Swantje Unterberg

SPIEGEL-Bildungsnewsletter »Bei Ikea im Bällebad ist die Betreuung besser«

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

»dieser Newsletter enthält nur gute Nachrichten!«, rühmte sich das deutsche Schulportal am Mittwoch, als es die Gewinner des Deutschen Schulpreises vorstellte: Fünf Schulen, die beweisen, dass gute Bildung möglich ist. (»Das ist los«)

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) ließ zur Preisverleihung mitteilen, die Preisträger seien Vorbild für andere Schulen, »wie mit gutem Unterricht jede Schülerin und jeder Schüler erreicht werden kann.«

Ja, ja, bei engagierten Schulen klappt das mit dem guten Unterricht auch unter widrigen Bedingungen, könnte der Subtext der Kanzlerworte sein. Das hat zumindest der Verband Bildung und Erziehung (VBE) antizipiert. Er warnte angesichts der Preisverleihung die politisch Verantwortlichen, »den Blick auf die desolate Situation an den Schulen zu verschleiern« und zu suggerieren, alles sei nur halb so schlimm, wenn die Lehrkräfte nur wollten.

Das war's also schon wieder mit den guten Nachrichten. Wir seien in einem »Jahrzehnt der Notversorgung« angekommen, so der VBE in Anlehnung an das von der Bundesregierung ausgerufene Jahrzehnt der Bildungschancen.

Die Gewerkschaft ist mit ihrem Brass nicht allein. »Wir sind mittendrin in der Bildungskatastrophe, und es wird immer schlimmer«, sagte der Landesvorsitzende des Philologenverbands (PHVN), Christoph Rabbow vorige Woche  in Hannover. Klar, in Niedersachsen wird am Wochenende gewählt. (»Das ist los«)

Aber auch aus anderen Bundesländern melden uns Eltern vermehrt, dass an den Schulen ihrer Kinder Unterricht ausfällt. (Debatte der Woche) Satireformate greifen das Thema dankbar auf. »Schule findet inzwischen wieder ohne Masken statt, ohne Test und – ohne Lehrer«, witzelte das Magazin »Extra3«  zum Schulstart nach den Sommerferien.

Die »heute-show«  legte Mitte September nach – und kramte für ihren Bericht einen mehrere Jahre alten Ausschnitt aus dem Frühstücksfernsehen hervor, in dem eine Quereinsteigerin sagt: »In dieser Klasse habe ich ein halbes Jahr Englischunterricht gegeben – obwohl ich gar kein Englisch kann.«

Manchmal hilft eben nur noch Lachen. So kann ich Ihnen doch noch gut gelaunt Tschüs sagen. Bei Missständen dürfen Sie sich aber gern an uns wenden: bildung@spiegel.de 

Beste Grüße

Swantje Unterberg
für das Bildungsteam des SPIEGEL

Gewinner des Deutschen Schulpreises: das Berufliche Bildungszentrum Müritz

Gewinner des Deutschen Schulpreises: das Berufliche Bildungszentrum Müritz

Foto: Patricia Haas / RBB Müritz Waren

Das ist los

1. Praktisch gut

Die Jury würdigte das »hohe fachliche Niveau« und einen starken Bezug zur Lebenswelt: Das Regionale Berufliche Bildungszentrum Müritz in Mecklenburg-Vorpommern hat den Hauptgewinn des Deutschen Schulpreises wegen seines hervorragenden Praxisbezugs bekommen. Wer noch tiefer einsteigen und sich von den fünf Preisträgern inspirieren lassen will, findet auf dem Portal des Schulpreises ausführliche Porträts der »best practice«-Schulen .

2. Gerangel um »Brennpunktschulen«

Mehr als 4000 Schulen »mit einem hohen Anteil sozial benachteiligter Schülerinnen und Schüler« sollen eine extra Förderung bekommen, um »Schule, Unterricht und Lernangebote weiterzuentwickeln und außerschulische Kooperationen zu fördern«, so haben es die Ampelparteien in ihrem Koalitionsvertrag festgehalten.

Welche Schulen werden zu den ausgewählten 4000 gehören, und welche Kriterien sollen dafür gelten? Ab wann können die Schulen mit dem Geld rechnen? Und schaffen es die politisch Verantwortlichen in Bund und Ländern, sich über die Verteilung zu einigen? Meine Kolleginnen Silke Fokken und Miriam Olbrisch sind diesen Fragen nachgegangen .

3. Bildungspolitik im Wahlkampf

Es ist die letzte Landtagswahl in diesem Jahr: Am Wochenende wird in Niedersachsen gewählt. Die »taz« analysiert, welche Rolle die Bildungspolitik im Wahlkampf gespielt hat. »Bemerkenswert, wie klein dieses Thema geworden ist«, schreibt  die Autorin. Sie stellt fest, dass die Grundsatzdebatten, etwa über das mehrgliedrige Schulsystem und den Erhalt der Förderschule, über die wir vor ein paar Wochen ebenfalls berichteten , vom Lehrermangel überschattet werden.

Und sonst so?

Inflation, Rezession, Deflation – wer versteht diese allgegenwärtigen Begriffe eigentlich genau? Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) wirbt dafür, das Thema Wirtschaft stärker im Schulunterricht zu verankern. Trotz Zuständigkeit der Bundesländer müsse Deutschland Wege finden, »flächendeckend das Thema Wirtschaft und ökonomische Bildung in den Lehrplänen aufzuwerten«, sagte Habeck vorige Woche bei einer Veranstaltung des Bündnisses Ökonomische Bildung Deutschland (BÖB).

