Deutsches Schulbarometer Auf Platz drei der größten Lehrersorgen: verhaltensauffällige Kinder

Unruhig, aggressiv – und beim Lernen hinterher: Bei Schülern zeigen sich offenbar die Folgen der Coronakrise. Auch mehr als die Hälfte der Lehrer fühlt sich erschöpft.
Schulkinder (Symboldbild)

Schulkinder (Symboldbild)

Foto: Westend61 / Getty Images

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Einige stoßen an ihre Grenzen – Deutschlands Lehrerinnen und Lehrer ächzen unter einer hohen Arbeitsbelastung. Nach mehr als zwei Jahren Coronakrise, verbunden mit einem chronischen Personalmangel an Schulen, ist das keine völlig überraschende Erkenntnis.

Wie groß jedoch die Erschöpfung und die Misere an den Schulen insgesamt ist, zeigen aktuelle Daten des Deutschen Schulbarometers, das an diesem Donnerstag vorgestellt wird.

84 Prozent der Lehrkräfte erleben sich selbst demnach als stark oder sehr stark belastet. Mehr als die Hälfte fühlt sich erschöpft, und eine Mehrheit hat den Eindruck, die Schulen (und sie selbst) könnten den wachsenden Anforderungen im Schulalltag kaum noch gerecht werden, zumal die Coronakrise erhebliche Spuren bei Kindern und Jugendlichen hinterlassen habe.

Psychische Auffälligkeiten, problematisches Verhalten, Schwierigkeiten beim Lernen: Die Nöte ihrer Schülerinnen und Schüler werden den Pädagogen zufolge eher größer als kleiner, wie die repräsentative Umfrage zeigt. Auftraggeberin ist die Robert Bosch Stiftung, das Forsa-Institut befragte vom 6. bis zum 18. April 2022 bundesweit mehr als 1000 Lehrerinnen und Lehrer.

Mehrheit der Lehrkräfte kapituliert vor Lernrückständen

Die Pädagoginnen und Pädagogen gehen demnach im Schnitt davon aus, dass 41 Prozent der Schülerinnen und Schüler deutliche Lernrückstände aufweisen. Bei der letzten Befragungsrunde des Schulbarometers im September 2021 lag dieser Wert noch bei 33 Prozent. Bei vielen Schülerinnen und Schülern ist es offenbar noch nicht gelungen, die Versäumnisse des Distanzunterrichts aufzuholen. Sie hinken sogar stärker hinterher; trotz der Aufholprogramme  von Bund und Ländern.

Mehr als jede zehnte Lehrkraft vermutet sogar, 75 Prozent ihrer Schülerinnen und Schüler wiesen deutliche Lernrückstände auf. Dies gilt besonders an Schulen, an denen mehr als die Hälfte der Kinder mit einer anderen Muttersprache als Deutsch aufwächst. Die Defizite lassen sich nach Einschätzung vieler Lehrkräfte kaum noch gut kompensieren, jedenfalls nicht unter den gegebenen Bedingungen.

  • 71 Prozent der Befragten stimmen der Aussage zu: »Trotz aller Bemühungen kann meine Schule einigen Schüler:innen aktuell nicht die adäquate Unterstützung beim Lernen bieten, die sie benötigen.« Bei Grundschullehrern liegt dieser Wert sogar bei 83 Prozent.

  • Fast die Hälfte stimmt der Aussage zu: »Ein Großteil meines Unterrichts besteht aktuell aus Krisenmanagement.«

  • Mehr als die Hälfte der Lehrkräfte findet: »Den Sorgen und Ängsten meiner Schüler:innen kann ich trotz aller Bemühungen aktuell nicht ausreichend Raum geben.«

Dabei wäre gerade dies den Pädagogen zufolge besonders wichtig. Eine Mehrheit findet, das psychische Wohlbefinden zu fördern, solle wichtiger sein, als Lehrpläne zu erfüllen. Denn die Coronakrise zeige in den Klassenzimmern ihre Folgen. Aggressiver, unmotivierter, unruhiger: Nach Einschätzung fast aller Befragten haben Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern seit Beginn der Pandemie im Frühjahr 2020 stark zugenommen. Mehr als 80 Prozent der Lehrkräfte sagen, Motivations- und Konzentrationsprobleme seien deutlich größer geworden.

