Schule im Corona-Modus "Die haben zum Teil zwei Wochen nicht geantwortet"

Wie erleben Familien den Unterricht zu Hause? Eine Schülerin aus Frankfurt und ein Vater aus Stuttgart berichten - und Bildungsforscher liefern erste Ergebnisse ihrer Beobachtungen vom Lernen auf Distanz.
Deborah bereitet sich auf den Schulabschluss vor - derzeit meistens zu Hause

Deborah bereitet sich auf den Schulabschluss vor - derzeit meistens zu Hause

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Evely Dragan/ DER SPIEGEL

Wenn man Deborah Agricola fragt, ob sie gern wieder zur Schule gehen würde, dann fällt ihr die Antwort schwer. Einerseits würde sie tatsächlich gern wieder den Unterricht besuchen. Denn die 16-jährige Gesamtschülerin aus Frankfurt am Main will in den kommenden Wochen ihren Mittleren Schulabschluss (MSA) machen, um nach den Sommerferien eine Ausbildung zu beginnen. Und weil in Hessen ab dem 25. Mai innerhalb einer Woche die MSA-Prüfungsklausuren in Deutsch, Englisch und Mathematik angesetzt sind, will Deborah zurück in die Schule. "In Mathe haben wir noch nicht alle Themen behandelt, insgesamt fehlen uns noch ungefähr vier Wochen Unterricht", sagt sie. Den fehlenden Stoff würde sie gern in der Schule durchnehmen, zusammen mit ihrer Klasse und den Lehrerinnen und Lehrern.

Andererseits aber kann sie sich eine Rückkehr in die Schule derzeit gar nicht vorstellen. Denn Deborah hat Asthma, gehört damit zur Risikogruppe - und da sie täglich auch noch einen halbstündigen Busweg zu ihrer Gesamtschule vor sich hat, wäre der Unterrichtsbesuch in Zeiten von Corona für sie ein gesundheitliches Wagnis. "Bisher weiß ich noch nicht, wie der Unterricht ab Montag für mich laufen wird", sagt sie. Dann werden die meisten ihrer Mitschüler wieder in die Schule gehen. Sie selbst hofft, dass sie dann weiter mit Online-Lernmaterial versorgt wird.

Überhaupt, sagt Deborah, fühlen sie und ihre Klassenkameraden sich in der Debatte über Corona-Auswirkungen auf Schüler häufig übersehen. "Die öffentliche Debatte wurde vor allem über den Umgang mit den Abiturienten geführt, wir Realschüler kamen da so gut wie gar nicht vor", sagt sie. Und auch der Online-Unterricht der vergangenen Wochen sei teilweise von ziemlich zweifelhafter Qualität gewesen. Während sich etwa ihr Englischlehrer unglaublich viel Mühe gegeben und mehrmals wöchentlich Kontakt aufgenommen habe, seien andere Lehrer regelrecht abgetaucht: "Die haben zum Teil zwei Wochen nicht geantwortet."  Von manchen Pädagogen habe sie noch nicht einmal eine Mailadresse bekommen, um Fragen stellen zu können.

Andere zeigten sich bei der Aufgabenstellung für den Unterricht zu Hause wenig kreativ. "In Deutsch sollten wir ein Kreuzworträtsel lösen, das eigentlich für Abiturienten in der 13. Klasse gedacht war", erzählt Deborah. Und im Fach Politik und Wirtschaft lautete der Arbeitsauftrag schlicht: Schreibt jeden Tag auf, was Hessen gegen die Corona-Pandemie tut. Das Lernen in den vergangenen Wochen sei deshalb teilweise ausgesprochen schwierig gewesen.

