Schülerstudie der TU Dortmund Der Pandemie-Blues bleibt – trotz offener Schulen

Dass Kinder und Jugendliche psychisch besonders unter den Pandemiemaßnahmen gelitten haben, ist bekannt. Doch jetzt zeigt eine neue Studie: Auch mit der Schulöffnung besserte sich ihr Befinden nur zögerlich.
Schülerin mit Mund-Nasen-Schutz: »Ungewissheit und Unkontrollierbarkeit sind für die Psyche des Menschen generell nicht gut«

Schülerin mit Mund-Nasen-Schutz: »Ungewissheit und Unkontrollierbarkeit sind für die Psyche des Menschen generell nicht gut«

Foto: Marijan Murat / picture alliance/dpa

Die Coronapandemie hat Kinder deutlich unglücklicher gemacht. Stimmung und Lebenszufriedenheit sind bei Grundschülerinnen und -schülern messbar zurückgegangen. Und auch nach Wiedereröffnung der Schulen erreichte das Wohlbefinden nicht wieder das Niveau wie vor der Pandemie. Das zeigt eine neue Studie  von Forschenden der TU Dortmund.

Die Psychologin Ricarda Steinmayr und ihr Team haben in einer der ersten Längsschnittstudien zu diesem Thema Erhebungen vor und während der Coronakrise miteinander verglichen. Die Fachleute haben dafür nach dem ersten Lockdown im Mai und Juni 2020 Befragungen an vier Grundschulen durchgeführt, an denen sie im Rahmen eines anderen Projekts schon vor der Pandemie dreimal die Kinder zu ihrem subjektiven Wohlbefinden befragt hatten – ein Glücksfall, der den direkten Vergleich erst ermöglichte.

»Da wir uns schon seit Längerem mit Einflussfaktoren auf das subjektive Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen befassen, lag es nahe, uns die Auswirkungen der Coronapandemie genauer anzuschauen«, sagt Ricarda Steinmayr. Die Kinder sollten dafür Einschätzungen abgeben zu Aussagen wie »Ich bin ein fröhlicher Mensch« oder »Meistens bin ich glücklich«.

»Verlust an Wohlbefinden muss dringend aufgefangen werden«

Dabei zeigte sich: Während der Pandemie sanken sowohl die positive Stimmung als auch die Zufriedenheit mit dem Familienleben – »und zwar bei allen Kindern unabhängig vom sozialen Hintergrund oder Geschlecht«, betont Steinmayr. Dabei gehe es jedoch um weit mehr als nur um den Präsenzunterricht, sagt Co-Autorin Linda Wirthwein: »Soziale Beziehungen und das Kompetenzerleben in der Schule, im Sportverein oder in anderen außerschulischen Einrichtungen sind wichtige Faktoren für das subjektive Wohlbefinden von Kindern.« Die hätten deshalb unter den Infektionsschutzmaßnahmen wie Schließungen der Schulen oder Sportvereine besonders gelitten.

Für Psychologin Ricarda Steinmayr ist deshalb klar: Bei den Corona-Aufholprogrammen für Kinder und Jugendliche dürfe es nicht nur darum gehen, die durch die Schulschließungen verursachten Lernlücken zu schließen. »Auch der Verlust an Wohlbefinden der Kinder muss dringend aufgefangen werden.« So zeigen aktuelle Forschungsergebnisse, dass das verloren gegangene Wohlbefinden bei Jugendlichen trotz des relativ normalen Schulbetriebs der vergangenen Monate bisher nicht wieder vollständig hergestellt werden konnte.

Wichtig sei es deshalb, mit Blick auf den kommenden Herbst klare und nachvollziehbare Konzepte für die Bildungseinrichtungen zu entwickeln. »Ungewissheit und Unkontrollierbarkeit sind für die Psyche des Menschen generell nicht gut«, sagt Ricarda Steinmayr. Was außerdem helfe, sei eine Rückkehr zu Routinen: »Das kann ehrenamtliches Engagement sein oder die Aktivität im Sport- oder Kulturverein.«

Insgesamt aber komme, sagt die Psychologin, eine neue, zusätzliche Aufgabe auf die Schulen zu – die man dem überlasteten System allerdings nicht einfach so aufbürden könne. Steinmayr und ihr Team arbeiten deshalb gerade an Trainingskonzepten zur Förderung des subjektiven Wohlbefindens, wie es sie in anderen Ländern bereits gibt.

Klar ist: Solche Angebote müssen von Lehrkräften koordiniert werden – und dafür braucht es neue, zusätzliche personelle Ressourcen.

him