmen für die Unterrichtsgestaltung "schulspezifisch" umsetzen, heißt es in dem Papier von Bund und Ländern. Diese sollen ab Klassenstufe acht gelten, aber nicht zwingend für Abschlussklassen. Beispielsweise könne das Hybrid- oder Wechselunterricht sein.

»Eigentlich bleibt also alles wie immer«, kommentiert Stephan Wassmuth vom Bundeselternrat die Beschlüsse: »Meine Hoffnung, dass die Länder aus der Pandemie endlich etwas lernen, hat sich leider nicht erfüllt.« Das stimme ihn traurig, sagt Wassmuth. Offenkundig gehe es in der Schulpolitik nur noch darum, sich irgendwie bis zum Einsatz des Corona-Impfstoffs hinüberzuretten: »Eine Strategie ist das immer noch nicht.«

Deutlich positiver bewerten die politischen Vertreter der Länder die Entscheidungen. »Die Beschlüsse sind gut und richtig. Bei konsequenter Umsetzung können wir das Schulsystem so stabilisieren und im Grundsatz offen halten«, erklärte Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) dem SPIEGEL: »Die gemeinsamen Vorarbeiten innerhalb der Kultusministerkonferenz haben sich gelohnt. Für Niedersachsen haben wir das meiste bereits umgesetzt. Bei den Hotspots werden wir ebenso klare und transparente Regelungen in die Verordnung aufnehmen.«

Hybridunterricht nur nach lokalen Entscheidungen

Auch Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) verteidigte die Beschlüsse. Ganz Deutschland sei mittlerweile ein Hotspot, sagte er. Wenn es regional zu einem Inzidenzwert von über 200 Infektionen komme, gebe es jetzt klare Handlungsempfehlungen: »Das ist nicht das Solinger Modell, und wir werden nicht eine ganze Stadt in den Hybridunterricht hineinbringen, sondern schulspezifisch entscheiden«, so der CDU-Politiker.

Seine Landesregierung hatte Anfang November der Stadt Solingen untersagt, flächendeckend an sämtlichen öffentlichen Schulen ein Wechselschicht-Modell einzuführen, obwohl seinerzeit der Inzidenzwert vor Ort über 280 gelegen hatte. Das Verbot aus Düsseldorf hatte für heftige Diskussionen gesorgt, einzelne Schulleiter hatten sich der Anordnung zunächst widersetzt.

Von einer »guten Lösung«, mit der er gar nicht gerechnet habe, spricht auch OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher. »Der Beschluss lässt Entscheidungsspielraum vor Ort. Schulen in Deutschland sind allerdings nicht viel Freiraum gewöhnt, es kommt nun darauf an, wie sie damit umgehen.«  Denn auf das Wechselmodell sind nicht alle Schulen gleich gut vorbereitet.

»In Deutschland fehlt es an vielen Schulen nicht nur an der digitalen Ausstattung, sondern auch an der Erfahrung«, sagte Schleicher dem SPIEGEL. »Kinder und Jugendlichen aus schwierigen sozialen Verhältnissen fallen dann wieder zurück. Für die funktioniert der Hybridunterricht nicht. Die soziale Schere geht so immer weiter auf.« 

Kein Plan, keine Verlässlichkeit

»Frustriert« äußerte sich am Donnerstagabend dagegen Dario Schramm von der Bundesschülerkonferenz zu den Beschlüssen der Regierungschefs. »Es hätte klare Ansagen und Konzepte für die ohnehin überforderten Schulen gebraucht, so bleibt alles beim Alten – ohne einen wirklich sicheren Blick in die Zukunft«, so der Schülervertreter. Er habe den Eindruck, die Politik hangele sich von Woche zu Woche, »ohne endlich mal langfristig zu planen«. Das planlose Handeln in der Bildung brauche endlich ein Ende.

