Armin Himmelrath

Bildungsmisere Letzter Ausweg Kita-Pflicht?

Armin Himmelrath
Von Armin Himmelrath, Ressort Deutschland/Panorama

Liebe Leserinnen, liebe Leser, guten Morgen,

was für ein Desaster. Seit gestern ist klar: In den vergangenen zehn Jahren haben die allermeisten Bildungsfachleute in Deutschland das Ausmaß der Probleme im Schulsystem verdrängt, übersehen oder wissentlich ignoriert.

Die am Montag vorgestellten Ergebnisse des Bildungstrends 2021 , ermittelt vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), sind eine schallende Ohrfeige für alle, die in den vergangenen Jahren immer wieder die vermeintlichen Fortschritte in deutschen Klassenzimmern und in der Bildungspolitik beschworen haben.

Der Schock erinnert manche an die erste PISA-Studie vor 21 Jahren. Erneut werden Gewissheiten erschüttert und bildungspolitische Glaubenssätze pulverisiert. Er sei »alarmiert« von den gestrigen Ergebnissen, sagt etwa Bildungsökonom Ludger Wößmann vom Münchner ifo-Institut: »Diese riesigen Lernrückstände werden nicht einfach weggehen. Sie werden hohe Folgekosten haben, wenn wir nicht umgehend gegensteuern«, sagt Wößmann und zeigte sich fassungslos: »Solch einen Rückgang wie jetzt hat es noch nie gegeben.«

Nicole Gohlke, bildungspolitische Sprecherin der Linke-Fraktion im Bundestag, schließt sich an: »Diese Ergebnisse sind dramatisch und müssen der letzte Weckruf sein, endlich das Kooperationsverbot aufzuheben. Wir können doch nicht Jahr für Jahr den Lehrkräftemangel beklagen, ohne substanziell etwas zu verändern.«

Was kann man tun? Stephan Dorgerloh, von 2011 bis 2016 Kultusminister in Sachsen-Anhalt und heute als bildungspolitischer Strategieberater unterwegs, entwirft in einem Gastbeitrag für den SPIEGEL einen Fünfpunkteplan, mit dem der Niedergang der deutschen Schulen gestoppt werden könnte. Die Ideenliste beginnt mit der Forderung nach einer radikal ehrlichen Bestandsaufnahme und endet mit einer Kita-Pflicht für alle Kinder ab vier Jahren. »Wir müssen diese furchtbaren Ergebnisse in ihrer ganzen Klarheit und Wahrheit annehmen«, sagt Dorgerloh. Ob er seine Amtsnachfolgerinnen und -nachfolger überzeugen kann? (»Debatte der Woche«)

Da die Debatte aber nicht nur in den Ministerien geführt werden muss, sondern auch in den Schulbehörden und Lehrerzimmern, freuen wir uns auch auf Ihre Einschätzungen – gern per Mail an bildung@spiegel.de . Bleiben Sie gesund!

Für das Bildungsteam des SPIEGEL
Armin Himmelrath

Foto: Westend61 / IMAGO

Das ist los

1. Der Überblick zum IQB-Bildungstrend

2011 wurde der erste IQB-Bildungstrend erhoben, 2016 der nächste, die aktuellen Zahlen stammen von 2021. Wie groß die Rückschritte der allermeisten Bundesländer sind (und wo Ihr Bundesland bei den Schulleistungen der Kinder in der vierten Klasse steht), hat meine Kollegin Miriam Olbrisch zusammengefasst .

Obwohl die Leistungsfähigkeit der Viertklässler bundesweit so gut wie überall nachlässt, gibt es auch Entwicklungen, die Hoffnung machen, zum Beispiel in Hamburg. Das hat, wenn man dem dortigen Schulsenator glauben darf, unter anderem damit zu tun, dass die Hansestadt ihre Schulen besser als andere Bundesländer durch die Pandemie gelotst hat .

»Vieles von dem, was uns heute hilft, haben wir schon 2011 und 2012 angestoßen«, sagt der Hamburger Schulsenator Ties Rabe im SPIEGEL-Interview : »Wir haben die Sprachförderung ausgebaut und Stunden in den Kernfächern Deutsch, Mathe und Englisch erhöht. Es gab eine Rechtschreib- und eine Leseoffensive, deren Erfolg wir regelmäßig überprüfen. Mit dem Geld aus dem Coronaprogramm haben wir für schwache Schülerinnen und Schüler zusätzliche Angebote eingeführt, etwa Lernferien und Förderstunden.« Könnte also sein, dass demnächst nicht mehr Finnland, sondern Hamburg zum Pilgerziel für ambitionierte Schulreformerinnen und -reformer wird.

