Schulstudie Wer nebeneinandersitzt, freundet sich an

Die Sitzordnung in der Schule kann Freundschaften zwischen Kindern schaffen. Zu diesem Ergebnis kommt eine internationale Studie. Ob Lehrkräfte in die Platzwahl eingreifen sollten, darüber sind sich Schulexperten uneinig.
Wer sitzt neben wem? Die Antwort kann Freundschaften beeinflussen (Symbolfoto)

Wer sitzt neben wem? Die Antwort kann Freundschaften beeinflussen (Symbolfoto)

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Gregor Fischer/ dpa

Lehrkräfte können Freundschaften zwischen Schülerinnen und Schülern bewusst beeinflussen, indem sie die Kinder nebeneinandersetzen. Dies ist das Ergebnis einer Studie  unter Beteiligung der Universität Leipzig, die in der Fachzeitschrift »Plos One« veröffentlicht wurde.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Leipzig, der University of Wisconsin-Madison in den USA und des Center for Social Sciences in Budapest hatten eine Feldstudie mit rund 3000 Schülern der 3. bis 8. Klassen in Ungarn durchgeführt.

Für das Experiment wurden die Kinder und Jugendlichen im Alter von etwa 8 bis 17 Jahren im Klassenzimmer zufällig nebeneinanderplatziert. Ein Halbjahr lang mussten die Schülerinnen und Schüler so sitzen bleiben – und am Ende angeben, wer ihre besten Freundinnen oder Freunde sind.

Auch unterschiedliche Kinder freunden sich an

Das Ergebnis: Tatsächlich freundeten sich die jungen Probandinnen und Probanden häufiger miteinander an, wenn sie nebeneinandersaßen. Die Wahrscheinlichkeit stieg von 15 auf 22 Prozent. Das galt auch für Schüler, die eher unterschiedlich waren – wenn auch seltener.

Dass sich Kinder und Jugendliche mit ähnlichem Hintergrund miteinander anfreunden und auch zusammensitzen wollen, sei erst einmal normal, sagt die Psychologin Julia Rohrer von der Universität Leipzig, eine der Studienautorinnen. »Das Phänomen nennt sich Homophilie – gleich und gleich gesellt sich gern.«

Dadurch würden Ungleichheiten allerdings auch verstärkt, sagt Rohrer. Gemeint ist etwa: Schülerinnen und Schüler mit Lernschwierigkeiten landen auch im Klassenzimmer beieinander und können sich gegenseitig nicht helfen. Wer dagegen ohnehin schon gut ist, lernt zusammen mit seinen Freunden, den anderen Spitzenschülern.

Ob Schüler mit schlechten Noten profitieren, ist noch unklar

Tatsächlich war der Effekt bei Schülerinnen und Schülern mit unterschiedlichen Schulleistungen sogar noch etwas größer als im Durchschnitt. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich anfreundeten, stieg bei einer festgelegten Sitzordnung um sechs Prozentpunkte auf 17 Prozent.

Inwiefern Kinder und Jugendliche mit schwachen Schulleistungen davon profitieren, neben Spitzenschülern zu sitzen, lässt sich anhand der Studie nicht beantworten. »Das wollen meine Kollegen anhand der Daten noch erforschen«, sagt Rohrer. Sie hofft allerdings, dass diverse Freundschaften gerade Kinder mit Lernschwierigkeiten helfen können oder zum Abbau von Vorurteilen führen – etwa gegenüber dem anderen Geschlecht.

In dieser Hinsicht gibt es offenbar noch einiges zu tun: Saßen etwa Mädchen und Jungen nebeneinander, verdoppelte sich die Wahrscheinlichkeit einer Freundschaft zwar auch, allerdings auf sehr niedrigem Niveau von zwei auf knapp vier Prozent.

»Wenn ein Lehrer die Ordnung aufgrund sozialer Kriterien bestimmen würde, gäbe es einen Aufstand.«

Heinz-Peter Meidinger, Chef des Deutschen Lehrerverbands

Die Studie sei dennoch ermutigend: »Lehrer können in Schulklassen auf simple Art und Weise eingreifen und so ein diverseres Freundschaftsnetzwerk schaffen, von dem gerade benachteiligte Schüler profitieren könnten«, findet die Psychologin.

Doch wie realistisch ist es, Schülerinnen und Schüler nach bestimmten Kriterien auf die Stühle zu verteilen? Heinz-Peter Meidinger, Chef des Deutschen Lehrerverbands, hat seine Zweifel. »In deutschen Klassenzimmern herrscht ein großer Freiheitsbetrieb«, sagt der Gymnasiallehrer. Die Schüler seien es gewohnt, dass sie ihre Sitzplätze weitgehend selbst aussuchen könnten. »Wenn ein Lehrer die Ordnung aufgrund sozialer Kriterien bestimmen würde, gäbe es einen Aufstand.«

Meidinger plädiert aber für regelmäßiges Rotieren, sonst gebe es immer »Gewinner und Verlierer«. So hätten die Schüler Chancen, sich gegenseitig kennenzulernen und ein besseres Gruppengefühl zu entwickeln. Auch Außenseiter-Positionen würden seltener.

Gisela Steins, Psychologie-Professorin an der Universität Duisburg-Essen, hält das ebenfalls für ein gerechtes System. Wichtig sei ihr vor allem, dass es keinen Zwang bei der Sitzordnung gebe, sagt Steins. »Im Klassenraum sind die Kinder ohnehin auf engstem Raum zusammengepfercht, da sollten sie nicht auch noch neben jemandem sitzen, den sie nicht mögen.« Durch Nähe könnten zwar Freundschaften entstehen, aber auch viele negative Effekte.

So spürten Kinder und Jugendliche, welche Rollen ihnen von den Lehrern zugewiesen würden – dem Störenfried sei bewusst, warum er neben der vermeintlichen Streberin sitze. »Das ist auch eine Überfrachtung von Schülerrollen. Man kann von einem Kind nicht verlangen, dass es bei anderen für bessere Leistungen sorgt.«

Das sei schließlich Aufgabe der Lehrenden – und die könnten auch ohne Sitzordnung Kinder und Jugendliche zusammenbringen, die nicht unbedingt befreundet sind, so Steins. »Das funktioniert gut bei Projekten, bei denen alle das gleiche Ziel haben, etwa bei Referaten«, sagt sie. Dann sei es sinnvoll, dass die Lehrenden Gruppen festlegten, um unterschiedliche Leistungsniveaus oder Freundesgruppen zu mischen.

kfr/dpa

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