Miriam Olbrisch

SPIEGEL-Bildungsnewsletter Ab in die Ferien!

Liebe Leserinnen, liebe Leser, guten Morgen,

vielleicht lesen Sie diesen Newsletter am Strand oder in einer Berghütte – weil in ihrem Bundesland die Sommerferien schon begonnen haben. Vielleicht sind Sie aber auch gerade dabei, die letzten Klassenarbeiten zu korrigieren, Noten einzutragen oder Unterrichtsstunden zu planen und können dabei eine kleine Pause gebrauchen.

Bevor die große Entspannung einsetzen kann, hat die Ferienlaune noch einmal einen ordentlichen Dämpfer erhalten – zumindest bei zahlreichen Bildungsfachleuten, Wissenschaftlerinnen, Lehrkräften und Politikern: Das Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen hat vor wenigen Tagen erste Erkenntnisse zu den Lernlücken nach Corona vorgestellt. Getestet wurden Schülerinnen und Schüler der vierten Klassen. Es ist – man kann es nicht anders sagen – ein Desaster (»Das ist los«).

Im Vergleich zu früheren Messungen in den Jahren 2011 und 2016 haben sich die Leistungen der Kinder in allen vier getesteten Bereichen Mathematik, Zuhören, Lesen und Rechtschreibung massiv verschlechtert. Besonders groß sind die Lücken bei Kindern aus sozial und wirtschaftlich belasteten Familien. Das heißt: Bildung ist ungerechter geworden.

Für einige Menschen werden es deshalb wohl recht arbeitsame Ferien werden: zum Beispiel für die Schülerinnen und Schüler, die in Sommerkursen ihre Defizite aufholen möchten. Aber auch für die Fachleute in der Bildungspolitik, die sich (hoffentlich!) überlegen, wie die Schulen sich für einen neuen Coronaherbst wappnen können. Weitere Schulschließungen, da scheinen sich alle einig zu sein, können wir uns nicht erlauben.

Bevor es in die Ferien geht, möchten wir uns noch bei Ihnen bedanken. Wir haben in den vergangenen Monaten spannende Post von den Leserinnen und Lesern dieses Newsletters erhalten, die uns neue Einblicke und Perspektiven auf bildungspolitische Themen eröffnet hat. Das ist wertvoll für unsere Arbeit. Einige besonders spannende Zuschriften aus den letzten zwei Wochen zum Thema Personalmangel in Kitas und Schulen finden Sie unten unter »Debatte der Woche«. Wir freuen uns natürlich auch weiterhin über Anregungen, Kritik und Meinungen per E-Mail an bildung@spiegel.de .

Das Team der Kleinen Pause wünscht Ihnen erholsame Ferien und einen schönen Sommer! Auch wir verabschieden uns in eine kleine Pause, die nächste Ausgabe des Newsletters erscheint am 23. August 2022.

Herzliche Grüße

Miriam Olbrisch
für das Bildungsteam des SPIEGEL

Feedback & Anregungen? 

Foto: Erik Tham / Getty Images

Das ist los

1. Lücken, Lücken, Lücken

Irgendwie hatten wir es schon befürchtet: Schülerinnen und Schüler sind nach den Corona-Shutdowns mit erheblichen Defiziten in die Schulen zurückgekehrt. Wie groß die Lernlücken wirklich sind, dazu gibt es erstmals bundesweite Erkenntnisse: Rund ein Drittel der Viertklässlerinnen und Viertklässler verfehlt die Mindeststandards in Rechtschreibung. Auch beim Lesen, in Mathematik und im Zuhören gibt es große Probleme. Das legt eine Vorab-Veröffentlichung des IQB-Bildungstrends nahe, der am Freitag vorgestellt wurde. Meine Kollegin Swantje Unterberg hat die wichtigsten Ergebnisse hier zusammengefasst. Weitere Informationen zur Studie gibt es auf der Internetseite des IQB .