30 Prozent haben kaum Kontakt zu Lehrern

Die sehr unterschiedlichen Lernerfahrungen, die die 16-jährige Frankfurterin in der Coronakrise gemacht hat, decken sich mit dem, was Medienforscher ermittelt haben. Der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest, an dem die Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg und die Medienanstalt Rheinland-Pfalz beteiligt sind, hat in Zusammenarbeit mit dem SWR Jugendliche gefragt, wie sie die Zeit der Schulschließungen erlebt haben. Die wichtigsten Ergebnisse:

  • 30 Prozent der Schüler und Schülerinnen berichteten, dass sie zu Beginn Arbeitsaufgaben erhalten hatten und danach kaum noch Kontakt zu den Lehrkräften bestand.

  • Mehr als die Hälfte der Jugendlichen (56 Prozent) erhielt regelmäßig Aufgaben per Mail.

  • Immerhin jeder zehnte Jugendliche bekam die Aufgaben per WhatsApp zugeschickt.

  • Als Live-Kommunikationsmittel wurden vor allem Klassenchats (26 Prozent), Schulclouds (22 Prozent) und Videokonferenzen (16 Prozent) genutzt. Rund zehn Prozent der Schüler wurden auch von ihren Lehrkräften angerufen.

Für die Studie  hatten die Forscher bundesweit über 1000 Schülerinnen und Schüler an weiterführenden Schulen befragt. Sie sollten den Unterricht zu Hause auch mit Schulnoten bewerten - und kamen im Durchschnitt auf eine 2,5. Die Jugendlichen nutzten überwiegend Handy (82 Prozent) und Laptop oder PC (80 Prozent), wenn es um die Bearbeitung der gestellten Aufgaben ging.

"Allerdings musste sich jeder Vierte (26 Prozent) den Computer mit jemandem teilen", schreiben die Medienforscher und deuten damit an, welche Schwierigkeiten mit dem digital gestützten Lernen teilweise verbunden sind. Angaben zu Schülern, die kein digitales Endgerät zur Verfügung haben, enthält die Studie nicht.

"Eine Koordination gibt es nicht"

Wie gut die Schulen auf das digitale Unterrichten vorbereitet waren und wie flüssig der Unterricht auf Distanz lief, war auch für Christoph Fischer eine spannende Frage. "Wir haben wirklich viele Erfahrungen gemacht", sagt der 51-Jährige aus Stuttgart, dann verbessert er sich: "…machen müssen." Fischer arbeitet als Technologiemanager und hat drei Kinder - in den Klassen 3, 6 und 10 an drei verschiedenen Schulen. Eine gute Basis also, um zu vergleichen, wie die Lehrkräfte an den unterschiedlichen Einrichtungen mit dem digitalen Lehren und Lernen klarkommen.

"Die erste Schule, in der zehnten Klasse, die machen einen ganz guten Job", sagt Fischer. Täglich gab es neue Aufgaben, die dann von seiner Tochter bearbeitet und zurückgeschickt wurden: "Das Feedback der Lehrer kommt dann am Tag drauf per Mail." So, sagt der Technologieexperte, sehe für den Anfang guter digital gestützter Unterricht aus. Videokonferenzen wären ein weiterer, einfach umzusetzender Schritt - oder auch die Nutzung der Angebote in ARD und ZDF oder ausgewählter Lehrfilme auf YouTube. Aber so weit ist die Schule dann doch noch nicht.

Bei den anderen Schulen ist er dagegen nicht so angetan. Fischers zweite Tochter, die die sechste Klasse besucht, bekommt ebenfalls Arbeitsblätter: eins pro Fach in jeder Woche. Aber: "Eine Koordination gibt es nicht. Musterlösungen: Fehlanzeige." Die Korrekturen sollen obendrein die Eltern machen - mit einer Begründung, die Christoph Fischer empört: "Da hieß es nur: Die Lehrer müssen zu Hause eigene Kinder im Homeschooling betreuen, die haben keine Zeit."

In der dritten Klasse gebe es einmal pro Woche Arbeitsblätter für alle Fächer, zum Ende der Woche dann auch Musterlösungen. "Die Lehrer bieten an, zu telefonieren", sagt Fischer, "und schreiben immerhin nette Briefe an die Kinder." Bald soll es auch Videokonferenzen geben, das immerhin hat die Schule schon einmal angekündigt.

