Debatte zum Schulwechsel "Die Abschaffung des Gymnasiums wäre politischer Selbstmord"

Viele Eltern plagt die Frage, auf welche Schule ihr Kind nach der Grundschule wechseln soll. Sind sie die Richtigen, um das zu entscheiden? Und wie wirkt sich die Wahl aus? Eine Expertin gibt Antworten.
Ein Interview von Silke Fokken
Schüler in der Abi-Prüfung (Symbolbild): Expertin fordert zweite attraktive Säule auf dem Weg dorthin

Schüler in der Abi-Prüfung (Symbolbild): Expertin fordert zweite attraktive Säule auf dem Weg dorthin

Foto: Bernd Wüstneck/ picture alliance/ dpa

SPIEGEL: Frau Nikolai, die Wahl der Schule scheint im Laufe der Jahre eine große Bedeutung bekommen zu haben. Viele Mütter und Väter zermartern sich insbesondere in Großstädten den Kopf und pilgern von einem Tag der offenen Tür zum nächsten, um die perfekte Schule für ihr Kind zu finden. Wie ist es so weit gekommen?

Rita Nikolai: Die Politik hat in den vergangenen Jahren versucht, den Wettbewerbsgedanken im Schulsystem zu verankern. Schulen sollten Profile entwickeln und um die Gunst von Eltern konkurrieren, die so in ihrer Rolle als Konsumenten gestärkt wurden. Das ist einerseits gut, weil Wettbewerb die Qualität befördern kann und Eltern mehr Mitsprache einräumt. Andererseits gibt es unerwünschte Nebeneffekte.

SPIEGEL: Zum Beispiel?

Nikolai: Ein Abbau sozialer Ungleichheit findet damit nicht statt. Gerade an Schulen, die besonders nachgefragt sind, finden sich überdurchschnittlich viele Schüler aus privilegierten Elternhäusern. Es gibt den Trend, dass viele Mütter und Väter Bildung sehr wichtig finden und für ihre Kinder die beste Schule aussuchen wollen. So kommt es zu einer Spreizung im staatlichen Schulsystem und auch zwischen öffentlichen und privaten Schulen.

Rita Nikolai

Rita Nikolai

Foto: Foto-Atelier Schild-Vogel

Rita Nikolai ist Bildungsforscherin an der Berliner Humboldt-Universität und Heisenberg-Stipendiatin der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Bis 2017 war sie an der HU Juniorprofessorin für Systembezogene Schulforschung am Institut für Erziehungswissenschaften. Weitere Stationen: Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg, Universität Heidelberg.

SPIEGEL: Es ist Eltern nicht zu verübeln, wenn sie ihrem Kind einen guten Start geben wollen.

Nikolai: Nein, aber in Bundesländern wie Bayern oder Niedersachsen zum Beispiel gilt noch das drei- oder mehrgliedrige Schulsystem. Dadurch setzt man Eltern und Kinder unter Druck. Viele wollen dann möglichst aufs Gymnasium, weil das Abitur die meisten Möglichkeiten verspricht.

"Ein Abbau sozialer Ungleichheit findet nicht statt"

Rita Nikolai, Bildungsforscherin

SPIEGEL: Lehrerverbände beklagen, dass der Leistungsdruck von Eltern kommt.

Nikolai: Der Druck entsteht streng genommen durch die Strukturen und die Selektion von Kindern. Diese Auslese empfinden sowohl Eltern als auch Kinder als belastend, weil sie den Eindruck haben: Gehört das Kind nicht zu den Besten, hat es in seiner Schullaufbahn schlechtere Chancen. Denn die verschiedenen weiterführenden Schulen werden nicht als gleichwertig empfunden, und eine Durchlässigkeit des Systems existiert oft nur auf dem Papier.

SPIEGEL: Wie ließe sich der Übergang in die weiterführende Schule stressfreier und sozial gerechter gestalten?

Nikolai: Die Bundesländer müssten neben dem Gymnasium eine attraktive zweite Säule einführen, die alle Schulformen integriert und alle Abschlüsse anbietet, auch das Abitur. Hamburg hat das zum Beispiel gemacht, mit den Stadtteilschulen. So eine zweite Säule ist auch für Eltern aus höheren sozialen Schichten interessant. So lässt sich soziale Ungleichheit zumindest etwas abbauen und Frust reduzieren.

SPIEGEL: Berlin hat die Integrierte Sekundarschule eingeführt und trotzdem klagen viele Eltern über extremen Leistungsdruck und soziale Ungleichheit.

Nikolai: Das Problem in Berlin ist, dass dort einige Sekundarschulen eine eigene gymnasiale Oberstufe haben, aber nicht alle. Eltern mit höherem Bildungsgrad versuchen nun, ihre Kinder möglichst an Schulen zu platzieren, wo sie bis zum Abi bleiben können, und dadurch tut sich eine soziale Schere auf.

SPIEGEL: Warum schafft kein Bundesland das Gymnasium ab und lässt die Kinder bis zur 9. oder 10. Klasse gemeinsam lernen, so wie das fast alle anderen Länder der Welt handhaben?

