Thema Krieg in der Schule »Lehrkräfte sollten nicht werten, sondern moderieren«

Wie kann man mit Schülerinnen und Schülern über den Krieg in der Ukraine sprechen? Eine Lehrerin erzählt, wie ihr Unterricht abläuft – und warum es wichtig ist, auch mal das Thema zu wechseln.
Ein Interview von Kathrin Fromm
Thema Krieg im Schulunterricht (Archivfoto): »Nachhorchen, was die Klasse beschäftigt«

Thema Krieg im Schulunterricht (Archivfoto): »Nachhorchen, was die Klasse beschäftigt«

Foto: Philipp von Ditfurth / picture alliance/dpa

SPIEGEL: Frau Menn, wie thematisieren Sie den Krieg in der Ukraine im Unterricht?

Menn: Ein Schüler kam vergangene Woche ins Klassenzimmer, auf seinem Smartphone hatte er einen Livestream auf YouTube laufen. »Unglaublich, Frau Menn, Krieg in Europa!«, sagte er. Da ergibt sich der Einstieg von selbst.

SPIEGEL: Wie ging es dann weiter?

Menn: Mit den Elftklässlern habe ich darüber gesprochen, was der Angriff emotional mit ihnen macht und das dann auf eine Sachebene gebracht. Wir gingen darauf ein, wie die Medien über den Krieg berichten und welche historischen Grundlagen der Konflikt hat. Die Abiturienten waren noch mal ganz anders im Stoff. Sie haben die Sendung von Markus Lanz reflektiert und über die Rolle der Nato geredet. Einige haben Geschichts-LK. Da hatten sie schon die bipolare Weltordnung nach dem Zweiten Weltkrieg behandelt.

Zur Person
Foto: privat

Antje Menn, 47, ist seit 20 Jahren Lehrerin. Sie unterrichtet Gesellschaftslehre und Sozialwissenschaften an der Willy-Brandt-Gesamtschule in Castrop-Rauxel und sitzt im erweiterten Vorstand der Deutschen Vereinigung für Politische Bildung in Nordrhein-Westfalen.

SPIEGEL: Wie sollte mit Jugendlichen in der Schule über so ein Thema gesprochen werden?

Menn: Ich glaube, es ist wichtig, dass man den Schülerinnen und Schüler ein Angebot zum Gespräch und zum Austausch macht – eigentlich in jedem Fach, in jeder Stunde. Als Lehrkraft sollte man nachhorchen, was die Klasse beschäftigt. Wenn sie dann nach fünf Minuten das Thema wechseln will und es keine weiteren Wortmeldungen mehr gibt, ist das auch in Ordnung. Aber die Schüler müssen in so einer Krise aufgefangen werden. Es geht um Fürsorge. Wir arbeiten an unserer Schule deshalb zum Beispiel eng mit der Schulsozialarbeit zusammen. Die helfen Kindern und Jugendlichen, die stark emotional reagieren, weil sie vielleicht selbst Fluchterfahrungen gemacht haben.

SPIEGEL: Was ist, wenn sich Lehrerinnen und Lehrer von der aktuellen Situation selbst überfordert fühlen?

Menn: Das kann ich gut verstehen. Manchmal muss man zuerst eine eigene Haltung entwickeln. Mir geht es zum Beispiel mit dem Begriff »Dritter Weltkrieg« so. Das thematisiere ich in den Klassengesprächen auch. Und ich versuche, eine gewisse emotionale Distanz zu vermitteln.

SPIEGEL: Was meinen Sie damit?

Menn: Ich hinterfrage zum Beispiel die mediale Berichterstattung, das permanente Rauschen in den sozialen Netzwerken. Was sehen wir auf den Webcams in Kiew? Ich rege an, dass es auch in Ordnung ist, sich davon für ein paar Stunden zu distanzieren und erst abends die aufbereiteten, einordnenden Videos und Berichte zu schauen. Die Schüler sind dankbar für solche Hinweise.

»Wenn sich eine Lehrkraft bei dem Thema nicht wohlfühlt, ist es möglich, an einen Kollegen oder eine Kollegin zu verweisen.«

SPIEGEL: Bildungsgewerkschaften und Kultusministerien haben dazu aufgefordert, dass der Krieg thematisiert wird. Sollte das Pflicht sein?

Menn: Jemanden dazu zu verdonnern, bringt aus meiner Erfahrung nichts. Wenn sich eine Lehrkraft bei dem Thema nicht wohlfühlt, ist es möglich, an einen Kollegen oder eine Kollegin zu verweisen. Die Herangehensweise ist überall anders. Mein Sohn besucht die sechste Klasse eines Gymnasiums. Auch dort gab es Redebedarf. Der Lehrer sagte: Informiert euch mal, dann können wir nächste Woche darüber sprechen.

SPIEGEL: Sollte der Krieg auch bei jüngeren Kindern, etwa in der Grundschule, ein Thema sein?

Menn: Ja, das finde ich ganz wichtig. Kinder sind politisch interessiert, ohne dass sie das so nennen würden. Sie kriegen ja mit, dass da etwas passiert, ihre Eltern sich vielleicht Sorgen machen – und brauchen unbedingt eine Einordnung. Bei den jüngeren Klassen arbeite ich häufig mit offenen Fragen. Wenn ein Kind wissen will: Haben wir jetzt Krieg? Dann frage ich zurück: Was ist das? Was meinst du damit?

SPIEGEL: Wie wichtig ist es, dass Lehrkräfte in so einer Situation politisch neutral bleiben?

Menn: Für politische Bildung gilt der Beutelsbacher Konsens, das heißt, es gibt ein sogenanntes Überwältigungsverbot von Kindern. Lehrkräfte sollten nicht werten, sondern moderieren. Ein Schüler von mir meinte, den Putin müsste man doch eigentlich töten. Da rudere ich als Lehrerin erst einmal zurück, und rede mit ihm zum Beispiel darüber, woher diese Art der Rhetorik kommt. Wer fordert jetzt so etwas, und warum?

SPIEGEL: Wie kann der Krieg neben dem Unterricht im Schulalltag eine Rolle spielen?

Menn: Auch da muss der Anstoß von den Klassen kommen. Plakative Maßnahmen sind nicht meins. Wenn die Jugendlichen auf Demos gehen oder sich an einer Sammelaktion beteiligen wollen, vernetze ich sie gerne.

SPIEGEL: Sie engagieren sich in der Vereinigung für Politische Bildung. Sprechen Sie dort ebenfalls über das Thema?

Menn: Es steht auf unserer Agenda, aber es gab aktuell noch keinen Austausch, dazu ist der Krieg noch zu frisch. Bislang habe ich einfach individuell auf die Schülerfragen reagiert. Auch bei unserer Lehrerkonferenz diese Woche ist der Umgang mit dem Krieg im Unterricht ein Punkt auf der Tagesordnung.

SPIEGEL: Sollten Ihrer Meinung nach aktuelle Themen generell eine größere Rolle in der Schule spielen?

Menn: Für Politik kann es nicht genug Stunden geben. Hier in NRW gibt es eine Verlagerung: weg von politisch-sozialwissenschaftlichen Inhalten, hin zu mehr ökonomischen. Wir müssen verstärkt auf die Demokratiebildung achten! Demokratie muss erlebbar und erfahrbar werden. Dafür braucht es Projekte und Planspiele, wie zum Beispiel eine Juniorwahl. Ich will mir auf jeden Fall die Zeit nehmen, um in meinen Klassen den Ukrainekrieg fortlaufend zu begleiten und einzuordnen.