Neues Schuljahr Kultusminister wollen Abstandsregel an Schulen kippen

Nach den Sommerferien soll an Deutschlands Schulen Schluss sein mit dem Lernen in Kleingruppen und im Schichtsystem. Die Kultusminister wollen zum Regelbetrieb zurückkehren - auf Kosten der Corona-Prävention.
Ab in die Schule: Nach den Sommerferien soll es wieder regulär losgehen

Ab in die Schule: Nach den Sommerferien soll es wieder regulär losgehen

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Ralf Hirschberger/ dpa

Die Kultusminister der Länder wollen die Schulen nach den Sommerferien wieder vollständig öffnen und in den Regelbetrieb zurückkehren. "Die Konsequenz ist, dass dafür die Abstandsregel von 1,50 Meter fallen muss", sagte die amtierende Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Stefanie Hubig, nach einer Schalte mit ihren Länderkollegen.

"Wir streben ganz klar einen Regelbetrieb in den Grundschulen und in den weiterführenden Schulen an", sagte die SPD-Politikerin, die auch Bildungsministerin von Rheinland-Pfalz ist. Die Bildungspolitiker wollen demnach, dass spätestens nach den Sommerferien wieder alle Schüler regulär nach geltender Stundentafel im Klassenverband oder in einer festen Lerngruppe unterrichtet werden. Sofern, auch dieses Mal gebe es diese wichtige Einschränkung, sagte Hubig, das Infektionsgeschehen dies zulasse.

Die 16 Kultusminister waren am Nachmittag zu einer Videokonferenz zusammengekommen, um über das weitere Vorgehen nach den Sommerferien zu beraten. Angehört wurden dabei auch Bildungsexperten. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten der Länder hatten am Mittwoch ihre Zustimmung für eine Rückkehr in den Schulregelbetrieb gegeben. Hubig hatte zuvor mehrfach gefordert, dass auch die Abstandsregel fallen müsse, wenn die Schulen wieder ganz öffnen.

Über insgesamt 24 Tagesordnungspunkte hätten die Kultusminister beraten, sagte Hubig. "Ich bin froh, dass wir uns in so vielen Punkten einig waren und dass wir gemeinsam handlungsfähig sind." Man wolle nun unter anderem die Digitalisierung an Schulen gemeinsam vorantreiben, beraten, wie Kinder aus benachteiligten Verhältnissen gefördert werden können und über ein gemeinsames Hygienekonzept entscheiden. In dem Zusammenhang soll auch geklärt werden, ob es eine Maskenpflicht an Schulen geben soll.

"Zur Ehrlichkeit gehört aber auch dazu", so Hubig", dass Unterrichtsabläufe angepasst werden müssen." So normal wie in Vor-Coronazeiten wird der Schulbetrieb demnach zumindest regional wohl nicht ausfallen. Ausgehend von den Empfehlungen der Experten, sollen die Kultusminister in drei Szenarien denken:

  1. Regelbetrieb

  2. Mix aus Fern- und Präsenzunterricht

  3. Schulschließungen

"Das tun wir auch in allen Ländern", sagte Hubig. Aber, so die Ministerin, "Schulschließungen sollen in Zukunft die Ultima Ratio sein." Das Recht auf Bildung müsse hochgehalten werden.

Auf Kosten der Gesundheit?

Lehrerverbände hatten im Vorfeld der KMK-Schalte immer wieder ausreichenden Gesundheitsschutz für alle Beteiligten im Bildungssystem angemahnt - und scharf kritisiert, dass Abstandsregeln in einigen Bundesländern wie Sachsen, Thüringen oder Nordrhein-Westfalen an den Grundschulen bereits abgeschafft wurden.

Es sei "eine Farce, wenn in jedem Supermarkt die Zahl der Personen begrenzt wird, an der Kasse Abstand gehalten werden muss und man durch eine Plexiglasscheibe vom Verkaufspersonal getrennt ist - aber an Schule auf weniger Raum kein Abstand eingehalten werden muss und kein extra Schutz der Lehrkräfte installiert wird", empörte sich Udo Beckmann, Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE).

"Das Versprechen eines regulären Schulbetriebs suggeriert eine Sicherheit die es weiter nicht geben kann und wird", sagt er. "Die Politik tut daher gut daran, lieber transparent zu kommunizieren, was möglich ist und was nicht - und zwar nicht entsprechend der Wunschvorstellung, sondern entsprechend der an den jeweiligen Schulen gegebenen Ressourcen."

"Auf das Abstandsgebot in den Schulen zu verzichten, ist der falsche Weg", sagte die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Marlis Tepe, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Abstand und Hygienemaßnahmen seien das A und O, um Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler sowie deren Eltern vor Infektionen zu schützen.

Dazu kommt, dass schätzungsweise 10 bis 20 Prozent des Lehrpersonals als "Risikogruppe" den Schulen fernbleiben könnten. Beckmann sagte, es hätte von den Kultusministern das klare Zeichen gebraucht, "dass in Pandemie-Zeiten nicht flächendeckend ein vollumfängliches Bildungs- und Betreuungsangebot zu gewährleisten ist". Er befürchtet Unmut gegen Schulleitungen und Lehrer, wenn dann möglicherweise der "reguläre Schulbetrieb" doch nicht durchgehalten werden kann.

Einheitliche Standards im Abitur in den Naturwissenschaften

Neben dem Lernen unter Pandemiebedingungen legten die Kultusminister am Donnerstag auch einheitliche Standards für die gymnasiale Oberstufe und das Abitur in den Naturwissenschaften fest. Es geht dabei um verbindliche Vorgaben für Biologie, Chemie und Physik für alle 16 Bundesländer.

Damit werden Anforderungen festgelegt, die Schülerinnen und Schüler am Ende der gymnasialen Oberstufe im jeweiligen Fach im Durchschnitt bewältigen sollen. Sie sollen ab dem Schuljahr 2022/2023 umgesetzt werden und im Schuljahr 2024/25 auch in die Abiturprüfungen einfließen.

Für Mathematik, Deutsch und Englisch gibt es solche Vereinbarungen im Bereich gymnasiale Oberstufe schon. Auch im Grund- und Hauptschulbereich und beim Mittleren Schulabschluss gelten bereits zum Teil einheitliche Standards. Nun gehe man innerhalb der föderalen Strukturen weiter den Weg zu mehr Verbindlichkeit und mehr Vergleichbarkeit unter den Ländern, teilte Hubig mit.

fok/dpa
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