2. Und noch mehr Lücken

Ab 2026 haben Grundschulkinder einen Anspruch auf Ganztagsbetreuung, so hat es der Bundestag beschlossen. Eigentlich eine gute Idee, finden Fachleute. Doch nun kristallisiert sich heraus, dass einige Bundesländer diesen Anspruch wohl nicht werden erfüllen können: weil es viel zu wenig Personal gibt, um die Kinder am Nachmittag zu betreuen. Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung fehlen rund 100.000 zusätzliche Fachkräfte. Ein Schulleiter aus Niedersachsen hat meiner Kollegin Silke Fokken geschildert, wie er mit dem Mangel umgeht – und was er für die Zukunft erwartet. Die Studie finden Sie hier .

3. Abi 2022: Fack ju, Corona!

Mehr als zwei Jahre lang hat der Abiturjahrgang 2022 unter Pandemiebedingungen gelernt. Die Schülerinnen und Schüler sollten durch die Coronalage bei ihren Abschlussprüfungen keine Nachteile erfahren, hatte die Kultusministerkonferenz stets betont. Hat das geklappt? Über diese Frage habe ich mit Abiturientinnen und Bildungsexperten gesprochen. Den Text dazu können Sie in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL oder hier auf SPIEGEL+  lesen.

Ganz besonders gut hat Dilara-Meryem Isci aus Herne abgeschnitten: Die 18-Jährige erreichte unglaubliche 899 von 900 möglichen Punkten, wie unter anderem T-Online  berichtet.

4. Die Neue in NRW

Es ist ein Job mit Sprengkraft: Wer das Schulministerium in Nordrhein-Westfalen leitet, muss in den nächsten Jahren viele Baustellen beackern und – mindestens genauso wichtig – mit Kritik und Rückschlägen umgehen können. Auch deshalb standen die Bewerber bei Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) wohl nicht gerade Schlange . Nun hat sich doch noch jemand gefunden: Dorothee Feller, bisher Regierungspräsidentin des Regierungsbezirks Münster, eine Verwaltungsjuristin. Wer ist diese Frau? Die Rheinische Post stellt sie in einem ausführlichen Portrait  vor.

5. Und sonst noch?

Foto: U. J. Alexander / IMAGO

In Hongkong unterrichten viele Lehrkräfte mittlerweile in Angst. Seit die Volksrepublik China in der Sonderverwaltungszone mehr und mehr an Einfluss gewinne, fürchteten Lehrkräfte Konsequenzen, wenn sie sich nicht positiv genug über die politische Führung äußerten, berichtet der Deutschlandfunk .

Wann ist der richtige Zeitpunkt für die Einschulung eines Kindes? SPIEGEL-Redakteurin Anna Clauß hatte sich vor einem Jahr entschieden, dass ihr Sohn entgegen der Empfehlung aus der Kita nicht noch ein Jahr warten soll – und fragt sich nun, ob das richtig war .

Eigentlich kann man in Hamburg schon seit Jahren nicht mehr sitzenbleiben – es sei denn, man tut es auf eigenen Wunsch. Im Brennpunktstadtteil Jenfeld hat sich nun gleich ein ganzes Dutzend Jugendlicher dazu entschlossen. Ihr Lehrer berichtet in der »ZEIT«  von engagierten Jungen und Mädchen, die sich eine zweite Chance wünschen.

Zahl der Woche

5,9 Prozent

Foto: Arne Dedert/ dpa

So viele Kinder und Jugendliche verließen die Schule im Coronajahr 2020 ohne ersten Schulabschluss, der Anteil ist im Vergleich zu den Vorjahren leicht gesunken. Das ist eine der wenigen erfreulichen Zahlen des Nationalen Bildungsberichts, den das Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation vorgestellt hat. Den vollständigen Bericht lesen Sie hier  – und falls Ihnen Zeit und Muße fehlen, sich durch das 420 Seiten starke Papier zu kämpfen, empfehle ich die Analyse meiner Kollegin Silke Fokken.

