Swantje Unterberg

SPIEGEL-Bildungsnewsletter Die wundersame Lehrervermehrung

Swantje Unterberg
Von Swantje Unterberg, SPIEGEL-Bildungsteam

Hallo, liebe Leserin, lieber Leser,

Föderalismus, das bedeutet für mich vor allem Arbeit. Wenn ich bundesweit angesichts des Lehrermangels etwa recherchiere, wie oft Unterricht vertreten oder Jugendliche nach Hause geschickt werden, muss ich mich nicht nur mit 16 Ministerien auseinandersetzen, sondern auch mit unterschiedlichen Berechnungsmethoden – wenn denn überhaupt alle die erhofften Daten erheben. Wie, frage ich mich in solchen Momenten, soll der Föderalismus einen Wettstreit um das beste Schulsystem fördern, wenn sich so schwer Vergleiche ziehen lassen?

Anders bei Betreuungskosten und Zeiten, da lassen sich gut Vergleiche ziehen – und die besten Angebote küren. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat untersucht, wie viele Stunden Kinder in die Ganztagsgrundschule gehen können und was Eltern dafür zahlen. Wer wie abschneidet, lesen Sie in der Rubrik »Das ist los«.

Trefflich streiten lässt sich über die Frage, ob es ein gutes Mittel gegen den Mangel ist, wenn ein Lehrer zwei oder mehr Klassen gleichzeitig unterrichtet. Mehr dazu in der »Debatte der Woche«.

Außerdem geht es in diesem Newsletter um die Abschaffung der Hausaufgaben, die Einführung neuer Schulfächer (»Das ist los«) und den Zauber der »geleiteten Autonomie, in die man sanft gedrängt wird« (»Gut zu wissen«).

Wenn Sie Zauberhaftes oder Missliches loswerden wollen, freuen wir uns auf Ihre Nachricht an bildung@spiegel.de . Und da dieser Newsletter ausnahmsweise an einem Freitag verschickt wird und nicht wie üblich am Dienstag: Die Woche ist fast geschafft – ich wünsche Ihnen ein wunderbares Wochenende!

Beste Grüße
Swantje Unterberg
für das Bildungsteam des SPIEGEL

Das ist los

Foto: Patrick Seeger / DPA

1. Gesundheit im Stundenplan

Gute Leistungen könnten nur erbracht werden, wenn ein Kind sich in seinem Körper wohlfühle und psychisch mit sich im Reinen sei, sagt Bildungsforscher Klaus Hurrelmann. Und fordert, an Schulen endlich das Fach »Gesundheit« einzuführen.

Hurrelmann ist mit seinem Wunsch, ein neues Schulfach zu etablieren, natürlich nicht allein. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hat sich vor Kurzem erst für mehr Wirtschaft im Schulunterricht ausgesprochen, die Stiftung Deutsche Depressionshilfe plädiert für mehr Aufklärung über Depression, mehrere Forschende fordern eine stärkere Verankerung des Themas Klimakrise in den schulischen Curricula , die Ständige Wissenschaftliche Kommission (SWK), eine Art wissenschaftlicher Beirat der Kultusministerkonferenz (KMK), hat den Bildungsministern der Länder empfohlen, ab der Mittelstufe verpflichtend Informatik einzuführen .

Nur, was kann stattdessen weg? Darüber sollte sich langsam auch mal eine Debatte entspannen. Schließlich kann der Stundenplan nicht beliebig erweitert werden.

2. Ein Lehrer, zwei Klassen

Weil es in Ostsachsen nicht genug Schüler und Schülerinnen für einen Leistungskurs gibt, übertragen drei Gymnasien den Unterricht nun online. Thüringen überlegt, das Modell ebenfalls einzusetzen. Allerdings nicht mangels Schülerinnen und Schülern, sondern mangels Lehrkräften.

3. Büffelzeit statt Hausaufgaben

Die Kontrolle der Hausaufgaben war zu zeitaufwendig, der Frust über nicht gemachte Aufgaben zu groß: Eine Grundschule im nordrhein-westfälischen Grevenbroich hat die Hausaufgaben abgeschafft und dafür an der Schule eine Büffelzeit eingeführt. In drei verpflichtenden Schulstunden vertiefen die Kinder den Stoff, berichtet der WDR , sie werden von Lehrkräften, Referendaren oder Sozialpädagoginnen unterstützt.

