Präsenzunterricht in der Coronakrise Der Testfall an den Schulen

Schnelltests sollen die flächendeckende Rückkehr in den Präsenzunterricht absichern. Manche Landesregierungen beklagen mangelndes Interesse der Lehrkräfte – und lösen damit scharfe Reaktionen aus.
Ein Arzt macht bei einer Grundschullehrerin im baden-württembergischen Hemmingen vor Unterrichtsbeginn einen Corona-Schnelltest

Ein Arzt macht bei einer Grundschullehrerin im baden-württembergischen Hemmingen vor Unterrichtsbeginn einen Corona-Schnelltest

Foto: Sebastian Gollnow / dpa

Die Verhandlungen waren lang gewesen, sehr lang, als am Mittwoch gegen Mitternacht die Pressekonferenz anstand. Angela Merkel und die Ministerpräsidenten hatten neun Stunden um die neuen Corona-Regeln gerungen. Dann stellte die Kanzlerin zusammen mit Michael Müller (Berlin) und Markus Söder (Bayern) die Beschlüsse der Ministerpräsidentenkonferenz in einem Pressegespräch vor.

Einer der wichtigsten Bausteine: regelmäßige Corona-Tests. Die seien ja, erklärten die beiden Länderchefs, in Form von Antigen-Schnelltests bereits seit Oktober zugelassen. Und diese Tests seien – auf freiwilliger Basis als Angebot für Lehrkräfte – längst auch Bestandteil der Schulstrategie in den Ländern.

»In Berlin haben wir das ja schon sehr umfassend organisiert für den Bildungsbereich und bieten die Tests schon an«, sagte der Regierende Bürgermeister Müller. »Ich kann das auch sagen hier für unsere Stadt, dass das gar nicht so nachgefragt wird, wie wir es bisher angeboten haben.«

Kein Interesse bei den Lehrkräften?

Unmittelbar danach meldete sich Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) zu Wort. »Wir bieten es übrigens auch an bei uns, in der Tat, bei Schule und Kita schon«, sagte Söder, »und es ist, wie Herr Müller sagt: Auch in Bayern ist die Annahme auch der Schnelltests bislang nicht so hoch, wie man denkt. Das muss man ganz nüchtern sagen.«

Verweigern sich Lehrerinnen und Lehrer also den längst bestehenden Schnellteststrategien der Länder?

Eine Deutung, die in der Folge von mehreren Landesregierungen bestätigt zu werden schien. So wies NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann am Freitag darauf hin , dass Kita-Beschäftigte und Lehrkräfte in Nordrhein-Westfalen, die im Präsenzunterricht eingesetzt würden, seit 15. Februar ein Anrecht auf bis zu zwei freiwillige Antigentests pro Woche hätten. Aber: Gerade mal ein Drittel der Beschäftigten in den Bildungseinrichtungen würde von diesen Angeboten Gebrauch machen.

Noch geringer ist der Anteil in Niedersachsen, wie die Oldenburger »Nordwest-Zeitung«  recherchierte. Bei etwa 100.000 Beschäftigten im Bildungssystem liegt der Anteil der Testwilligen demnach bei mageren zwölf Prozent. In der Woche ab dem 15. Februar ließen sich landesweit 12.300 Kita- und Schulbedienstete testen, bestätigt Sebastian Schumacher, Sprecher des Kultusministeriums in Hannover: »Durchgeführt werden die Tests von niedergelassenen Ärzten.« Eine entsprechende Liste der teilnehmenden Ärztinnen und Ärzte liege den Schulen vor.

Niedersächsische »Testwoche«

Insgesamt, sagt Schumacher, stünden in Niedersachsen bis zu 40 Millionen Euro für das freiwillige Schnelltestangebot zur Verfügung – das wäre die notwendige Summe, wenn sich alle Lehrkräfte jede Woche testen ließen. Zusätzlich habe das Land jetzt außerdem fünf Millionen Selbsttests für Laien bestellt: »Für Schulen haben wir in der ersten Tranche 3,2 Millionen Tests für zwei Runden vor und nach den Osterferien vorgesehen, je einmal pro Woche, für Schulpersonal sowie Schülerinnen und Schüler.« Die Runde vor den Osterferien sei als »Testwoche« geplant, um den Umgang mit den Selbsttests einzuüben.

Einen ähnlichen Vorstoß hatte es bereits in Sachsen gegeben. Der Freistaat hat seinen Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern bereits dreimal kostenlose Testungen angeboten, einmal im Januar, zweimal im Februar. Die Tests fanden in ausgewählten Schulen statt und wurden von Fachpersonal vorgenommen. Laut Roman Schulz, Pressesprecher des sächsischen Landesamts für Schule und Bildung, haben lediglich 40 Prozent der Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler das Angebot angenommen. »Ich hätte mir ein höheres Ergebnis gewünscht«, sagt Schulz.

