Armin Himmelrath

SPIEGEL-Bildungsnewsletter Dauerthema Digitalisierung

Liebe Leserinnen, liebe Leser, guten Morgen,

an diesem Dienstag zeigt sich der bildungspolitische Föderalismus mal wieder in seiner ganzen Pracht: In manchen Bundesländern gibt es zwei Wochen Pfingstferien (2 Bundesländer), anderswo eine Woche (1), in anderen Ländern zumindest noch einen freien Tag (4) oder ganz einfach regulären Unterricht (der Rest). Jeder Versuch, das schlüssig zu erklären, endet irgendwann in einem halbwegs resignierten »ist halt so«.

Das gilt auch für ein anderes Thema, das die Schulen in dieser Woche vielleicht noch ein bisschen mehr bewegen wird als zu anderen Zeiten. In Köln startet die Messe didacta der Bildungswirtschaft, und die versucht natürlich, Bildungsprodukte zu verkaufen. Seit Jahren ein Dauerthema, aber irgendwie nicht unbedingt ein Bestseller: die Digitalisierung und die dazugehörigen Geräte, Unterrichtsmaterialien und Konzepte. Warum es damit so schleppend vorangeht? »Ist halt so«, dürften an manchem didacta-Stand die Aussteller sagen und mit den Schultern zucken.

Sogar in den offiziellen Pressemitteilungen der Messe ist vom »steinigen Weg zur Bildung 4.0« die Rede. »Wir haben alle in den letzten Monaten bitter gelernt, dass wir früher mit der Digitalisierung der Schulen hätten beginnen müssen und auch mehr Kraft dort investieren müssen«, wird Britta Ernst zitiert, die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK). Allerdings stammt das Zitat aus dem Frühjahr 2021, kurz vor der letzten didacta. Mit gesundem Zynismus könnte man sagen: Wie gut, dass die Redenschreiber der Ministerinnen und Minister einfach auf das Material vom vergangenen Jahr zurückgreifen können.

Dieses Problem haben aber nicht nur die Chefs in den Ministerien, sondern auch die Akteure in der Bildungsforschung. »Wir haben eine zunehmende Digitalisierung oder Digitalisierungsbedarfe in allen Bildungsbereichen. In einem rasanten Tempo durchdringen digitale Medien den Alltag. Trotz dieser rasanten Verbreitung digitaler Medien bleibt der Einsatz in vielen Bildungseinrichtungen weiter hinter den außerinstitutionellen Lernkontexten zurück«, sagte Bildungsforscher Kai Maaz – am 23. Juni 2020 in der Bundespressekonferenz . Man muss leider sagen: Das gilt heute immer noch.

Vielleicht ist aber gerade Ihre Schule schon weiter – und Sie haben mit Ihren Kolleginnen und Kollegen Ideen entwickelt, wie Schulen bei der Digitalisierung von der Kriech- auf die Überholspur wechseln können? Erzählen Sie uns gerne davon: bildung@spiegel.de .

Wir wünschen Ihnen wieder viel Spaß mit unserem Newsletter »Kleine Pause« und hoffen, dass die eine oder andere Lese- und Handlungsanregung für Sie mit dabei ist.

Herzliche Grüße
Armin Himmelrath

für das Bildungsteam des SPIEGEL

Foto:

Friso Gentsch / picture alliance / dpa

Das ist los

1. Der Wunschzettel der Schulleiter

Über 4000 Schulen in prekärer Lage will die Bundesregierung laut Koalitionsvertrag mit einem zusätzlichen (und vor allem: selbstverwalteten!) Etat fördern – und noch mal 4000 weitere mit Stellen für sozialpädagogische Fachkräfte. Klingt super, oder? Doch über Ankündigungen ist das Programm bisher nicht hinausgekommen.

Da lohnt der Blick nach Norden: Ein Bundesland zeigt schon mal, wie es gehen könnte mit der Sonderförderung für Schulen an Brennpunktstandorten. Gleichzeitig machen die Schulleitungen von betroffenen Schulen klar: Wer wirklich etwas verbessern will, muss Geld in die Hand nehmen und darf sich nicht auf zeitlich begrenzte Programme verlassen. Hier lesen Sie die ganze Geschichte.

Passend dazu fordert der im Internet äußerst aktive Lehrer Bob Blume ein »Pflichtfach Veränderung« für die Schulen. Sein Gastbeitrag in der »Zeit«  ist genauso lesenswert wie sein Interview mit dem SPIEGEL, auf das wir hier gerne noch mal hinweisen .

