Schulen in der Coronakrise "Für die Kinder in unserem Land wird gute Bildung zum Lotteriespiel"

Kommen in der Pandemie die Rechte von Kindern zu kurz? Ja, sagt Heinz Hilgers, Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes. Kern seiner Kritik: Die Kultusminister handelten kurzsichtig.
Ein Interview von Silke Fokken
Schüler in der Schule: Kinderschutzbund zweifelt, ob normaler Unterricht von Dauer ist (Symbolbild)

Schüler in der Schule: Kinderschutzbund zweifelt, ob normaler Unterricht von Dauer ist (Symbolbild)

Foto: Wolfgang Ebener/ DPA

SPIEGEL: Herr Hilgers, das neue Schuljahr hat in vielen Bundesländern mit Unterricht im Klassenverband begonnen. Sind Sie zufrieden?

Heinz Hilgers: Ich mache mir große Sorgen, dass der weitgehend normale Unterricht nicht von Dauer ist, sondern erneute Schulschließungen drohen. Erste Schulen haben wegen Corona-Fällen schon wieder zugemacht. Das mag im Einzelfall angemessen sein, aber mein Eindruck ist: Das erfolgt nicht nach einheitlichen Kriterien.

SPIEGEL: Die Situation ist ja auch in jeder Schule anders. Und die zuständigen Behörden vor Ort argumentieren mit dem Infektionsschutz.

Hilgers: Wir müssen uns aber klarmachen, welche gravierenden Folgen Schulschließungen für Kinder und Jugendliche haben. Lernfortschritte und Bildung hängen ganz wesentlich von sozialer Interaktion ab - und deren Wegbrechen kann durch digitales Lernen nicht vollständig ausgeglichen werden. Ich habe insgesamt den Eindruck, dass in Deutschland bei Kindern fast mehr Infektionsschutz betrieben wird als bei Erwachsenen.

SPIEGEL: Woran machen Sie das fest?

Hilgers: In der Coronakrise war schon früh zu beobachten, dass die ersten Fitness- und Nagelstudios aufmachten, ehe sich in den Schulen und Kitas etwas tat. Die Rechte von Kindern auf Bildung, auf Spielen, auf Freundschaft, auf freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit und auf Schutz - weil soziale Kontrolle ein wichtiger Schutz für Kinder ist - alle diese Rechte werden bis heute sehr viel mehr eingeschränkt als zum Beispiel das Recht auf Gewerbefreiheit. Oder sogar das Recht auf Feiern.

SPIEGEL: Sie sprechen den Kinderschutz an. In einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der FDP zu häuslicher Gewalt während des Shutdowns heißt es: Es hätten sich deutlich mehr Menschen an Hilfs- und Sorgentelefone gewandt, aber es habe nicht vermehrt Meldungen über Gewalt gegen Kinder gegeben. Was haben Sie beobachtet?

Hilgers: Uns hat die Zeit der Schul-, Kita- und Spielplatzschließungen in der Tat sehr besorgt. Welche Auswirkungen das Zusammenleben auf engem Raum bei gleichzeitigem Wegfall von sozialen Frühwarnsystemen tatsächlich hatte, werden wir erst in ein paar Monaten bei Vorliegen der polizeilichen Kriminalstatistik und der Gefährdungsmeldungsstatistik der Jugendämter aus diesem Jahr wissen. Verlässliche Zahlen dazu liegen uns deshalb bislang nicht vor.

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SPIEGEL: Sie sagen, die Kinderrechte seien in der Pandemie stärker als andere eingeschränkt worden. Was sagt das über das Verhältnis unserer Gesellschaft zu Kindern aus?

Hilgers: Unsere Gesellschaft hat die Kinderrechte nach wie vor nicht anerkannt, übrigens auch deren Beteiligungsrecht. Umfragen unter Kindern und Jugendlichen zeigen: Sie haben den Eindruck, dass sie überhaupt nicht gefragt werden. Ihre Rechte werden nicht ernst genommen. Und ich sage das deutlich: Das gilt leider auch für die Rechte vieler Mütter, die in der Krise benachteiligt wurden und ihren Beruf nur noch teilweise ausüben konnten. Da hat ein gesellschaftlicher Rückschritt stattgefunden, sowohl was die Rechte der Kinder als auch die Rechte der Frauen angeht.

