Wo Kitas und Grundschulen wieder öffnen Sachsens schwieriger Sonderweg

In Sachsen dürfen seit Montag alle Kinder wieder in die Kitas und Grundschulen gehen. Lehrer, Eltern und Erzieher protestieren - doch die Landesregierung hält an ihrem Weg fest.
"Kiss-and-Go"-Areas an Sachsens Kitas und Schulen: Kultusminister Piwarz geht Sonderweg

"Kiss-and-Go"-Areas an Sachsens Kitas und Schulen: Kultusminister Piwarz geht Sonderweg

Foto: Robert Michael/ dpa

Sachsen will es anders machen: Während der Rest der Republik seine Kindergärten und Schulen im übertragenen Sinne nur einen Fußbreit für Kinder öffnet, macht Sachsens Kultusminister Christian Piwarz (CDU) die Tore weit auf. Seit Montag dürfen in Sachsen alle Kinder wieder in ihre Kitas gehen. Auch für alle Grundschüler von den Klassen eins bis vier, inklusive Förderschüler, sind die Schulen geöffnet. Nach rund zwei Monaten Zwangspause wegen der Corona-Pandemie will Piwarz damit "dem verbrieften Recht auf Teilhabe und Bildung der Kinder" nachkommen. Der Minister setzt auf Lockerungen im Bildungssystem, die weiter reichen als in allen anderen Bundesländern.

Auch außerhalb von Sachsen nehmen Kitas und Schulen zwar nach und nach den Betrieb auf, aber die Mehrheit der Kinder darf allenfalls tage- oder wochenweise kommen, in Kleingruppen. In Sachsen dagegen sollen alle kommen - und Abstandsregeln spielen in Kitas und Grundschulen keine Rolle. Stattdessen sollen sich die Kinder ausschließlich in festen Gruppen bewegen, die untereinander keinen Kontakt haben. Damit bleibe das Infektionsrisiko gering und im Falle des Falles seien Infektionsketten nachvollziehbar, argumentiert Minister Piwarz. Er hält es für unrealistisch, dass Kinder im Grundschulalter 1,5 Meter Abstand halten.

Das sächsische Modell zeigt, wie schwierig der richtige Weg aus der Coronakrise zu finden ist. Das Konzept des Kultusministers ist umstritten. Zwar kommt sein Modell im Grunde all jenen entgegen, die seit Wochen mahnen, das Kindeswohl gerate in der Corona-Pandemie in Vergessenheit und Familien kämen angesichts von Berufstätigkeit und Kinderbetreuung an Belastungsgrenzen. Aber in Details stößt der Plan bei Eltern, Lehrern und Erziehern im Land auf massiven Widerstand.

"Nicht realisierbar", lautet eine der noch harmloseren Reaktionen. In der Internetpetition einer Erzieherin heißt es, das Kindeswohl sei gefährdet. Der Streit über den Schulbesuch landete bereits vor Gericht. Leipziger Eltern setzten im Eilverfahren durch, dass ihr siebenjähriger Sohn nicht zum Unterricht muss - mit weitreichenden Folgen für Grundschüler in ganz Sachsen.

Denn Piwarz hob die Schulbesuchspflicht kurzfristig auf. Ob Sachsens Grundschüler in der Schule oder zu Hause lernen, bleibt vorerst den Eltern überlassen. Diese sollen nun ihrer Grundschule per Post oder E-Mail formlos mitteilen, wenn ihr Kind die Schulpflicht zu Hause erfüllt, schreibt das Kultusministerium.

"Für uns steht fest, dass ein Festhalten an einem Mindestabstand zwischen Kindern in den Grundschulen nicht lebensnah ist und dadurch das Recht der Kinder auf Bildung und Teilhabe massiv eingeschränkt wird", teilte Piwarz mit.  Er bedauere, dass die Richter des Leipziger Verwaltungsgerichts die Unterschiede in der Einsichtsfähigkeit zwischen Kindern und Jugendlichen nicht hinreichend gewürdigt hätten, man werde die Entscheidung anfechten. Piwarz räumt allerdings ein, er verstehe, dass die Umsetzung seines Modells für Pädagogen enorme Herausforderungen bedeutete.