2. Der Wunschzettel der Gewerkschaften

Große Unzufriedenheit gibt's derzeit bei den Lehrergewerkschaften, wenn es um die Integration ukrainischer Kinder und Jugendlicher geht. Denn die kommt nur zögerlich voran – und die Zahlen der geflüchteten Schülerinnen und Schüler steigen immer weiter. Man müsse aus dem Durchwurschtelmodus endlich mal zu einem strukturierten, nachhaltigen Vorgehen kommen, sagen die Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter.

Grundschulklasse in Dresden

Grundschulklasse in Dresden

Foto: Robert Michael / dpa

Bei den Kultusministerinnen und -ministern sorgt das für Kopfschütteln: In deren Selbstwahrnehmung läuft das mit der Integration gerade ziemlich gut, zumal man sich auf die Erfahrungen von 2015 stützen könne. Die aktuellen Zahlen der KMK zu den Kindern und Jugendlichen aus der Ukraine im deutschen Schulsystem finden Sie hier  – Ende Mai waren es bereits über 125.000 Schülerinnen und Schüler, ein Plus von 2391 gegenüber der Vorwoche.

3. Der Wunschzettel der Opposition

Astrid-Sabine Busse, die SPD-Bildungssenatorin in Berlin, steht unter politischem Beschuss. Die CDU wirft ihr »völliges Versagen« vor – beim Lehrermangel, bei der Integration von Schülerinnen und Schülern aus der Ukraine und beim Mangel an Unterrichtsräumen und Schulplätzen, der in der Hauptstadt besonders groß zu sein scheint. Man könnte auch sagen: bei so ziemlich allen Herausforderungen, vor denen die Berliner Schulpolitik gerade so steht. So wissen derzeit rund 170 angehende Siebtklässler noch gar nicht, wo sie nach den Ferien unterrichtet werden, wie der »Tagesspiegel« meldet . Und die Sommerferien in Berlin beginnen bereits am 7. Juli.

4. Und sonst?

Amtsgericht Weimar

Amtsgericht Weimar

Foto:

Steve Bauerschmidt / IMAGO

Erinnern Sie sich an den Familienrichter in Weimar, der in einer umstrittenen Entscheidung die Coronaregeln an Schulen aufgehoben hatte? In der Szene der sogenannten Querdenker wurde er gefeiert – nun hat die Staatsanwaltschaft Anklage wegen Rechtsbeugung erhoben. Dem Mann droht eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren. In der Anklage heißt es, der Richter habe sich bei seiner Entscheidung in schwerwiegender Weise von Recht und Gesetz entfernt, um die angebliche Unwirksamkeit und Schädlichkeit staatlicher Maßnahmen zur Bekämpfung der Coronapandemie öffentlichkeitswirksam darzustellen.

Gut zu wissen

Wissen Sie, wer Julian und Bibi sind? Und warum Sie als Lehrkraft zumindest ansatzweise über das Leben der beiden Bescheid wissen sollten? Wie die Trennung der Influencer das Schuljahresende beeinflusst (und wer die beiden überhaupt sind), hat unsere Kollegin Bettina Weiguny launig in der »FAZ« zusammengefasst .

Julian und Bibi sind Ihnen zu unpolitisch? Na gut, dann lernen Sie doch einfach Janina Pondorf kennen. Die 15-Jährige engagiert sich bei Fridays for Future – und hatte deshalb irgendwann ein Einsatzkommando des Staatsschutzes in ihrem Zimmer stehen. Die Kollegen vom Bayerischen Rundfunk berichteten über den Vorfall . Beides – Julian & Bibi und der Kampf für den Klimaschutz – sind Themen, für die sich viele Ihrer Schülerinnen und Schüler garantiert interessieren.

SPIEGEL Ed

So arbeiten Journalistinnen und Journalisten: Unterrichtsmodule für Ihren Unterricht

SPIEGEL Ed ist die Bildungsinitiative des SPIEGEL, mit der wir Schülerinnen und Schülern die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten näherbringen möchten. Das ist für Sie als Schule kostenfrei. Hinweise zu den aktuellen Workshops, Videos und anderen Materialien finden Sie hier. Wir freuen uns, wenn Sie unsere Angebote nutzen! Auf der Website können Sie übrigens auch noch mal in allen früheren Ausgaben der »Kleinen Pause« stöbern.

Die nächste »Kleine Pause« erscheint am 21. Juni 2022. Bis dahin!