Schulleiterin über Unterricht unter Coronabedingungen »Eine Pandemie unter Kontrolle zu haben, ist ein Widerspruch an sich«

Der Lehrerverband warnt, dass die Pandemie an Schulen außer Kontrolle gerät. Die Leiterin der Hamburger Ida Ehre Schule hat bereits einen Ausbruch erlebt – und will, dass die Kinder trotz hoher Inzidenz weiter zur Schule gehen.
Ein Interview von Swantje Unterberg
Ida Ehre Schule in Hamburg: »Wo wir früher leere Klassenräume hatten, sind heute nur noch einzelne Schülerinnen und Schüler in Quarantäne«

Ida Ehre Schule in Hamburg: »Wo wir früher leere Klassenräume hatten, sind heute nur noch einzelne Schülerinnen und Schüler in Quarantäne«

Foto: Daniel Reinhardt / picture alliance / dpa

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SPIEGEL: 25 Klassen in Quarantäne, 56 bekannte Infektionsfälle: Vor einem Jahr hat Ihre Schule mit einem großen Coronaausbruch Schlagzeilen gemacht und musste zeitweise geschlossen werden. Wie ist der Stand heute?

Boutez: Wir mussten damals komplett in den digitalen Unterricht wechseln. Heute haben wir bezogen auf die 1300 Schülerinnen und Schüler sehr wenige Fälle: etwa zwei pro Woche, die sich durch einen PCR-Test bestätigen. Wo wir früher leere Klassenräume hatten, sind heute nur noch einzelne Schülerinnen und Schüler in Quarantäne.

Zur Person
Foto:

Symanzik Schulfotografie

Nicole Boutez, 58, ist seit zwei Jahren Schulleiterin an der Hamburger Ida Ehre Schule

SPIEGEL: Das heißt, Sie haben aus dem Ausbruch vor einem Jahr gelernt?

Boutez: Wir haben zumindest Erfahrungen gemacht und halten die für gut. Wir wissen heute, dass man Kontakte minimieren und nachverfolgen kann. Vor einem Jahr hatten wir ein diffuses Infektionsgeschehen, das wird uns heute wohl nicht mehr passieren. Ob der Plan aufgeht, wissen wir wahrscheinlich erst im Januar. Aber im Moment sieht es so aus.

SPEGEL: Wie funktioniert das genau?

Boutez: Wie alle Schulen haben wir ein ganz rigoroses Regiment der Selbsttestung mit wöchentlich zwei bis drei Tests vor dem Unterricht. Und wir achten auf Abstände und minimieren die Kontakte auch zeitlich. Die Schülerinnen und Schüler spielen in einer Doppelstunde Sport beispielsweise nicht zwei Stunden Fußball, sondern machen verschiedene Sportarten, bei denen sie mal mehr und mal weniger eng zusammen sind. Außerdem tragen wir Masken und haben ein detailliertes Nachverfolgungssystem, wer wann wie lange mit wem Kontakt hat. Da schreiben die Klassenlehrer nicht nur auf, wer neben wem saß, sondern auch, unter welchen Bedingungen, also etwa, ob gelüftet wurde.

SPIEGEL: Das klingt aufwendig.

Boutez: Das ist mittlerweile eingespielte Routine. Aber ja, der administrative Teil ist gigantisch.

SPIEGEL: Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, sagt, die Gefahr sei immens, dass wir die Kontrolle über das Pandemiegeschehen an Schulen verlieren. Sie klingen nicht so pessimistisch.

Boutez: Eine Pandemie unter Kontrolle zu haben, ist ein Widerspruch an sich. Ich verstehe den Kollegen so, dass wir weiter auf die Beteiligten einwirken müssen. Wenn wir in unserer Haltung unklar werden, dann halten die Schülerinnen und Schüler die Vorgaben wie Maske tragen und Abstand halten nicht ein. Und wenn wir statt Einverständnis eine Diskussion über die Regeln haben, dann haben wir ein Problem. In der öffentlichen Debatte werden die Regeln teilweise infrage gestellt. Für Kinder und Jugendliche muss man aber konsequent sein. Dann wissen wir zumindest, was in der Schule passiert. Danach und am Wochenende natürlich nicht. Deswegen müssen wir testen.

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SPIEGEL: Das klingt fast, als sei die Schule in der Pandemie der sicherste Ort.

Boutez: Nein, aber es ist gut für die Gesellschaft, wenn wir sie möglichst sicher gestalten.

SPIEGEL: Wünschen Sie sich noch mehr Vorgaben aus der Politik?

Boutez: Hamburg hat sehr strenge Hygienevorgaben, die Maskenpflicht an Schulen gilt hier anders als in manch anderem Bundesland weiterhin. Es ist gut, hier keine übereilten Entscheidungen zu treffen, sondern ruhig mal einen Moment zu zögern. Andere Bundesländer kehren jetzt zur Maskenpflicht zurück. Aber dieses hin und her ist bei Schülerinnen und Schülern keine gute Idee. Ich hätte gerne einen klaren Stufenplan: Was passiert wann, und zwar bundesweit einheitlich.

SPIEGEL: Bundesweit ist die Inzidenz bei den Schülerinnen und Schülern derzeit besonders hoch, Spitzenreiter sind die 10- bis 14-Jährigen mit einem Wert von 354 , das ist mehr als doppelt so hoch wie im letzten Winter. Kann man die Kinder und Jugendlichen da noch guten Gewissens in die Schulen schicken?

Boutez: Ich bin zum Glück keine Virologin, sondern betrachte das pädagogisch. Und aus dem Blickwinkel muss man es sogar machen. Der psychologische Schaden ist sonst zu groß. Wir merken jetzt schon, dass die Kinder und Jugendlichen Schwierigkeiten haben, sich regelkonform zu verhalten; sie sind unruhig, es gibt viele Konflikte, der Schulhof ist ein explosiver Ort. Sie brauchen die Kontakte und das soziale Lernen unbedingt weiterhin. Aber es darf parallel natürlich keine Diskussion über weniger Hygienemaßnahmen geben. Im Gegenteil, die Schule muss ein maximal sicherer Ort sein.

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