Miriam Olbrisch

Geschlechtertrennung im Unterricht Mädchen brauchen keinen Schutzraum

Miriam Olbrisch
Ein Kommentar von Miriam Olbrisch
Mädchen und Jungen sollten in Mathe und Naturwissenschaften getrennt lernen - das schlug die neue Präsidentin der Kultusministerkonferenz vor. Sie liegt falsch.
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Mädchen und Jungen sind nicht gleich. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern bestehen schon weit vor dem ersten Schultag und sie lassen sich selbst mit viel gutem Willen nicht wegdiskutieren. Bereits in der Kita zeigen Mädchen "einen leichten Vorsprung im Erwerb sprachlicher Kompetenzen", analysierte das Institut zur Qualitätssicherung im Bildungswesen (IQB). 63 Prozent der Kinder, die verspätet eingeschult werden, sind Jungen. Gleichzeitig leiden mehr Mädchen als Jungen unter Schulangst, selbst bei guten Leistungen.

Im Laufe einer langen Schullaufbahn vertiefen sich diese Gräben noch weiter. Gerade in Naturwissenschaften, so berichten es Lehrkräfte immer wieder , würden Jungen gern vorpreschen. Sie hätten das Tüfteln und Werkeln, das Ausprobieren und Experimentieren mit ihren Vätern von klein auf trainiert, so das Argument. Gleichzeitig seien Mädchen oft zurückhaltend, überlegter. Einfach mal machen, auch wenn’s knallt, das käme ihnen seltener in den Sinn. Manche fühlten sich auch vom Tatendrang der Jungen eingeschüchtert. Kein Wunder, könnte man denken, dass junge Frauen deshalb später deutlich seltener naturwissenschaftlich-technische Berufe ergreifen als Männer.

Typisch Mädchen, typisch Jungs - das gibt es nicht

Stefanie Hubig, SPD-Bildungsministerin in Rheinland-Pfalz und seit Anfang Januar Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), hat deshalb nun vorgeschlagen, Mädchen und Jungen in Fächern wie Mathematik und Physik phasenweise zu trennen. Man solle Unterricht "zielgruppenorientiert angehen", sagt die Juristin. Was genau damit gemeint sein soll, ließ sie allerdings offen.

Es stimmt: Mädchen und Jungen lernen häufig unterschiedlich, ihre Herangehensweisen sind verschieden. Die Frage ist nur: Ist das schlimm? In der aktuellen Pisa-Studie, bei der 15-Jährige auf der ganzen Welt getestet werden, liegen die Kompetenzen der Mädchen hierzulande in Naturwissenschaften sogar leicht über denen der Jungen. In Lesen und Rechtschreibung haben die Mädchen ihre männlichen Mitschüler ohnehin um Längen abgehängt. Lediglich in Mathematik schnitten Jungen signifikant besser ab. 

Die Ergebnisse von Pisa und zahlreichen anderen Bildungsstudien zeigen also: Mädchen brauchen keine Extraförderung, sondern, wenn überhaupt, Nachhilfe in Selbstbewusstsein. Doch wer Schülerinnen in einen Schutzraum steckt, suggeriert ihnen vor allem, dass sie dem Wettbewerb mit ihren männlichen Mitschülern nicht gewachsen seien.

Sollte Schule also nicht viel eher versuchen, den Enthusiasmus der Mädchen für Schaltkreise und Kohlenstoffverbindungen zu wecken? Und umgekehrt: Sollte sie nicht auch die Jungen ermutigen, dass es Spaß machen kann, sich im Deutschunterricht bei der Interpretation eines Liebesgedichts so richtig reinzuhängen?

Noch wichtiger wäre es aber, früher anzusetzen, in der Kita und im Elternhaus. Der Trend, Spielzeug immer häufiger nach Geschlechtern zu kategorisieren, sorgt dafür, dass Kinder schon früh lernen, was "typisch Mädchen" und "typisch Junge" ist - und wie sie sich ihrer Rolle entsprechend verhalten sollten.

Würden Kinder nun auch im Unterricht nach Mädchen und Jungen getrennt, würde dem Geschlecht noch einmal mehr Bedeutung beigemessen. Doch nicht alle Mädchen sind gleich, genauso wenig alle Jungen, alle Kinder mit blonden Haaren oder alle Linkshänder. Man würde auch nie auf die Idee kommen, Kinder aus sozial benachteiligten Elternhäusern getrennt von ihren besser gestellten Mitschülern zu unterrichten - obwohl viele von ihnen möglicherweise auch anders lernen, weil sie von ihren Eltern oder Nachhilfelehrern durch die Schule gecoacht werden.

Wir beobachten seit Jahren, dass die Schülerschaft in Deutschland zunehmend bunter und heterogener wird. Es gibt Kinder mit Migrationshintergrund und ohne, sportliche und unsportliche, zurückhaltende und aufbrausende, Kinder, die im Unterricht gut mitkommen und andere, die Nachholbedarf im Lesen, Rechnen oder im Sozialverhalten haben. Das Geschlecht ist dabei nur eines von mehreren Merkmalen, die diese Heterogenität ausmachen.

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