Silke Fokken

Debatte über Schul-Öffnungen Irgendwie, irgendwo, irgendwann

Silke Fokken
Ein Kommentar von Silke Fokken
Die Eltern und Lehrer von elf Millionen deutschen Schülern wissen nicht, wie es weitergeht. Das Recht auf Bildung wird beliebig, weil die Politik konkrete Lösungen scheut.
Lernen in Zeiten von Corona: Bildung wird beliebig, weil sich die Politik mit konkreten Lösungen Zeit lässt

Lernen in Zeiten von Corona: Bildung wird beliebig, weil sich die Politik mit konkreten Lösungen Zeit lässt

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Uwe Anspach// DPA

Ein großes Vielleicht hängt seit Wochen an der drängenden Frage: Kann, darf, muss das Kind bald wieder in die Schule gehen? Dieses Vielleicht hat sich gemütlich eingerichtet und dürfte sich noch eine Weile dort halten. Von der Politik wird es jedenfalls kaum gestört.

Sie scheut sich, ihrem gesellschaftlichen Auftrag nachzukommen und konkrete Lösungen anzubieten, wie die Schulpflicht und das Recht auf Bildung in diesen Zeiten bundesweit langfristig umgesetzt werden können. Schüler, Eltern und Lehrkräfte lässt sie immer wieder ratlos zurück.

Wer darauf gehofft hatte, dass es nach der neuerlichen Schaltkonferenz von Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Ministerpräsidenten an diesem Donnerstag eine klare Ansage zur Öffnung der Schulen geben könnte, wurde enttäuscht. Die Entscheidung wurde vertagt. Bis zum 6. Mai soll ein Konzept erarbeitet werden. Zuvor hatten die Kultusminister schon ein Konzept vorgelegt, waren dabei aber äußerst schwammig geblieben:

Ja, alle Schülerinnen und Schüler in Deutschland sollen noch vor den Sommerferien wieder in die Schule gehen, vielleicht tage-, vielleicht wochenweise. Es gelten Abstands- und Hygieneregeln, um sie vor einer Corona-Infektion zu schützen. Ein regulärer Schulbetrieb kann deshalb nicht stattfinden. Nur wann soll das Lernen denn losgehen? Mit wem? In welchem Rhythmus?

Im Zweifel Ländersache

Fragen über Fragen, auf die es meist diese Antwort gibt: "Das regelt jedes Bundesland selbst." Natürlich spricht nichts dagegen, Politikern und mehr noch Schulleitungen vor Ort flexible Lösungen für immens herausfordernde Aufgaben zuzugestehen, zumal Schulpolitik Ländersache ist. Aber wenn es um das Recht auf Bildung geht, ein Menschenrecht, muss es bundesweite Standards geben, die darüber hinausgehen, dass Kinder irgendwie, irgendwo, irgendwann lernen.

Denn einige Punkte sind bundesweit nicht nur mit einem Vielleicht verknüpft, sondern gewiss:

  • Überall haben einige Eltern Angst, ihre Kind wieder in die Schule zu schicken, weil es sich mit dem neuartigen Coronavirus infizieren könnte.

  • Überall müssen sich Politiker auf die gleichen wissenschaftlichen Erkenntnisse verlassen, wonach – Stand heute – Kinder vermutlich genauso ansteckend sind wie Erwachsene

  • Überall müssen sie ernst nehmen, wenn etwa Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Institutes sagt, es sei "gar keine Frage", dass die Schulen wiedereröffnet werden müssten.

  • Überall gilt die Mahnung der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin:  "Mutige Entscheidungen sind gefordert, die sich nicht ausschließlich an einer hygienischen und epidemiologischen Risikominimierung für Erwachsene orientieren, sondern die stark genug sind, um langfristig Schaden von Kindern und Jugendlichen abzuwenden."

  • Überall müssen Politiker den Leidensdruck erkennen, wenn Kinder und Jugendliche über Wochen isoliert zu Hause sitzen – die einen bestens von den Eltern im Homeschooling gefördert, die anderen weitgehend abgehängt. Stichwort Chancengerechtigkeit. 

Es ist nicht zu viel verlangt, unter all diesen Gesichtspunkten eine konkrete Perspektive zu entwickeln, wie das Lernen in den kommenden Monaten laufen kann. Benötigt wird ein Modell mit Eckpfeilern, die Verlässlichkeit schaffen, praxistauglich sind und sich am Wohl von Kindern  orientieren.

Verlässliche, praxistaugliche Vorgaben

Kinder brauchen eine feste Zusage, wie oft und wie lange sie in die Schule kommen können und Ansprache durch Lehrkräfte finden. Lehrkräfte brauchen hilfreiche Ansagen, wie sie Kontakt zu Schülern halten sollen und wo sie beim Lehrplan abspecken dürfen und wo nicht. Einige reiben sich derzeit auf. Alle Vorgaben müssen umsetzbar sein und Schulleiter und Lehrkräfte nicht vor schier unlösbare Probleme stellen. Dass mancherorts ernsthaft erwartet wird, Schulen sollen in der Pandemie wie gehabt ihren Stoff durchziehen und die Leistungen ihrer Schüler im Homeschooling benoten, ist pädagogisch gesehen ein Witz. Ein schlechter.

Es scheint, als hätten sich Politiker seit Mitte März – ähnlich wie das sonst oft Schülern und Lehrkräften nachgesagt wird – immer nur bis zu den nächsten Ferien gehangelt und schwer von der Idee lösen können, danach sei alles wie immer. Verständlich angesichts einer unübersichtlichen Ausnahmesituation, aber leider wurde dadurch viel Zeit verschwendet.

So hat die Politik mit Blick auf Schulwechsel und Abschlüsse zunächst entschieden, die Abschlussklassen sollten zuerst wieder in die Schulen kommen. In einigen Bundesländern läuft dieser Unterricht bereits. Viele Schulen haben auf "Corona-Betrieb" umgestellt und gemerkt, dass sich Abstands- und Hygiene-Regeln mit einem Jahrgang noch halbwegs umsetzen lassen. Kommt jedoch noch einer dazu, stößt das System personell und räumlich an Grenzen.

Die Merkel-Schalte war noch nicht vorbei, als Nordrhein-Westfalen bereits verkündete, der Unterricht ginge am 11. Mai mit allen Grundschülern im Schichtsystem los. Dabei hieß es doch zuerst, die Viertklässler sollten vorrangig unterrichtet werden. Kurz darauf relativierte Ministerpräsident Armin Laschet die Pläne seiner Kultusministerin auch schon wieder: Eine entsprechende Mail an die Schulen werde "korrigiert". Und was, wenn die Kanzlerin am 6. Mai nun ganz neue Regeln zur Schul-Öffnung verkündet?

Von Bundesbildungsministerin Anja Karliczek ist zu hören, auch im kommenden Schuljahr werde der Unterricht wohl nicht normal starten können. Umso dringender sind jetzt langfristige, tragfähige Lösungen gefragt. Sollten die dann wider Erwarten doch nicht gebraucht werden, hätte man immerhin ein Konzept in der Schublade. Schaden kann es nicht.

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