4. Und sonst so?

Was zahlen Eltern für die Ganztagsbetreuung an Grundschulen – und wie viele Stunden am Tag und an wie vielen Tagen die Woche wird sie überhaupt angeboten? Das ist in jedem Bundesland anders. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat sich die Lage genauer angeschaut – und ist zu dem Schluss gekommen, dass es in Mecklenburg-Vorpommern das beste Preis-Leistungs-Verhältnis gebe: keinerlei Gebühren und recht lange Angebote .

NRW, Baden-Württemberg und Bayern stechen hingegen durch besonders hohe Kosten oder uneinheitliche Regeln hervor, so das IW. In Bayern etwa seien die Ganztagsschulen grundsätzlich kostenlos, für die sehr ähnliche Betreuung in den Horten würden aber Gebühren erhoben – was eine Ungleichbehandlung sei.

Gut zu wissen

Foto: imago stock&people / Westend61 / IMAGO

(Vor)lesen ist Kino im Kopf. Damit erzähle ich Ihnen nichts Neues. Neu ist aber das Interview meiner Kollegin Silke Fokken, die mit der Schauspielerin Anna Thalbach darüber gesprochen hat, wie diese Bilder im Kopf entstehen. Dabei fielen die Worte von der »geleiteten Autonomie, in die man sanft gedrängt wird«. Thalbach unterstreicht damit, dass beim Zuhören Raum für Fantasie bleibt. Und sie gibt Tipps, auf was man beim Vorlesen achten kann und wie man selbst Spaß dabei hat .

Zahl der Woche

326.100

Hinter jeder einzelnen Ziffer steht eine Fachkraft, die fehlt. Und zwar in den sogenannten MINT-Berufen Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Das berechnete das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) für den MINT-Herbstreport . Das hat in zwei Punkten auch mit dem Thema Schule zu tun. Erstens fehlen in diesem Bereich auch Lehrkräfte. Und zweitens empfiehlt das IW, diesem Problem vor allem in der Schule entgegenzusteuern: durch bessere Bildungschancen, Digitalisierung und – siehe oben – Informatik als Pflichtfach.

Debatte der Woche

Die Frage, ob Hybridunterricht sinnvoll ist, bewegt nicht nur Regierungen und Oppositionen in Thüringen und Sachsen, sondern auch unsere Leserinnen und Leser, Lehrkräfte und Verbände.

»Was soll denn sonst bei der Misere helfen? Zu wenig Lehrer, zu wenig Schüler. Wo sollen die Kinder herkommen und wo die Lehrer? So ist es doch eine gute Lösung für alle Beteiligten«, schreibt ein Leser zu dem Modell. Doch die meisten äußern Kritik .

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»Der von Minister Holter geplante Hybridunterricht zur Behebung des Lehrermangels wird so nicht funktionieren«, schreibt Heike Schimke , Vorsitzende des Thüringer Philologenverbands. Lehrer könnten nicht plötzlich doppelt so viele Arbeiten korrigieren, geschweige denn die Kinder fachlich und pädagogisch individuell betreuen – nicht nur in Präsenz, sondern auch digital.

Und ein Leser schreibt im SPIEGEL-Forum, das Modell sei »ein weiterer Schritt in Richtung Abgrund. Der nächste ist kein Lehrer für drei Klassen.«

»Das mag in der Oberstufe auf dem Land und in MINT-Leistungskursen funktionieren, aber mehr auch nicht«, schreibt ein anderer – und spiegelt damit, in welche Richtung die meisten Kommentare gehen. Denn mit Blick auf Leistungskurse wird das Modell positiver eingeschätzt.

Trotzdem fragen sich Leser, wie das in der Praxis funktionieren soll. »Gerade in der Klasse 11 ist man viele Stunden mit Mikroskopieren und Experimentieren beschäftigt. Wie soll das Hybrid funktionieren? Dürfen die dann den anderen nur zuschauen?«

Sachsen hat angekündigt: »Die fachpraktischen Unterrichtsteile unterrichtet die Lehrkraft jeweils vor Ort an den einzelnen Schulen«. Allerdings wirft das auch wieder Fragen zur Durchführbarkeit auf.

Die Umsetzung, so wird im Forum wiederholt angemerkt, sei auch eine Frage der Technik: »Zu diesem Konzept gehört auch eine vernünftige IT.« Und eine weitere Stimme: »Wir leiden in diesem Land nicht unter einem Mangel an Konzepten, sondern unter eklatanten Mängeln der Durchführung.«

Was ist Ihre Meinung oder Erfahrung zum Thema? Wir freuen uns, wenn Sie uns schreiben: bildung@spiegel.de 

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