Armin Himmelrath

SPIEGEL-Bildungsnewsletter Mehr Elternbeteiligung – oder mehr Elternpflichten?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wie groß sollte der Einfluss von Eltern auf die Arbeit in den Schulen sein? Die Frage ist ein bisschen tricky, schließlich kommt es ganz darauf an, wessen Perspektive man einnimmt.

Mehr Mitbestimmung wünscht sich zum Beispiel der Landeselternbeirat (LEB) in Baden-Württemberg: Eltern spielten in der Schulpolitik kaum eine Rolle, die dominanten Meinungsmacher seien die Verbände der Lehrkräfte.

»Als Eltern wird man nicht in dem Maße gehört, wie es für einen Kunden angemessen wäre«, hatte der LEB-Vorsitzende Michael Mittelstaedt der »Schwäbischen Zeitung« gesagt: »Auch jemand, der wenig Geld hat, vielleicht kein Deutsch kann oder einfach unsympathisch ist, muss sein Kind in der Schule abgeben können und sicher sein, dass es genauso gefördert wird wie das Akademikerkind.«

Ein Vetorecht für Eltern?

Und dann legte Mittelstaedt in der »Südwest-Presse« nach : Eltern sollten in grundlegenden Fragen der Bildungspolitik ein »Vetorecht« haben, um nicht nur »schmückendes Beiwerk« zu sein, »das in vollkommen unerheblichen Fragen mitwirken darf, indem es angehört wird«.

Jetzt hat Baden-Württemberg mit Winfried Kretschmann ja einen ehemaligen Lehrer als Landesvater, der nicht auf den Mund gefallen ist – und der keilte auch prompt zurück: »Wir brauchen keine stärkere formalisierte Mitbestimmung der Elternverbände über das hinaus, was wir schon haben«, sagte der Grünenpolitiker der Deutschen Presse-Agentur: Es sei sicherlich nicht sinnvoll, dass die Eltern, die sowieso schon überengagiert seien und ihre Kinder bis ins Klassenzimmer begleiteten, dann noch präsenter seien – und die anderen, die eigentlich kommen sollten, nach wie vor nicht zum Elternabend kämen. Damit sei nichts erreicht, so Kretschmann. Im Übrigen sollten sich die Eltern mal an die eigene Nase fassen: »Es mangelt teilweise an Kooperation.«

Im Webportal »News4Teachers«  drehte eine Lehrerin an einer weiterführenden Schule den Spieß um: »Es muss auch endlich wieder Verantwortung an Eltern abgegeben werden«, fordert sie: »Eltern haben Rechte und das ist gut und richtig, aber auch Pflichten. Gut gemeint ist nicht gut gemacht.« Was wiederum Reaktionen von Eltern herausforderte, die eben doch die Schule in der Verantwortung sehen .

Lehrkräfte am Limit?

Was uns zu der Frage führt: Wie nehmen Sie die Rolle der Eltern an den Schulen wahr? Mischen sich Väter und Mütter zu sehr ein? Oder müsste man sie noch viel stärker in die Pflicht nehmen? Schreiben Sie uns gerne an bildung@spiegel.de , wir freuen uns auf die Debatte.

Außerdem in der »Kleinen Pause« diese Woche: die Integration der geflüchteten Kinder und Jugendlichen aus der Ukraine. Sie spielt sowohl bei einer bundesweiten Umfrage unter Schulleitungen eine Rolle als auch bei unserem Interview mit der neuen KMK-Präsidentin (»Das ist los«).

Und dann ist da noch ein junger Lehrer aus dem Rheinland, der sich wundert, wie wenig sich die Bildungspolitik auf ein – aus seiner Sicht – riesengroßes Problem vorbereitet: das Ausfallen eines kompletten Abiturjahrgangs in den Bundesländern, die von G8 wieder zu G9 zurückgekehrt sind (»Debatte der Woche«).

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre!

Armin Himmelrath
für das Bildungsteam des SPIEGEL

Das ist los

1. Brauchen wir die KMK noch?

Viermal jährlich (bei Bedarf auch öfter) treffen sich die Bildungs-, Schul- und Kultusminister und -senatorinnen der Länder zur gemeinsamen Kultusministerkonferenz, der KMK. Und was kommt dabei heraus? Viel zu wenig, wenn es nach Franziska Brandmann geht. »Das Wirrwarr an Zuständigkeiten in der Bildungspolitik ist die Wurzel des Problems«, sagt die Bundesvorsitzende der Jungen Liberalen im SPIEGEL : »Die zahlreichen Akteure und Ebenen schieben sich gegenseitig den Schwarzen Peter zu, Bund, Länder und Kommunen.«

Brandmann zieht daraus eine provokante Folgerung: »Die KMK hat ihre Aufgaben in den letzten Jahren nicht erfüllt. Wer sonst trägt die Verantwortung dafür, dass immer weniger Viertklässler die Mindeststandards erreichen? Wenn sie keine Vorschläge hat, wie sich der Trend umkehren lässt – welchen Sinn hat die KMK dann noch?« Die Ministerinnen und Minister müssten sich eingestehen, »dass sie in zentralen Fragen keine Antworten haben«.