Nikolai: So etwas würde kein deutscher Politiker ernsthaft vorschlagen und in seine Reformagenda aufnehmen. Das wäre politischer Selbstmord. Das Gymnasium ist in der Ideenwelt der Deutschen so tief verankert, das bekommen Sie nicht abgeschafft.

"Eltern mit höherem Bildungsgrad versuchen, ihre Kinder möglichst an Schulen zu platzieren, wo sie bis zum Abi bleiben können"

Rita Nikolai, Bildungsforscherin

SPIEGEL: Ob Eltern oder Lehrkräfte entscheiden dürfen, wie es für ein Kind nach der Grundschule weitergeht, ist auch ein Politikum. Das wird in vielen Bundesländern regelmäßig neu geregelt. Wie kommt das?

Nikolai: Weil das Thema so viele Emotionen erzeugt, können sich Politiker damit schon im Wahlkampf gegen Konkurrenten positionieren und bei Wählern punkten. Der Elternwille lässt sich zudem sehr schnell einführen oder abschaffen.

Das ist eine auffällig kostengünstige Reform, die Politiker leicht innerhalb einer Legislaturperiode umsetzen können und die sich ein Minister als Erfolg anheften kann. In den Ländern war ein Regierungswechsel deshalb oft mit einer Neuregelung verbunden.

SPIEGEL: Verprellen Politiker nicht ihre Wähler, unter denen ja viele Eltern sind, wenn sie deren Wahlfreiheit beschneiden?

Nikolai: Konservative Parteien setzen sich tendenziell für eine bindende Grundschulempfehlung ein: Die Lehrer sollen entscheiden, ob ein Kind nach der Grundschule das Gymnasium oder eine andere Schulform besucht. Das folgt der Idee einer Bestenauslese, wonach Kinder entsprechend ihrer Begabung auf verschiedene Schulformen geschickt werden und Lehrer diese Leistung am besten beurteilen können. Diese Idee hat in Deutschland viele Anhänger.

SPIEGEL: Warum polarisiert das Thema so?

Nikolai: Es ist zum Beispiel nicht gesichert, dass Lehrer tatsächlich die leistungsstärksten Kinder aufs Gymnasium schicken. Es kann auch eine soziale Auslese ein. Wir wissen aus Studien, dass Lehrkräfte dazu neigen, Kompetenzen und Anstrengungsbereitschaft von Kindern aus höheren sozialen Schichten höher einzuschätzen als von anderen Kindern. Dadurch bekommen sie bessere Noten.

"Es ist nicht gesichert, dass Lehrer tatsächlich die leistungsstärksten Kinder aufs Gymnasium schicken"

Rita Nikolai, Bildungsforscherin

SPIEGEL: Wird es sozial gerechter, wenn die Eltern die Schulform wählen?

Nikolai: Auch nicht unbedingt. Wenn der freie Elternwille gilt und Sie die verbindliche, notenbasierte Grundschulempfehlung aufheben, bauen Sie dadurch nicht zwingend soziale Ungleichheit ab.

SPIEGEL: Wieso nicht?

Nikolai: Es sind vor allem linke Parteien, die sich mit der Wahlfreiheit erhoffen, breiteren Bevölkerungsschichten einen Zugang zum Gymnasium zu verschaffen. Aber man geht davon aus, dass Eltern mit einem höheren Bildungsgrad es öfter schaffen, ihre Kinder auf dem Gymnasium unterzubringen als andere.

SPIEGEL: … auch wenn die Kinder eigentlich gar nicht so leistungsstark sind. Das ist also auch nicht unbedingt gerechter.

Nikolai: Letztlich ist das alles eine Glaubensfrage. Egal ob eine notenbasierte Grundschulempfehlung oder der freie Elternwille gilt - es gibt keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass das eine oder andere zu einem vermehrten Anstieg oder Abbau sozialer Ungleichheit führt. Im Grunde kann vermutlich kein Aufnahmeverfahren etwas daran ändern, dass der Übergang aufs Gymnasium und andere Schulformen nach wie vor höchst ungleich verteilt ist.

SPIEGEL: Klingt frustrierend.

Nikolai: Sie sagen es.

SPIEGEL: Aber in den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Schülerschaft an den Gymnasien doch stark verändert und ist "sozial durchmischter".

Nikolai: Das stimmt, das hat vor allem mit der Bildungsexpansion seit den Sechzigerjahren zu tun. Tatsächlich wurden damals in vielen Bundesländern die Aufnahmetests an Gymnasien abgeschafft, die sicher viele Nicht-Akademiker-Familien abgeschreckt haben. Nach und nach ließ man öfter die Eltern entscheiden, aber nicht überall.

Gerade nach dem Pisa-Schock vor rund zwanzig Jahren setzten viele Bundesländer wieder auf eine Notenbindung. Unterm Strich gibt es heute eine größere soziale Durchmischung, aber die soziale Ungleichheit ist in Deutschland gerade im internationalen Vergleich nach wie vor sehr groß.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.