Schulöffnung nach Corona Große allgemeine Verunsicherung

Die Klassenzimmer füllen sich wieder, nach und nach kehren Schüler und Lehrkräfte zurück in den Präsenzunterricht. Doch ein Masterplan fehlt - und das führt mitunter zu kuriosen Ideen.
Mussten ihre Klausuren nicht zur Virenabtötung in den Backofen schieben: Abiturienten in Dresden

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Foto: Robert Michael/ picture alliance/ dpa

Fragt man Heinz-Peter Meidinger, dann ist die Sache klar: Die langsam anlaufende Rückkehr der Schülerinnen und Schüler in die Klassen habe an den meisten Grundschulen bisher "sehr gut geklappt", sagte Meidinger, Gymnasialdirektor und gleichzeitig Präsident des Deutschen Lehrerverbands. Beim Schulneustart habe sich gezeigt, "dass auch Zehnjährige sehr wohl in der Lage sind, solche Regeln einzuhalten, wenn sie von der Notwendigkeit überzeugt sind".

Seit Montag sind in vielen Bundesländern die Abschlussklassen sowie die letzte Klasse der Grundschulen wieder geöffnet. Meidinger nannte im Gespräch mit der "Passauer Neuen Presse"  als Ziel, in allen Jahrgangsstufen "noch einen ordentlichen Jahresabschluss mit Zeugnissen" hinzubekommen.

Allerdings, so der Lehrerfunktionär, werde es nicht mehr gelingen, den versäumten Stoff in den verbleibenden Wochen bis zu den Sommerferien noch auszugleichen: "Das Aufholen der aufgelaufenen Defizite wird sich weit ins nächste Schuljahr hinein erstrecken."

"Tief verärgert und fassungslos"

Zu sagen, dass Stefan Behlau vom bisherigen Verlauf des Schulneustarts nicht ganz so angetan ist, wäre wahrscheinlich untertrieben. Behlau ist Landesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) in Nordrhein-Westfalen und damit ebenfalls Lehrervertreter. "Schulleitungen und Lehrkräfte sind in großem Maße tief verärgert und fassungslos über ihren Dienstherrn, die Landesregierung", schreiben Behlau und seine Vorstandskollegen in einem offenen Brief  an Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) und Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP).

Hintergrund ist die forsche Ankündigung des Schulministeriums am vergangenen Donnerstag, ab dem 7. Mai den Unterricht wieder aufzunehmen und ab 11. Mai alle Klassen abwechselnd in die Schulen zu holen. Genau darüber aber wollten Laschet, die anderen Länderregierungschefs und Angela Merkel am Mittwoch dieser Woche eigentlich erst noch reden - weswegen Laschet die Ankündigung seiner Schulministerin nach wenigen Stunden wieder einkassierte. Das kommunikative Chaos war perfekt, die Lehrerschaft sauer.

Der Vorgang zeige "in erschreckender Weise, dass nicht alle Verantwortlichen in der Landesregierung und dem Ministerium über den aktuellen Schulalltag informiert sind und anscheinend nicht annähernd wissen, was Schulleitungen und Lehrkräfte in diesen schwierigen Zeiten für die Schülerinnen und Schüler, ihre Eltern und damit für unsere Gesellschaft leisten", heißt es im Brief des VBE. Die Verbandsvertreter sehen die Lehrkräfte wegen fehlender Absprachen durch die Landesregierung missbraucht und instrumentalisiert.

Samstagsunterricht und verkürzte Ferien

Während viele Lehrerinnen und Lehrer bezweifeln, dass in den verbleibenden Wochen vor den Sommerferien noch einmal alle Schüler in die Klassen zurückkehren können, gibt sich Lehrerverbandschef Meidinger zuversichtlich. Das sei möglich, wenn auch "nur mit einem großen Kraftaufwand". Dazu sei Schichtbetrieb mit wöchentlichem oder täglichem Wechsel zwischen Schulpräsenz und Lernen zu Hause nötig. "Das wird für die Schulen eine Mammutaufgabe sein", so Meidinger.

Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien (CDU) hatte vorgeschlagen, für einen solchen Schichtunterricht auch Samstage zu nutzen - eine Option, die von SPD-Chefin Saskia Esken unterstützt wird: "Mit dem Samstag könnten alle Schüler drei Tage pro Woche in die Schule kommen. Auch die Eltern hätten damit einen brauchbaren Rhythmus", wird Esken in der "Süddeutschen Zeitung" zitiert.

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Ob darüber hinaus Teile der Sommerferien zum Aufholen der versäumten Unterrichtszeit genutzt werden sollen, ist weiterhin umstritten. Berater des Bundeswirtschaftsministeriums hatten das am Dienstag noch einmal vorgeschlagen: "Eine Verkürzung der Sommerferien scheint uns sinnvoll", sagt Regina Riphahn vom Wissenschaftlichen Beirat bei der Vorstellung eines Schreibens an das Ministerium. Damit könne zumindest ein Teil der verlorenen gegangenen Unterrichtszeit nachgeholt werden.

Eskens Parteifreund Karl Lauterbach hält das für einen viel zu kurzen Zeithorizont. Mit Verweis auf neue Studien zur Übertragung des Coronavirus durch Kinder  twitterte der SPD-Parteipolitiker: "Regulärer Unterricht fällt für mindestens 1 Jahr aus. Das kann jetzt als epidemiologisch sicher gelten." Sollte Lauterbach mit dieser Prognose recht behalten, müsste die Kultusministerkonferenz schleunigst nachbessern: Deren Konzept zum Wiederanfahren des Schulbetriebs  berücksichtigt einen solch langen Zeitraum bisher nicht.

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Backe, backe Prüfung

Fast schon kuriose Blüten trieb die Unsicherheit in Bezug auf Corona unterdessen an einer Schule im schweizerischen Kanton St. Gallen. Ein Immunologe hatte der Kantonsschule Wil empfohlen, die schriftlichen Arbeiten der Abiturienten auf 70 Grad zu erhitzen.

"Für die Einhaltung der Hygienemaßnahmen werden alle Ihre Prüfungsdossiers nach der jeweiligen Prüfung von den Lehrpersonen eingesammelt und vor der Korrektur im Backofen bei 70 Grad keimfrei gemacht", heißt es in einem Schreiben der Schulleitung an die Schülerinnen und Schüler: "Deshalb müssen Sie für die Prüfung einen Stift benutzen, dessen Schrift hitzebeständig ist."

Für die Prozedur wäre allerdings nicht der heimische Backofen der Lehrkräfte beansprucht worden. "Wir hätten das Erwärmen der Arbeiten direkt in der Schule durchgeführt", erklärte Rektorin Doris Dietler Schuppli auf SPIEGEL-Nachfrage. Allerdings habe das Amt für Gesundheit mittlerweile versichert, dass bei einem kurzen Kontakt mit dem Papier eine solche Maßnahme nicht notwendig sei, wenn ansonsten Abstandsregeln und Handhygiene eingehalten würden. Die Viren seien dann zwar möglicherweise noch nachweisbar, aber nicht ansteckend: "Deswegen werden wir von dieser Maßnahme absehen und uns an den Rat des Amtes für Gesundheit halten", so die Schulleiterin.

mit Material von AFP und Reuters
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