Ähnlich sieht das auch Gudrun Wolters-Vogeler, Vorsitzende des Allgemeinen Schulleitungsverbandes Deutschland: »Die Beschlüsse sind wenig konsequent. Diese Regelung bringt keine neue Verlässlichkeit.« Viele Schüler, Eltern und Lehrkräfte seien derzeit massiv verunsichert und wollten wissen, welche Spielregeln gelten, um die Corona-Pandemie einzudämmen. »Die Politik müsste hier Klarheit schaffen, aber das passiert leider wieder nicht.« 

Wenn der Wechselunterricht ab Klasse 8, aber nicht für Abschlussklassen gelten solle, seien nur wenige Schülerinnen und Schüler überhaupt davon betroffen. Die Jahrgänge 9, 10, 12 und 13 seien an den verschiedenen Schulformen Abschlussklassen. Wolters-Vogeler räumt jedoch ein: »Es gibt in dieser Situation keine Lösung, die keine Nachteile hat.« Wenn Nachverfolgbarkeit möglich und die Zahl der Kinder in Quarantäne reduzieren werden solle, sei das Wechselmodell eine gute Lösung, zumindest für ältere Schüler.

Forschende loben Wechselklassen-Modell

Am Mittwoch hatten Forscherinnen und Forscher des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung eine Prognose veröffentlicht , wie sich verschiedene Shutdown-Varianten auf die Infektionszahlen auswirken würden. Dabei hatten sie insbesondere auch eine Schließung oder Teil-Schließung der Schulen berücksichtigt.

»Verschärfungen bei Bildungseinrichtungen oder im Einzelhandel oder beides, bis hin zu weitgehenden Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen wie im harten Lockdown«, seien wirkungsvolle Maßnahmen, um die Ansteckungszahlen zu verringern, sagt Andreas Peichl, Leiter des Ifo-Zentrums für Makroökonomik und Befragungen.

Um bundesweit wieder auf einen Inzidenzwert von 50 Ansteckungen in sieben Tagen pro 100.000 Einwohner zu kommen, könne die Einführung von Wechselklassen und digitalem Fernunterricht ausreichen, sagt Peichl. Voraussetzung dafür sei allerdings, dass die notwendige technische Infrastruktur und die entsprechenden didaktischen Konzepte vorhanden wären: »Ansonsten drohen große Kosten im Bildungssektor, die Deutschland langfristig schaden könnten.«

»Grobe Versäumnisse«

Der niedrige Inzidenzwert könne jedoch auch mit regulär geöffneten Schulen erreicht werden, so die Forscherinnen und Forscher: »Die Schließung und Einschränkung weiterer Wirtschafts- und Geschäftstätigkeiten mit gleichzeitig offenen Schulen hätte die gleiche Wirkung wie ein leichter Lockdown, aber mit Schulschließungen.« Letztlich, sagt Andreas Peichl, sei das eine politische Entscheidung darüber, was als eher akzeptabel eingeschätzt werde: »Der langfristige Schaden durch die Einschränkung der Schulen oder der kurzfristige Schaden durch die Einschränkung weiterer Wirtschaftszweige.«

Bei vielen Jugendlichen kommt das Festhalten der Schulministerien am Präsenzunterricht für alle nicht gut an. Mit Verweis auf den Inzidenzwert von über 200 in Frankfurt am Main warf etwa der StadtschülerInnenrat der hessischen Landesregierung in einer Stellungnahme  »teils grobe Versäumnisse« vor und forderte, sofort »ein System zwischen Präsenzunterricht und digital unterstütztem Distanzunterricht zu etablieren«. Jugendliche mehrerer Schulen in Frankfurt wollen deshalb am kommenden Montag mit einem Schulstreik ihren Forderungen nach flächendeckendem Hybridunterricht Nachdruck verleihen.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Auch in Hamburg fordern mehrere Kreisschülerräte in einer Stellungnahme, die dem SPIEGEL vorliegt, die »sofortige Umstellung des Schulalltags auf Hybridbeschulung«. Die Auflagen der Behörden legten richtigerweise fest, dass sich höchstens zwei Haushalte privat treffen dürfen, schreiben die Schülerinnen und Schüler: »In der Schule jedoch begegnen wir Hunderten und sitzen durch das Kurssystem immer wieder mit anderen Mitschülern zusammen.« Die eigentlich sichere und ruhige Atmosphäre des Lernens innerhalb des Klassenraums werde dadurch enorm beeinträchtigt – und reduziere daher auch den Lernerfolg.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.