2. Zurückhaltender Coronaschutz an Schulen

Tests und Masken sollen laut einer Empfehlung von Ärztinnen und Infektiologen an Schulen normalerweise nicht mehr gegen Corona eingesetzt werden – außer, es tritt eine neue gefährliche Virusvariante auf. Das sieht die überarbeitete Leitlinie für die Schulen vor. Und auch mobile Luftfilter werden »nicht als generelle Maßnahme empfohlen«, heißt es darin. Das dürfte zu Diskussionen führen.

Trotzdem dürfen Eltern den Schutz ihrer Kinder nicht einfach so in die eigene Hand nehmen: Ein 2021 eingeschulter Junge aus dem Großraum Karlsruhe ging als Erstklässler nicht einen Tag zur Schule. Erst argumentierten die Eltern mit Corona, dann mit der besseren Entfaltung im Homeschooling. Doch das Oberlandesgericht sah das Kindeswohl in Gefahr – und entzog den Eltern einen Teil des Sorgerechts.

3. Unterricht »zwischen Sperrmüll und Umzugskartons«

Dass der bauliche Zustand der Schulen nicht unbedingt vorbildlich ist, wissen wohl alle Lehrkräfte und Eltern. Rund 45 Milliarden Euro, schätzen Fachleute, würden benötigt, um die rund 40.000 Schulgebäude in Deutschland in einen allgemein akzeptablen Zustand zu versetzen. An einer Berliner Grundschule, die wegen Schimmels geschlossen wurde, ist der Unmut besonders große. Zuletzt wehrten sich Lehrerinnen und Lehrer mit einem Brandbrief.

4. Und sonst?

Die dünne Personaldecke an den Schulen ist derzeit an allen Ecken und Enden zu spüren. Das liegt auch am fehlenden Nachwuchs. Wie bekommt man junge Leute dazu, sich aufs Lehramt einzulassen? Geld allein, sagt OECD-Bildungsforscher und PISA-Koordinator Andreas Schleicher, macht den Lehrerberuf nicht attraktiv. Das zeigt eine neue Studie der OECD. Sie legt auch nahe, wo Deutschland dringend etwas tun muss, wenn die Lehrerzimmer auf Dauer nicht verwaisen sollen. Zum Text meiner Kollegin Silke Fokken geht’s hier entlang.

Foto:

Waltraud Grubitzsch / dpa

Zahl der Woche

193.141: Das war in der vergangenen Woche die Zahl der Kinder und Jugendlichen aus der Ukraine, die in Deutschland an einer Schule angemeldet sind. Für das unter Lehrermangel (s.o.) und Raumnot (s.o.) leidende Schulsystem sei das eine enorme zusätzliche Herausforderung, sagen nicht nur die Bildungsgewerkschaften – schließlich gebe es auch noch Corona (s.o.) und die Energiekrise.

Debatte der Woche

Schockt uns die nächste Bildungskatastrophe noch? Nur noch die Hälfte aller Grundschulkinder erreichen die Regelstandards in Lesen, Schreiben und Rechnen, zeigt der aktuelle IQB-Bildungstrend – und rund 20 Prozent erreichen nicht einmal die Mindeststandards. »Die Ergebnisse sind eine Katastrophe«, sagt Stephan Dorgerloh, früherer Kultusminister in Sachsen-Anhalt. Er fordert »einen handfesten Aktionsplan von Politik, Verwaltung, Praxis und Wissenschaft«. Und Dorgerloh hat auch schon eine Idee, wie dieser Aktionsplan aussehen könnte. Die plakativste Forderung seines Fünfpunkteplans: ein verpflichtender Kita-Besuch für alle Kinder ab vier Jahren – man könnte das auch als vorgezogene Schulpflicht beschreiben. Hier finden Sie den Gastbeitrag von Stephan Dorgerloh.

SPIEGEL-Buch

Beim Thienemann-Esslinger Verlag ist das neue SPIEGEL-Buch »Mach’s zu deinem Job! Berufe für eine nachhaltige Zukunft« von Helene Flachsenberg erschienen.

Um mit dem eigenen Beruf etwas zu bewegen, muss man keine Greta oder Malala sein. Ob als Servicetechniker für Windkraftanlagen, Diversity Trainerin oder Försterin – es gibt viele Wege, die Welt zu verbessern. Aber was macht eigentlich einen erfüllenden und sinnstiftenden Job aus? Welche Wege stehen nach Schule, Ausbildung oder Studium offen? Helene Flachsenberg zeigt in diesem innovativen Ratgeber, welche Branchen zu den eigenen Stärken und Bedürfnissen passen, welche Berufe im Bereich Nachhaltigkeit ganz neu entstanden sind und wie man erkennt, ob ein Unternehmen wirklich »grün« ist.

Wir verabschieden uns bis zum nächsten Mal. Bis dahin sind Sie gefragt: Haben Sie ein Thema auf dem Herzen, das wir uns einmal genauer anschauen sollten? Dann schreiben Sie uns gern an bildung@spiegel.de  – das Team der »Kleinen Pause« dankt für Ihr Interesse!

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