Stephan Dorgerloh

Qualitätsentwicklung Schockt uns die nächste Bildungskatastrophe noch?

Stephan Dorgerloh
Ein Gastbeitrag von Stephan Dorgerloh
Nur noch die Hälfte aller Grundschulkinder erreichen die Regelstandards in Lesen, Schreiben und Rechnen - fünf Ideen, um die attestierte Bildungskatastrophe abzuwenden.
»Die Ergebnisse sind eine Katastrophe«: Schulunterricht in Baden-Württemberg (Symbolbild)

»Die Ergebnisse sind eine Katastrophe«: Schulunterricht in Baden-Württemberg (Symbolbild)

Foto: Marijan Murat/ dpa

Seit 2011 werden die deutschen Grundschüler:innen in regelmäßigen Abständen vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) getestet, ob sie die erforderlichen Kenntnisse in Lesen, Schreiben und Mathematik besitzen. Jetzt kommen zum dritten Mal nach 2011 und 2016 die Ergebnisse auf den Tisch. Die Forscher formulieren deutlich: die Zahlen seien »besorgniserregend«, die Ergebnisse seien »nicht hinnehmbar«. Um es kurz zu machen: Die Ergebnisse sind eine Katastrophe.

Seit dem letzten Test 2016 gibt es in allen Bereichen und fast überall in den deutschen Landen einen deutlichen negativen Trend bei den gemessenen Leistungen in Lesen, Schreiben und Zuhören und beim Rechnen. Ein paar wenige erfreuliche Ausnahmen können erwähnt werden: Bremen und Rheinland-Pfalz können ihr niedriges Niveau halten. Hamburg steigt in die mittlere Ländergruppe auf.

»Die Bildungskatastrophe nimmt mit diesen Ergebnissen ihren Ausgang«

Doch schauen wir zunächst auf den deutschlandweiten Befund. Rund 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler erreichen nicht einmal die Mindeststandards, von den Regelstandards, die das eigentliche Bildungsziel sein sollten, ganz zu schweigen. Diese Regelstandards werden nur von ungefähr der Hälfte der Kinder erreicht. Bei der Rechtschreibung sieht es noch düsterer aus.

Die Bildungskatastrophe nimmt mit diesen Grundschulergebnissen ihren Ausgang. Wir wissen, dass diese frühen Defizite in den folgenden Schuljahren kaum mehr aufgeholt werden. Die Folge sind Schulabgänger ohne Abschluss oder Lehrlinge, die nicht ausbildungsreif sind. In Zeiten eines immer größeren Fachkräftemangels ist diese Entwicklung nicht hinnehmbar. Es ist vor allem gegenüber den Kindern ein Staatsversagen. Wenn der Staat die Schulpflicht einfordert, muss er auch garantieren, dass die Kinder die Regelstandards erreichen – nicht nur die minimalistischen Mindeststandards. Bildung ist eines der vornehmsten Kinderrechte. Sie mit solchen schlechten Startchancen auszustatten ist ein Skandal. Doch Zeter und Mordio schreiben wird nicht weiterhelfen – wohl aber ein handfester Aktionsplan von Politik, Verwaltung, Praxis und Wissenschaft. Die Grundlagen dazu liefern die Thesen das Nationalen Bildungsforums 2022 .

Erstens: Ehrlichmachen. Die erste Regel für den Beginn der Veränderungen heißt: diese furchtbaren Ergebnisse in ihrer ganzen Klarheit und Wahrheit annehmen. Niemand kann sich hier wegducken oder die Ergebnisse mit Coronapandemie und steigendem Ausländeranteil entschuldigen. Schönreden war gestern. Ehrlichmachen ist heute.

Zweitens: klares Ziel. Wir brauchen nicht ständig neue bunte Projekte oder funkelnde Bildungsgipfel, sondern ein simples gemeinsames und klares Ziel, dem wir alles unterordnen. Nämlich: Bis zum nächsten IQB-Leistungstest in fünf Jahren verpflichten sich alle Minister:innen und Schulleitungen, die Zahl der Kinder, die die Mindeststandards und die Regelstandards nicht erreichen, zu halbieren. Das ist der erste Schritt. Wem das zu ambitioniert ist, der möge bitte Platz machen. Wir verabreden, dass wir es nicht mehr hinnehmen, dass die Schule es bei jedem fünften Kind nicht schafft, ihm Rechnen, Lesen und Schreiben beizubringen und ihm damit elementare Zukunftschancen vorenthält.