Dass fast jeder zweite junge Mensch nicht weiß, was Inflation ist, hatte die »FAZ« zuvor bereits berichtet . Dort heißt es, auch Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger sei angesichts solcher Umfrageergebnisse alarmiert. Die »FAZ«-Kollegin forderte deshalb schon vor Habeck in ihrem Kommentar : Schülerinnen und Schüler müssten mehr über Wirtschaft lernen.

Zahl der Woche

62

Eltern müssen Smartphones, Tablets und Co. für die Nutzung im Unterricht meist privat zur Verfügung stellen. Das geht aus einer repräsentativen Elternumfrage zur Digitalisierung des Schulunterrichts hervor, die von der Initiative D21 in Auftrag gegeben wurde. Demnach berichten zwar 72 Prozent der Eltern, dass ihren Kindern im Unterricht ein Smartphone zur Verfügung steht – aber nur zehn Prozent geben an, dass die Geräte von der Schule gestellt werden. Die ganze Studie mit weiteren Daten zu Tablets und Smartboards, zur WLAN-Anbindung und zur Zufriedenheit der Eltern finden Sie hier .

Debatte der Woche

»Bei Ikea im Bällebad ist die Betreuung besser«

Foto: Friso Gentsch / dpa

»Liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Eltern! Leider sind zurzeit mehrere Lehrkräfte wegen Elternzeit oder Erkrankung über längere Zeiträume zu ersetzen«, schrieb kürzlich ein Hamburger Schulleiter in einem Rundschreiben. Und erklärte weiter, dass extern kaum geeignete Vertretung zu finden sei. In der Folge müssten »einzelne Lerngruppen in den höheren Jahrgangsstufen eigenverantwortlich an mehrwöchigen Projekten forschen und arbeiten«. Und: »Einige wenige Stunden werden ausfallen müssen.«

Die Hamburger Elternkammer berichtet, dass sie aus vielen Bezirken von ähnlichen Schwierigkeiten gehört habe. »Dabei haben wir erst September«, sagt Angelika Bock von der Elternvertretung. Normalerweise schlage die Erkältungssaison erst Mitte, Ende Oktober zu.

Auch die Lehrergewerkschaften haben schon vor Schulschließungen bei hohem Krankenstand gewarnt.

Die Hamburger Bildungsbehörde sagt hingegen, die Erkrankungsquote bei Lehrkräften liege aktuelle bei acht Prozent, das sei »nicht besorgniserregend« bei Personalressourcen von 108 Prozent. »Natürlich kann es an einzelnen Standorten aber trotzdem zu Personalengpässen kommen.«

Nachfragen bei Elternvertretern Land auf und Land ab lassen die Unterrichtsversorgung schwieriger erscheinen – auch wenn sich das selten schon statistisch belegen lässt. »Die Lehrkräfteversorgung ist ein Riesenproblem«, sagt Michael Mittelstaedt vom Landeselternbeirat Baden-Württemberg. Auch in Sachsen sieht der Landeselternrat ein Problem. In Baden-Württemberg werden die Krankenstände vom Ministerium allerdings nicht statistisch erfasst, in Sachsen liegen sie laut Kultusministerium erst zum Jahresende vor.

An Grundschulen, so berichten es die Elternvertretungen aus Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen, fallen die Stunden nicht aus, schließlich müssen die Kinder verlässlich beaufsichtigt werden. Aber es gebe nicht unbedingt Unterricht. »Bei Ikea im Bällebad ist die Betreuung besser«, sagt Volkmar Heitmann vom Landeselternbeirat in Hessen lapidar über die Situation, die er in manchen Kreisen an Grundschulen beobachten könne.

Die Elternvertretungen in Sachsen-Anhalt und Bayern berichten hingegen, dass der hohe Krankenstand und der Personalmangel zurzeit besonders in den Kitas durchschlage – aber in ein paar Wochen, da sind sie sich sicher, komme das Problem an den Schulen an.

Je größer die Personalnot an den Schulen, desto dringender werden neu ausgebildete Kolleginnen und Kollegen erwartet. Wie das Statistische Bundesamt anlässlich des morgigen Weltlehrertages (jedes Jahr am 5. Oktober) mitteilt, haben zuletzt zwar mehr Studierende ein Lehramtsstudium abgeschlossen, dennoch sind es weniger als vor zehn Jahren.

Im vergangenen Jahr haben demnach rund 28.900 Lehramtsstudierende ihre Abschlussprüfungen im Master oder 1. Staatsexamen bestanden. Das waren 3,8 Prozent mehr Lehramtsanwärterinnen und -anwärter als im ersten Coronajahr 2020. Im Zehnjahresvergleich ist die Zahl der Lehramtsabsolventinnen und -absolventen mit einem Masterabschluss oder dem 1. Staatsexamen den Angaben zufolge allerdings deutlich zurückgegangen: um 13,8 Prozent.

Bekommen Sie, liebe Eltern und Schülerinnen und Schüler, auch solche Briefe wie den eingangs zitierten aus Hamburg? Berichten Sie uns davon. Und bleibt Ihnen, liebe Schulleiterinnen und Schulleiter, zurzeit auch kaum etwas anderes, als die Schulgemeinschaft über derart unerfreuliche Tatsachen zu informieren? Wie gehen Sie mit dem Mangel um? Wir freuen uns, wenn Sie uns schreiben an bildung@spiegel.de ,

Wir verabschieden uns bis zum nächsten Mal, der Newsletter erscheint wieder am 18. Oktober. Das Team der »Kleinen Pause« dankt für Ihr Interesse!

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.