Debatte der Woche

Foto: Jens Wolf/ dpa

In der letzten Ausgabe der Kleinen Pause haben wir uns mit dem Personalmangel an Kitas und Schulen beschäftigt. Dazu haben uns sehr viele Zuschriften erreicht, worüber wir uns sehr gefreut haben. Hier haben wir drei ausgesucht, die wir gern mit Ihnen teilen möchten.

»Von einem Betreuungsschlüssel 1:15 kann ich nur träumen. Die Realität sind 25 Kinder und mehr. Viele der Kinder sind völlig überfordert und gestresst durch diese große Gruppe. Viele Kollegen sind am Limit ihrer Kräfte oder haben resigniert. Auch ich bin seit mittlerweile über einem Jahr krank und überlege, ob ich etwas anderes machen kann. Dabei liebe ich meinen Beruf. Tatsache ist: Vorhandenes Personal wird gnadenlos verheizt und neues Personal wird abgeschreckt. Ich würde mir wünschen, dass Politiker mal eine Woche zur Hospitation in verschiedene Einrichtungen gehen. Vielleicht würde sich etwas ändern.« Erzieherin

»In der Berliner Kita, in der ich arbeitete, wurden 125 Kinder in fünf Gruppen betreut. Zuletzt arbeiteten nur noch 15 Erzieher in dieser Einrichtung, davon ganze drei Kolleg*innen in Vollzeit. Was de facto bedeutete, dass ich, wenn meine Teilzeitkollegin Spätdienst hatte, von 7:30 Uhr bis 11:30 Uhr mit 25 Kindern allein war. Wenn eins der Kleinen eine neue Windel brauchte, hatte ich die Wahl, wie ich mich strafbar machen durfte: Entweder das Kind mit schmutziger Windel herumlaufen lassen (Körperverletzung) oder zum Wickeln ins Bad gehen und die anderen 24 unbeaufsichtigt lassen (Verletzung der Aufsichtspflicht). Letzten Endes bin ich dann mit allen 25 ins Bad und ließ die Gruppe im Kreis sitzen, während ich wickelte.« Erzieher

»Ich habe immer alle vier bis fünf Jahre gekündigt, um mir eine neue Stelle zu suchen. Immer verbunden mit der Hoffnung, die mir der neue Arbeitgeber machte: Es wird alles besser, es werden weniger Kinder betreut! Das Gehalt war für mich nicht entscheidend. Aber ich kann nur sagen: Es wurde nie besser, nicht ein einziges Mal! Von Bildungsarbeit kann überhaupt keine Rede sein! Auch muss ich erwähnen, dass Weiterbildung kaum stattfand. Dass Leiterinnen nicht immer Vorbilder waren, dass die Überforderungen der Mitarbeiter täglich sichtbar und spürbar waren! Ich selbst habe einen ordentlichen Burnout erlebt.« Erzieherin

Sie haben auch eine Meinung zur Personalnot in Kitas und Schulen? Schreiben Sie gern an bildung@spiegel.de 

Ein Denkanstoß zum Schluss

Will ich wirklich Lehrerin oder Lehrer werden? Will ich wirklich mein Leben lang vor Schulklassen stehen? Vermutlich jeder, der auf Lehramt studiert, hat sich diese Frage irgendwann im Laufe der Ausbildung schon mal gestellt. Lia Oberhauser von der Heidelberg School of Education hat einen lesenswerten Text darüber verfasst , wie ihre Studierenden mit diesen Zweifeln umgehen – und was helfen könnte, um Klarheit zu bekommen.

Das war’s für dieses Mal. Haben Sie ein Thema auf dem Herzen, das wir uns einmal genauer anschauen sollten? Dann schreiben Sie gerne an bildung@spiegel.de  – das Team der »Kleinen Pause« dankt für Ihr Interesse!

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.