Auffällig ist, dass fast alle negativen Verhaltensweisen im Vergleich zur Befragung im September 2021 zugenommen haben. Während sich bei vielen Menschen außerhalb von Schulen auch das Gefühl einstellt, die Pandemie sei weitgehend überstanden und es kehre langsam wieder Normalität ins Leben ein, wirken die Folgen der Krise an den Schulen offenbar deutlich nach. Der Winter mit anhaltenden Coronabeschränkungen, hohen Krankenständen und Unterrichtsausfall, unter anderem aufgrund der Omikron-Variante, könnte manches Problem noch verschärft haben.

Schulpsychologen? Mangelware

Bei der Einschätzung der Lehrerinnen und Lehrer handelt es sich um Beobachtungen, nicht um gesicherte Diagnosen. Mehrere Untersuchungen, darunter die Copsy-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, weisen allerdings in eine ähnliche Richtung. Demnach zeigen mehr Kinder psychische Auffälligkeiten als vor der Coronapandemie. Kinder- und Jugendpsychotherapeuten stellen zudem einen starken Andrang in ihren Praxen und Kliniken fest.

Eine erste Anlaufstelle für betroffene Kinder könnten Schulpsychologen sein. Solche Sprechstunden gibt es laut dem Schulbarometer allerdings nur an jeder dritten Schule. Fast Dreiviertel der Lehrerinnen und Lehrer sagen, dass an ihrer Schule Schulsozialarbeiter Hilfe anbieten. Etwas mehr als die Hälfte verweist auf eine Vertrauenslehrkraft oder ein Mentoringsystem, jeder fünfte Befragte auf Vertrauensschüler.

Die Verhaltensauffälligkeiten der Kinder und Jugendlichen machen vielen Lehrerinnen und Lehrern besonders zu schaffen. Die größte Herausforderung stellt für viele aber nach wie vor die Coronapandemie dar, gefolgt vom Lehrkräftemangel. Fast alle empfinden ihr Kollegium aktuell als sehr hoch oder hoch belastet.

Mehr als jede zehnte Lehrkraft will Stunden reduzieren

Um allen Anforderungen gerecht zu werden, gönnen sich viele Lehrerinnen und Lehrer der Umfrage zufolge nur wenige Pausen. Fast die Hälfte hält demnach die gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten von elf Stunden häufig nicht ein. Stattdessen sitzen Pädagoginnen und Pädagogen abends noch lange an Unterrichtsvorbereitungen oder korrigieren Klassenarbeiten, um dann frühmorgens wieder im Klassenraum zu stehen.

Jede fünfte Lehrkraft arbeitet häufig oder sehr häufig nachts zwischen 22 und 6 Uhr, so die Umfrage. Am Wochenende zu arbeiten, ist für acht von zehn Lehrern eher die Regel als die Ausnahme.

Die Mehrheit fühlt sich trotz allem zufrieden mit ihrem Beruf. Viele Lehrkräfte bringt die Belastung jedoch an Grenzen. 62 Prozent leiden nach eigenen Angaben täglich oder häufig an körperlicher Erschöpfung. Fast die Hälfte berichtet jeweils von mentaler Erschöpfung, innerer Unruhe sowie Nacken- und Rückenschmerzen.

»Lehrerin oder Lehrer wird man aus Überzeugung, aber chronische Überlastung macht auf Dauer krank und unzufrieden«, sagt Dagmar Wolf, Bereichsleiterin Bildung der Robert Bosch Stiftung. Schulen benötigten deshalb dringend zusätzliches Personal. Dazu gehörten Sozialpädagogen, Schulsozialarbeiter, aber auch Verwaltungskräfte, um Schulleitungen zu entlasten.

Mehr als jede zehnte Lehrkraft will laut Schulbarometer im kommenden Schuljahr ihre Stelle herunterschrauben und Stunden reduzieren. Eines der größten von den Lehrkräften benannten Probleme dürfte sich damit noch verschärfen: die Personalknappheit.

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