Abrechnung mit der Schulpolitik Oberlehrer Meidinger schreibt ein Sündenregister

Heinz-Peter Meidinger ist der bekannteste Lobbyist der Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland. Im Interview spricht er über seine neue Streitschrift und angebliche »Todsünden« der Schulpolitik.
Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes: »Die Kultusminister haben zu wenig für eine gute Balance zwischen Gesundheitsschutz und Bildung getan«

Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes: »Die Kultusminister haben zu wenig für eine gute Balance zwischen Gesundheitsschutz und Bildung getan«

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Armin Weigel / picture alliance/dpa

Egal ob es um Masken im Unterricht, Noteninflation oder irgendein anderes Schulthema geht, einer meldet sich zuverlässig zu Wort: Heinz-Peter Meidinger, 66, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. So präsent wie er ist kaum ein Lehrerlobbyist in den Medien. In der Corona-Pandemie gilt dies umso mehr.

Wer ist dieser Mann? Und was treibt ihn um?

Seine jüngste, umfangreiche Wortmeldung ist eine »Streitschrift« über die »10 Todsünden der Schulpolitik«, ein Buch mit 126 Seiten, das Ende Januar erschienen ist und – wenig überraschend – einige Aufmerksamkeit in den Medien gefunden hat. Als Meidinger mit dem SPIEGEL telefoniert, befindet er sich gerade auf dem Rastplatz an einer Autobahn, auf dem Rückweg von einem Interview mit dem Südwestrundfunk in Stuttgart.

SPIEGEL: Herr Meidinger, warum tauchen Sie eigentlich so oft in den Medien auf?

Heinz-Peter Meidinger: Nach so vielen Jahren als Vorsitzender der zweitgrößten Organisation der Lehrkräfte habe ich natürlich Kontakte. Dazu kommt: Wenn Journalisten beim Lehrerverband anfragen, müssen sie nicht lange auf ein Statement warten. Sie können ohne Umwege den Vorsitzenden erreichen. Meine Handynummer steht im Internet, was auch schon negative Auswirkungen hatte.

SPIEGEL: Welche denn?

Meidinger: Ich habe mich als einer der Ersten für eine Maskenpflicht im Unterricht  ausgesprochen. Da wurde ich heftig von Corona-Leugnern angefeindet. Ich sei ein Kinderquäler. Dieser Shitstorm erreichte mich über mein Handy. Ich habe zuerst gedacht, ich müsse meine Nummer wechseln. Aber der Witz war: Nach gut einer Woche war der Spuk vorbei. Das sagt viel über unsere Erregungskultur aus.

Von solchen Anfeindungen scheint sich Meidinger nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Einige Jahrzehnte hat er als Lehrer gearbeitet, zuletzt als Schulleiter an einem Gymnasium. Seine Mutter war Lehrerin an einer Förderschule, der Vater Hauptschulrektor, auch seine Frau ist Lehrerin. 2004 wurde Meidinger Chef des Deutschen Philologenverbandes, 2017 Präsident des Lehrerverbandes, der rund 165.000 Mitglieder hat. Seit den Sommerferien ist er in Pension, aber nur als Schulleiter, nicht als Lobbyist: »Mal stecke ich in einer Videoschalte mit der Kultusministerkonferenz, mal im Telefonat mit dem Herrn Söder.«

»Ich will natürlich nicht die Kultusminister in die Hölle schicken.«

Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes

SPIEGEL: Herr Meidinger, in Ihrem Buch beklagen Sie, die Schulpolitik werde schwieriger, weil so viele Menschen mitreden wollten, darunter Lobbyisten wie die Lehrerverbände. Aha.

Meidinger: Ein bissl Selbstkritik muss sein. Aber das Problem ist mehr, dass in der Schulpolitik jede Kontroverse sofort in eine sehr emotionale und ideologische Freund-Feind-Debatte umschlägt, egal ob es um die Abschaffung des Gymnasiums oder Inklusion geht. Dabei sieht sich mindestens eine Seite als diejenige, die über die Schulen die Welt verbessern will. Dadurch wurde für viele Jahre jeder Streit zum Glaubenskrieg, und das hat der Schulpolitik sehr geschadet.

SPIEGEL: Wenn Sie »10 Todsünden der Schulpolitik« anprangern, klingt das auch nicht gerade sachlich.

Meidinger: Ich komme aus dem stark vom Katholizismus geprägten Niederbayern. Da begehen wir zwar nicht laufend Todsünden, haben aber weniger Probleme im Umgang mit dem Begriff. Der Titel ist aber mehr als ein Marketing-Gag.

SPIEGEL: Was meinen Sie denn mit »Todsünden«?