Dass die freiwilligen Tests von Lehrkräften so zögernd angenommen werden, wundert Gewerkschaftsvertreter nicht. So ärgert sich Udo Beckmann, Vorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), darüber, dass das Testangebot häufig nur in Arztpraxen oder speziellen Testzentren wahrgenommen werden könne. »Die Regelung beweist einmal mehr, dass nicht gesehen wird, was Lehrkräfte momentan alles leisten«, sagt Beckmann, »nicht jede Person hat die Arztpraxis um die Ecke. Das ist eine zusätzliche logistische Herausforderung in einem sowieso schon sehr anstrengenden Tagesablauf zwischen Wechselunterricht, Fernunterricht und Notbetreuung sowie der Betreuung der eigenen Kinder.«

Lehrkräfte als Lückenbüßer?

Ihm sei unverständlich, so der VBE-Vorsitzende, dass in den Schulen nicht vor Ort getestet werde: »Das funktioniert im Krankenhaus und in Pflegeheimen doch auch.« Tests müssten niedrigschwellig angeboten werden, mit medizinisch geschultem Personal vor Ort: »Die Lehrkräfte dürfen nicht wieder Lückenbüßer für eine durch die Politik mangelhaft vorbereitete und ausgestattete Teststrategie sein.«

Auch Christian Hoffmann, Sprecher der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Niedersachsen, sieht die Verantwortung für niedrige Testquoten nicht beim Schulpersonal: »Es gibt 3000 Schulen in Niedersachsen – warum gibt es keine mobilen Testteams, die durchs Land fahren?« Den Gewerkschafter ärgert vor allem, dass es bisher keine funktionierende Teststrategie gebe, die Selbsttests erst noch geliefert werden müssten – und die Schulen trotzdem schon wieder geöffnet würden: »Es müsste genau andersherum sein!« Außerdem, sagt Hoffmann, müssten die Tests, um Sicherheit zu bieten, mindestens zweimal wöchentlich durchgeführt werden: »Eine einzelne Testwoche ist doch nur ein schlechter Witz.«

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Mindestens zwei Tests pro Woche, möglichst für alle Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte? »Vergessen Sie's«, sagte die Mitarbeiterin eines Landesministeriums, die anonym bleiben will, im Gespräch mit dem SPIEGEL. »Wie sollen wir denn ein paar Hunderttausend Kinder und Jugendliche zweimal die Woche testen? Wo sollen diese ganzen Tests herkommen?« Von den verantwortlichen Politikerinnen und Politikern werde das Testen zwar als Schlüssel zur Bekämpfung der Pandemie angepriesen, aber in Wirklichkeit wisse man in den Schulbehörden noch gar nichts: »Es herrscht ein riesiges Impfchaos und Testchaos im ganzen Land.«

Es gibt Menschen, die sich damit nicht abfinden wollen. Olga Knack ist eine von ihnen, sie hat die Sache einfach selbst in die Hand genommen. Die Apothekerin aus Immendingen in Baden-Württemberg bietet Tests für Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher an. Dafür öffnet sie ihre Apotheke schon vor 7 Uhr, damit sich die Pädagogen vor ihrer Arbeit testen lassen können. »Es bringt ja nichts, wenn der Termin erst 14 Uhr ist«, sagt sie.

Stammkunden mit festen Terminen

Die Apothekerin will mit ihrer Initiative etwas für ihren Heimatort tun: »Ich will der Gemeinde helfen und zeigen, dass eine Apotheke vor Ort etwas bewegen kann. Wenn jeder ein bisschen was macht, sind wir schneller aus dem Lockdown.«

Die Nachfrage sei sehr groß, sie habe bereits bis Ende März Termine vergeben. »Mittlerweile habe ich schon Stammkunden, mit festen Terminen«, sagt sie. Knack ist sich aber sicher, dass auch andere Apothekerinnen und Apotheker solch einen Service anbieten.

Klar ist aber: So ausgereift, wie die Regierungschefs Müller und Söder das nach der Marathonsitzung mit Kanzlerin Merkel dargestellt haben, sind die Teststrategien für Lehrkräfte noch lange nicht. Eine SPIEGEL-Anfrage nach den zugrunde liegenden Zahlen wurde von der Senatskanzlei in Berlin nicht beantwortet.

Das bayerische Gesundheitsministerium teilte lediglich mit, dass Reihentestungen für Personal, Kinder und Jugendliche »durch die Schulen selbst organisiert« werden. Zahlen zur Akzeptanz solcher Tests bei den Lehrerinnen und Lehrern nannte das Ministerium nicht, stattdessen verweist eine Sprecherin auf neue Selbsttests, die in den kommenden Tagen an die Kreisverwaltungen ausgeliefert werden sollen.

In der Praxis deuten sich jedoch schon neue Probleme an. Am Donnerstag, einen Tag nach der Ministerpräsidentenkonferenz, wandte sich ein Schulleiter aus Garmisch-Partenkirchen an die Eltern seiner Schülerinnen und Schüler. In dem Brief, der dem SPIEGEL vorliegt, heißt es: »Auf eine Reihentestung von Schülerinnen und Schülern im lokalen Testzentrum in Garmisch-Partenkirchen wird vom Landratsamt aus organisatorischen Gründen verzichtet.«

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