"Einige Lehrer zweifeln an der Sinnhaftigkeit"

Sächsischer Lehrerverband

Aus Lehrersicht gehen die Vorgaben der Landesregierung am praktischen Schulalltag vorbei. Das "Trennkonzept" sei nicht realisierbar, kritisiert der Sächsische Lehrerverband.  Zwangsläufig werde eine "Durchmischung" stattfinden, die bei auftretenden Infektionen zu höheren Fallzahlen führe. Während des Unterrichts und durch zeitversetzte Pausen bestehe noch die Chance, Kinder voneinander abzuschotten. Schwieriger sei dies jedoch beim Einlass ins Schulgebäude. Außerdem führen Aktivitäten vor und nach dem Unterricht die politischen Vorgaben aus Sicht der Pädagogen ad absurdum.

"Einige Lehrer zweifeln an der Sinnhaftigkeit des hohen Aufwandes, wenn sie selbst mit ansehen müssen, was nach Schulschluss abgeht", moniert der Verband - und warnt vor Überlastung der Pädagogen: "Neben dem Unterricht für alle Klassen an allen Tagen müssten nun für Schüler, die zu Hause lernen, zusätzlich noch Lernaufgaben erarbeitet und die Kinder betreut werden."

Der Landesverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert Betroffene auf, ihren Unmut zu verschriftlichen oder in Sprachnachrichten bis zu 20 Sekunden zusammenzufassen. Die werde man dann gesammelt an den Minister weiterleiten. Da könnte einiges zusammenkommen: Der Landeselternrat Sachsen sowie alle 13 Kreiselternräte schreiben in einem Brief , sie hielten die derzeitige Situation "für nicht mehr tragbar". Dass die Schulbesuchspflicht ausgesetzt wurde, finden die Eltern richtig, aber die Kommunikation sei "mangelhaft" gewesen, Vorgaben seien "nicht stimmig".

Erzieherin ärgert sich über feste Gruppen

Kathleen Siebert, Erzieherin in einer Dresdner Kita, findet die Vorgaben aus der Politik so fragwürdig, dass sie eine Petition unter dem Stichwort "Bildung statt Aufbewahrung"  gestartet hat, die innerhalb weniger Tage mehr als 5.000 Unterstützer fand. Kinder dürften sich ganztägig nur noch innerhalb ihrer Gruppen bewegen, so die Kritik: "Das bedeutet ganz konkret - spielen, essen, ruhen – alles in einem Raum, mit immer denselben Kindern und einer vorgeschriebenen pädagogischen Fachkraft."

Das Problem sei die Vorgabe der festen Gruppen, und zwar eventuell für Monate oder gar Jahre, sagt Siebert dem SPIEGEL. In ihrer Kita dürften sich Kinder sonst frei bewegen. Nun sei etwa das Außengelände unterteilt, was zu der absurden Situation führe, dass teilweise Geschwister in der Kita nicht miteinander spielen dürften. "Die Kinder verstehen diese Trennung überhaupt nicht, und ich kann ihnen schlecht etwas erklären, was für mich selbst keinen Sinn ergibt", sagt Siebert.

Weil die festen Gruppen mehr Personal erforderten, sei das ganze Team eingespannt, auch Fachkräfte, die aufgrund ihres Alters zur Risikogruppe gehören. Siebert sagt, sie habe wegen des erhöhten Personalbedarfs zudem die Betreuungszeiten einschränken müssen: von sonst 5.45 Uhr bis 19 Uhr auf jetzt 7.30 Uhr bis 16 Uhr. Das ist immerhin eine Zeitspanne, die sich berufstätige Eltern in anderen Bundesländern sehnlichst für die Betreuung ihrer Kinder wünschen würden. Auch Siebert erkennt im sächsischen Sonderweg das Dilemma: "Für viele Eltern bedeutet dies Aufatmen und Entlastung bei ihrem Spagat, Kinder, Familie und Arbeit unter einen Hut zu bekommen." Aber: Die getroffenen Maßnahmen seien "nicht zum Wohl der Kinder, sondern aus Erwachsenen-Perspektive gedacht".

Die Pädagogin hätte sich eine stufenweise Kita-Öffnung wie in anderen Bundesländern gewünscht. "Dafür ist es nun zu spät", sagt sie. "Deshalb sollten wir normal starten und wenn es einen Coronafall gibt, wird die Kita eben zeitweise wieder geschlossen. Das könnte so oder so passieren."