Digitaler Unterricht eher mau

Die bisherigen Erfahrungen legen für Fischer die Vermutung nahe, dass viele Lehrerinnen und Lehrer sich gerade mal ein paar Stunden Zeit pro Woche nehmen, um ein paar Aufgaben zusammenzustellen, und ansonsten eher die freie Zeit genießen. "Die Betreuung ist mangelhaft, die ganze Arbeit bleibt an den Eltern hängen." Auf Beschwerden werde lediglich auf die Schulbehörde und das Kultusministerium verwiesen, "Eigeninitiative: Fehlanzeige." Stattdessen würden der Datenschutz und fehlende Vorgaben von oben als Begründungen vorgeschoben, warum der Digitalunterricht so mau ausfalle.

Dabei, sagt der Stuttgarter Vater, sei ihm schon klar, dass die Schule in einer Art Sandwichposition sei: zwischen den Eltern einerseits, die selbst in Nöten seien, um mit der aktuellen Situation zurechtzukommen, und der Schulbehörde und dem Ministerium andererseits, "das wohl hofft, die Probleme durch Aussitzen lösen zu können". Es sei Zeit für einen Systemumbau, sagt der Technologieexperte: mit zentral vorhandenem, professionell aufbereitetem Schulmaterial, audiovisuell und interaktiv, dazu Online-Selbsttests für die Schülerinnen und Schüler. Dann könnten sich die Lehrkräfte auf ihre eigentliche Arbeit konzentrieren: "Die sollen erklären, moderieren, korrigieren, diskutieren und die Gruppendynamik in der Klasse managen."

Davon aber, sagt Christoph Fischer, seien viele Schulen leider weit entfernt. "Stattdessen bekommen wir alle paar Tage ein dürres Blatt mit Aufgaben, die den Kindern keinen Spaß machen und zu denen der Lehrer kein Feedback gibt." Eine Hoffnung immerhin bleibe den Eltern, sagt Fischer mit einer großen Portion Sarkasmus: "Dass wir nach vier oder fünf Wochen dann immerhin gut ausgeruhte Lehrkräfte haben, wenn die Kinder wieder in die Schulen gehen."

Übungstest am Wohnzimmertisch

In Frankfurt, bei Familie Agricola, waren die Erfahrungen zum Glück etwas besser - insbesondere bei Elaine, der zehnjährigen Schwester von Deborah, die in die vierte Grundschulklasse geht. "Bei Fragen konnten Eltern oder Kinder schreiben, dann hat die Lehrerin zurückgerufen", erzählt Mutter Lenka Agricola, 44. "Am Anfang haben wir uns Bücher und Aufgaben in der Schule abgeholt, jetzt kommen die Aufgaben per Mail", sagt Elaine. Sogar einen Übungstest habe sie schon am Wohnzimmertisch geschrieben, 45 Minuten lang unter Aufsicht der Mutter. "Aber das Lernen zu Hause ist komisch, mir fehlen meine Freundinnen", sagt Elaine.

Während die Zehnjährige sich auf den Übergang zur weiterführenden Schule vorbereitet, herrscht im Freundeskreis ihrer großen Schwester derzeit vor allem Unsicherheit. Denn die 16-Jährigen haben nicht nur Probleme mit den fehlenden Unterrichtsstunden vor den Abschlussprüfungen: Viele Bewerbungsverfahren um Ausbildungsstellen sind unterbrochen, Assessment-Center wurden abgesagt, Praktika gestrichen. Gleichzeitig sind eventuelle Anmeldefristen für weiterführende Schulen, die etwa zur Fachoberschulreife oder zum Abitur führen, längst verstrichen.

"Wir hängen gerade alle ziemlich in der Luft", sagt Deborah.

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