SPIEGEL: Für den Fall, dass es zu erneuten Schulschließungen kommt, hatten die Schulen dieses Mal Zeit, sich besser auf Fernunterricht vorzubereiten. Ist das gelungen?

Hilgers: Das wirklich Bedrückende ist: Das ist von Schule zu Schule sehr unterschiedlich. Wir haben Schulen mit sehr engagierten Schulleitungen und Lehrkräften, die schon zu Beginn der Coronakrise gut vorbereitet und bestens digital ausgestattet waren oder inzwischen gute Konzepte entwickelt haben. Aber wir haben leider auch Schulen, bei denen das überhaupt nicht der Fall ist. Für die Kinder in unserem Land wird gute Bildung so zum Lotteriespiel. Die Politik nimmt hier ihre Verantwortung nicht wahr. Sie müsste dafür sorgen, dass auch die Kinder gleiche Lebensverhältnisse und gleiche Chancen haben.

SPIEGEL: Fehlende Chancengerechtigkeit war schon vor Corona ein Problem.

Hilgers: Das stimmt. In unserem Schulsystem brauchte ein Kind schon immer auch Glück. Sehr viel Glück. Das ist in der Pandemie noch deutlicher geworden. Aber die Politiker hatten gute sechs Wochen Zeit, die Situation zu verbessern und vorzubereiten. Offensichtlich ist das nicht geschehen, und das ist sehr bedauerlich.

"Was Kinder brauchen, ist Verlässlichkeit"

Heinz Hilgers, Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes

SPIEGEL: Was hätten Sie sich konkret gewünscht?

Hilgers: Man hätte zum Beispiel den Rückstand vieler Lehrerinnen und Lehrer bei digitaler Lehre auf Distanz und technischer Kompetenz aufholen können. Ich hätte mir verpflichtende Fortbildungen in den Ferien gewünscht. Diese Chance ist versäumt worden. Die Zeche zahlen jetzt unsere Kinder.

SPIEGEL: Die Politik hat immerhin nachgebessert und die 5,5 Milliarden Euro aus dem "Digitalpakt Schule" noch einmal um 500.000 Euro für Leihgeräte aufgestockt.

Hilgers: Ein großer Teil der Gelder wurde noch nicht einmal abgerufen, und im Sommer wurde in vielen Bundesländern auch nicht die große Offensive gestartet, um Kinder mit Leihgeräten auszustatten. Da habe ich Zweifel an der Wirksamkeit der gesamten Schulbürokratie und der Bürokratie überhaupt.

SPIEGEL: Die Kultusministerien haben in den Ferien unter anderem Hygienepläne entwickelt, um das Infektionsrisiko einzudämmen.

Hilgers: Das ist ja an sich auch richtig, aber in Nordrhein-Westfalen beispielsweise wurde nun eine Maskenpflicht im Unterricht angeordnet, während es draußen extrem heiß war. Stundenlang den Mund-Nasen-Schutz zu tragen, finde ich da unzumutbar. Es hätte auch die Chance gegeben, zu sagen: Wir fangen 14 Tage später an, warten die Hitzewelle ab, und dafür fallen die Herbstferien flach. Aber genau daran scheitert eine weitsichtige, flexible Bildungspolitik.

SPIEGEL: Sie klingen geradezu verärgert.

Hilgers: Ja, weil zu diesen ganzen Themen immer wieder unterschiedliche Botschaften von den Schulministerien kommen. Aber was Kinder brauchen, ist Verlässlichkeit. Sie müssen sich bei Fernunterricht darauf verlassen können, dass sie wissen, wie das geht, dass sie Feedback bekommen und nach welchen Kriterien sie bewertet werden. Diese Verlässlichkeit ist nicht gegeben, wenn ständig in kurzem Takt neue Nachrichten kommen.

SPIEGEL: Was gibt Ihnen Hoffnung?

Hilgers: Ich finde sehr gut, wie gerade viele Erzieherinnen und Erzieher und auch Lehrkräfte in unserem Land mit großem Engagement in den Kitas und Schulen die Nähe zu Kindern und Jugendlichen suchen. Trotz Corona. Sie wissen, dass Erziehung, Bildung, Förderung nur mit Nähe geht. Sie betrachten Corona als Herausforderung, die sie annehmen. Wenn wir wollen, dass das alle tun, braucht es klare Ansagen und gute Konzepte von den Schulministern.

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