Meidinger: Es geht in der Bildungspolitik nicht um Fehler, die man mal macht und mal nicht macht, sondern um die immer gleichen Fehler bei entscheidenden Problemstellungen: etwa Vergleichbarkeit der schulischen Standards, Defizite in der Lehrerausbildung, Leistungsunterschiede zwischen den Bundesländern, wiederkehrender Lehrermangel. Da hat sich über Jahrzehnte nichts getan, und das sind nicht nur Nachlässigkeiten oder Versäumnisse, sondern für mich wirklich Todsünden.

SPIEGEL: Wen machen Sie verantwortlich?

Meidinger: Ich will natürlich nicht die Kultusminister in die Hölle schicken. Es geht mir nicht um Personenbashing, sondern eine Grundhaltung der Politik, der Landesregierungen, die der Bildung – allen Sonntagsreden zum Trotz – nicht den nötigen Stellenwert beimessen. Sie setzen zudem meist auf kurzfristige Wahlerfolge und haben nicht den nötigen langen Atem für nachhaltige Veränderungen.

SPIEGEL: Ein Beispiel, bitte.

Meidinger: Das Totalversagen bei der Lehrerversorgung. Es ist seit Jahren so, dass es zeitweise ein Überangebot mit vielen arbeitslosen Lehrkräften gibt, dann wieder einen akuten Lehrkräftemangel, Stichwort Schweinezyklus. Es ist bisher keinem Bundesland gelungen, dieses Problem nachhaltig zu beseitigen. Zurzeit herrscht eine riesige Personalnot an den Schulen, und die bedroht die Bildungsqualität, auch ohne Corona. Es fällt massenweise Unterricht aus. Kinder werden von oft völlig unzureichend ausgebildeten Quereinsteigern beschult.

SPIEGEL: Wie sieht Ihr Vorschlag aus?

Meidinger: Arbeitslose Lehrkräfte lassen sich nicht einfrieren und bei Bedarf wieder auftauen. Die Politik müsste deshalb bereit sein, in Phasen des Überangebots an Lehramtsbewerbern oder bei zurückgehenden Schülerzahlen über Bedarf einzustellen. Kinder könnten dann in kleineren Gruppen lernen oder Klassen doppelt besetzt sein. In Zeiten aufkommenden Lehrermangels oder steigender Schülerzahlen wären die benötigten Pädagogen schon da und müssten nicht erst ausgebildet werden. Genau das passiert aus Kostengründen aber nicht.

»Mich ärgert die Vorstellung, Schule sei ein Unternehmen, das möglichst preiswert Abiturienten produziert.«

Heinz-Peter Meidinger, ehemaliger Schulleiter

In seinem Buch listet Meidinger zehn vermeintliche Todsünden lauf, darunter die Erwartung, Schule solle der Reparaturbetrieb der Gesellschaft und etwa für die Erziehung zuständig sein. Er beklagt zudem, es werde »eine Reformsau nach der anderen durch unsere Schulen getrieben«, und wettert gegen Gemeinschaftsschulen, gegen längeres gemeinsames Lernen, gegen fehlendes Leistungsdenken und oft gegen die Schulpolitik von SPD und Grünen. Mangelnde Chancengerechtigkeit dagegen, die von Bildungsforschern oft beklagt wird, taucht unter den Todsünden gar nicht auf.

Aha, könnte man deshalb denken, Meidinger ist einer, der keine Veränderung will. Einer, dem es vor allem um Wissensvermittlung geht, weniger um Pädagogik. Aber Meidinger beklagt mit Verve auch »den verhängnisvollen Einfluss des Neoliberalismus« auf Schulen – Todsünde Nr. 4. In den Neunzigerjahren seien Unternehmensberatungen eingesetzt worden, um Schulen »effektiver« zu machen, letztlich sei es jedoch um massive Sparmaßnahmen gegangen: »Mich ärgert die Vorstellung, Schule sei ein Unternehmen, das möglichst schnell und preiswert Abiturienten produziert. Das ist völlig verfehlt. Es geht doch um Bildung.«

SPIEGEL: War zu Ihrer eigenen Schulzeit alles besser?

Meidinger: Überhaupt nicht. Ich bin auch deshalb Lehrer geworden, weil mich die Pädagogik – oder besser gesagt Nichtpädagogik – in meiner Schulzeit geschreckt hat, etwa als Sitzenbleiber. Wie es einzelnen Kindern ging, fand wenig Beachtung. Da sind wir einen Riesenschritt vorangekommen, müssen aber noch weiter gehen. Ich bin überhaupt nicht gegen vernünftige Reformen, aber bitte aufgrund von wissenschaftlichen Erkenntnissen, nicht aus ideologischen Gründen.

SPIEGEL: Was würden Sie ändern?

Meidinger: Die Corona-Pandemie hat uns das Versagen der Schulpolitik einerseits drastisch vor Augen geführt, etwa den Sanierungsstau an den Schulen und die verschleppte Digitalisierung. Andererseits hat sie einige Missstände zugedeckt, zumindest sind diese vorübergehend in den Hintergrund gerückt: Ein Fünftel der 15-jährigen Schüler in Deutschland hat Studien zufolge eine so schlechte Lesekompetenz, dass sie Gefahr laufen, ihren Abschluss nicht zu schaffen, und geringe Chancen auf gesellschaftliche Teilhabe haben. Wir müssen solche Schüler mehr fördern, aber auch mehr fordern.