Drittens: Selbstlernkompetenzen. Die jetzt getesteten Kinder waren stark von den Folgen der Schulschließungen in der Coronapandemie betroffen. Das mag einiges erklären, aber nicht entschuldigen. Insbesondere die Kinder aus sozioökonomisch schwächeren Familien sind besonders hart betroffenen. Ob die Aufholmilliarden in den verschiedenen Landesprojekten daran viel geändert haben, darf so lange bezweifelt werden, wie die Länder keine gegenteiligen Daten vorlegen.

Wenn wir Digitalisierung, die nach wie vor nur schleppend in den Klassenzimmern Einzug hält, richtig nutzen wollen, müssen wir die Selbstlernkompetenzen so frühzeitig wie möglich lehren und lernen. Also kurz und knapp: Wie lerne ich selbstständig zu lernen? Wie eigne ich mir auch zuhause Lernstoff an und wie organisiere ich mein Lernen? Diese Fähigkeiten müssen vom ersten Schultag an eingeübt werden und gehören in den Pflichtkanon der Grundschule im digitalen Zeitalter. Dazu kommt die zeitgemäße digitale Ausstattung der Schule inklusive fortgebildeter Lehrkräfte. So kann Digitalisierung helfen, individualisiert zu fördern - beim Lesen-, Schreiben- und Rechnenlernen.

Viertens: Einwanderungsland. Die Zahlen der Kinder mit Migrationsgeschichte haben sich seit der ersten Testung 2011 verdoppelt, in einigen Bundesländern sind sie sogar noch stärker gestiegen als im Bundesdurchschnitt. Aber dieser Befund gilt nicht als entschuldigende Erklärung, sondern ist eine Aufforderung zum Handeln. Es ist wahrzunehmen, dass wir zwar einerseits längst Einwanderungsland sind, aber andererseits immer noch in weiten Teilen ein Schulsystem und eine Schulorganisation vorhalten, die diese Entwicklung nicht abbildet. Einwanderung ist in Deutschland nicht mehr der Sonderfall, sondern für das Schulsystem längst der Regelfall. Darauf ist unser regelhaftes Schulsystem aber nicht ausreichend ausgelegt. Wir brauchen hierzu eine konzertierte Aktion innerhalb der Kultusministerkonferenz, die erarbeitet, welche systemischen Veränderungen dafür nötig sind. Wir müssen deutschlandweit ein Schulsystem bauen, das den Erfordernissen eines Einwanderungslandes gerecht wird.

Fünftens: Kitapflicht ab dem vierten Lebensjahr. Schon nach dem Pisa-Schock 2002 war die Stärkung der frühen Bildung im Blick. Da müssen wir weiter machen. Außerdem müssen wir auch über nationale Bildungsstandards in der frühen Bildung sprechen und die damit verbundenen Mindest- und Regelstandards nicht nur festlegen und einführen, sondern auch testen. Zudem wird eine Kitapflicht ab dem vierten Lebensjahr eingeführt. Das ist zwar eine gewaltige Anstrengung – kulturell, inhaltlich und finanziell. Aber je früher ein kontinuierlicher Bildungsprozess beginnen kann, umso besser werden die Ergebnisse sein. Deutschland war einmal das Land der großen Ideen und Reformen in der frühkindlichen Bildung. Diesen Mut zu grundlegenden Reformen und zur Umschichtung von finanziellen Mitteln müssen wir wieder aufbringen.

Fazit: Nur mit einer konzertierten Aktion im politischen wie administrativen Handeln, einem glasklaren Ziel und der Konzentration von Mitteln wird es gelingen, die Zahl der Schüler:innen, die nicht die Mindest- und nicht die Regelstandards erreichen, in einem ersten Schritt zu halbieren. Diesem Ziel muss Vorrang gegeben werden vor vielen anderen bildungspolitischen Ideen.

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