SPIEGEL: Was schlagen Sie konkret vor?

Meidinger: Wir müssten Ressourcen so verteilen, dass Schüler, die in den Graben laufen, mehr Unterstützung bekommen. Alle Kinder müssten zum Beispiel, am besten schon im Kita-Alter wie in Hamburg, auf Sprachdefizite getestet werden. Viele Kinder haben hier massive Probleme, nicht nur Kinder mit Migrationshintergrund. Auch in Familien deutscher Herkunft gibt es Spracharmut. Kinder mit Bedarf müssten verpflichtend an Förderangeboten teilnehmen, aber die muss es natürlich auch geben. Das ist eine große Kraftanstrengung. Man braucht gut ausgebildetes Personal dafür, aber das würde wirklich etwas bringen.

SPIEGEL: Sie werfen den Kultusministern »katastrophales Krisenmanagement« in der Pandemie vor, Todsünde Nr. 6. Umgekehrt kritisierten manche Minister, den Verbänden gehe es vorrangig um die Gesundheit der Lehrer statt um die Bildung der Kinder.

Meidinger: Dieser Vorwurf ist unhaltbar. Vielmehr hat die Politik wissenschaftsbasierte Empfehlungen zu Schulschließungen  oder dem Übergang in ein Wechselmodell immer wieder in den Wind geschossen und sich im neuen Schuljahr so stark an den Präsenzunterricht geklammert, dass Distanzunterricht zu Teufelswerk erklärt wurde. Dabei hätten Schulen spätestens im Herbst testen müssen, wie digitales Lernen klappen könnte. Das ist nicht passiert, und jetzt haben wir den Salat.

SPIEGEL: Distanzunterricht ist nun mal kein richtiger Unterricht.

Meidinger: Wir sind uns vermutlich alle einig, dass Präsenzunterricht das Beste ist, wenn man Schüler fördern und Wissen vermitteln will. Aber die Kultusminister haben zu wenig für eine gute Balance zwischen Gesundheitsschutz und Bildung getan. Wir fordern seit Monaten einen bundeseinheitlichen Plan, bei welchen Fallzahlen Schulen in den Distanz- oder Wechselunterricht umsteigen. Es muss geklärt werden, welche Schülergruppen man vorrangig in die Schulen zurückholt. Aber das ist alles nicht passiert.

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Meidinger, Heinz-Peter

Die 10 Todsünden der Schulpolitik: Eine Streitschrift

Verlag: Claudius
Seitenzahl: 128
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SPIEGEL: Kritiker sagen, das digitale Lernen scheitere auch am fehlenden Know-how und mangelnden Engagement einiger Lehrkräfte.

Meidinger: Es gab im ersten Lockdown schlechte Erfahrungen mit dem Distanzunterricht, weil uns auch Erfahrungen damit fehlten. Einige Lehrkräfte haben Schüler mit Aufgaben geradezu bombardiert, einzelne sind auch abgetaucht. Zusätzlich hakte es an der Technik. Denn man hat bei der Digitalisierung der Schulen über viele Jahre nicht genug Gas gegeben, aber natürlich auch keine Pandemie erwartet. Das ist nicht mein Hauptkritikpunkt.

SPIEGEL: Sondern?

Meidinger: Es ist unentschuldbar, dass seit März vergangenen Jahres so wenig passiert ist. Die Politik hat frühzeitig Firmenkredite verteilt, die Lufthansa gerettet, Programme zur Kurzarbeit aufgelegt, aber nicht erkannt, dass sie genauso dringend und konsequent bei den Schulen hätte handeln müssen. Die Förderung etwa von Leihlaptops für Schüler kam erst viel später, beim Breitbandausbau an den Schulen ist bis heute nicht viel passiert. Es gibt keinen vorgezogenen Corona-Impfschutz für Lehrkräfte, keine Schnellteststrategie, keine FFP2-Masken für alle. All das rächt sich jetzt, wenn es darum geht, ob und wie Unterricht in der Pandemie stattfinden kann.

SPIEGEL: Sie hätten jetzt Zeit, Kultusminister zu werden und es besser zu machen. Interesse?

Meidinger: Ich bin ein alter, weißer Mann. Das ist keine Beschäftigung mehr für mich, da müssen jüngere ran. Ich drücke mich nicht vor Verantwortung, aber ich beneide die Schulminister mit ihrer Stellung im Kabinett nicht. Im Zweifel kommt der Regierungschef und wirft gute Ideen über den Haufen. Da bleibe ich lieber Verbandschef und lege klare und unverwässerte Lösungsvorschläge auf den Tisch.