Naturgemäß etwas anders sieht das die neue Präsidentin der gescholtenen Institution, die Berliner Schulsenatorin Astrid-Sabine Busse (SPD). Im SPIEGEL-Interview beschwört sie  »eine neue Stärke« der KMK: »Die Not der Pandemie hat uns als Ministerinnen und Minister zusammengeschweißt.« Dass die Truppe in der Öffentlichkeit häufig als uneiniger Haufen wahrgenommen werde, sei völlig unbegründet: »Bei unserer letzten Sitzung Anfang Dezember habe ich eine große Einigkeit wahrgenommen. Da lief fast alles einstimmig durch, geprägt von Kompromissen und Konsens.«

Ob das vielleicht alles nur eine Frage der Wahrnehmung ist? Proteste von Lehrerinnen und Lehrern gegen schlechte Arbeitsbedingungen und Überlastung jedenfalls will Busse in Berlin nicht künstlich vergrößern: »Wenn Sie schauen, wer die Kümmernisse aufzählt und demonstriert, ist das eine deutliche Minderheit.« Klar, der Beruf sei »wahnsinnig anspruchsvoll und anstrengend. Da muss man schon resilient sein, das möchte ich überhaupt nicht kleinreden. Aber es ist auch ein schöner, sinnstiftender Beruf.«

Das lassen wir mal so stehen.

2. Lehrkräfte am Limit

Das Stichwort »Überlastung« fiel ja beim Blick auf die Lehrkräfte gerade schon, und einen Hinweis darauf, dass es damit durchaus ernst sein könnte, liefern Zahlen einer Umfrage unter Schulleitungen an Gymnasien. Die fordern dringend mehr Unterstützung bei der Integration geflüchteter Kinder und Jugendlicher aus der Ukraine. Denn: Die Lehrkräfte können demnach einfach nicht mehr.

Auch bei anderen Ressourcen mangelt es der Umfrage zufolge. Beispiel: Digitalisierung. Gut drei Jahre nach dem Start des Digitalpakts herrscht an den befragten Gymnasien Enttäuschung über die Umsetzung – und das, obwohl diese Schulform noch verhältnismäßig gut mit Technik ausgestattet ist.

3. Lehrkräftemangel? Kein Thema mehr…

…das wäre eine gute Nachricht zum neuen Jahr. Die Realität sieht allerdings ganz anders aus. Thüringens Kultusminister Helmut Holter (Linke) und der frühere SPD-Staatssekretär für Bildung in Berlin, Mark Rackles, haben deshalb ein paar neue Ideen für den Umgang mit dem Problem zusammengetragen: den Verzicht auf verpflichtende Uni-Abschlüsse für Lehrerinnen und Lehrer, das Lehramt als duales Studium und sogar eine Absenkung der fachlichen Ansprüche. Ganz schön starker Tobak? Hier finden Sie mehr.  

Und dazu passt auch etwas, das eher selten vorkommt: Ein Landesschülerrat verteilt Lob an die Kultusministerin. In Niedersachsen kam es dazu, nachdem Julia Willie Hamburg (Grüne) gesagt hatte: »Mindestens zehn Jahre werden wir durch eine Talsohle gehen, wo wir nicht ausreichend Lehrkräfte haben werden.« Reaktion der Schülerinnen und Schüler: »Endlich eine Prognose, die ehrlich ist.«

Ebenfalls passend: der Blick des Kollegen Paul Munzinger in der »Süddeutschen Zeitung« auf die Zahlen  rund um den Lehrkräftemangel in Deutschland. Und er steigt mit einem plakativen Beispiel ein, wie sich die Politik die Lehrerversorgung schönrechnet: »2021 durften sich, rein mathematisch gesprochen, 115 Prozent der fertigen Referendare über eine Stelle freuen, so steht es in der Übersicht der Kultusministerkonferenz. 2019 waren es sogar 125 Prozent. Es ist ein bisschen wie ein Bäcker, der 100 Teiglinge in den Ofen schiebt und 125 fertige Brote wieder herauszieht. Kann das mit rechten Dingen zugehen?« Lesenswert.

4. Und sonst?

Bei Schulnoten wird ja immer mal wieder die Sinnfrage gestellt. Jetzt hat das mit Helmut Holter auch ein Landesminister gemacht – eher flapsig, eher nebenbei auf die Frage eines MDR-Reporters. Sportunterricht ohne Noten, ob das denkbar sei? Ja, wurde der Linkenpolitiker zitiert, aus seiner persönlichen Sicht sollte der Leistungsdruck in den Hintergrund treten, wenn es darum gehe, Kinder in Bewegung zu bringen. Insofern unterstütze er eine Debatte über die Notenfrage. Welche Debatte das ausgelöst hat, können Sie hier lesen .

Debatte der Woche

Tschö G8, willkommen G9 - tschö, Lehrkräfte!

Christopher Kohl (29) arbeitet an einem Gymnasium in Neuss. Er schloss 2021 sein Referendariat in den Fächern Deutsch und Geschichte in Köln-Buchheim ab – und wundert sich sehr über die bildungspolitische Nonchalance, mit der beispielsweise die NRW-Landesregierung die Rückkehr von G8 zu G9 an den Gymnasien handhabt. Hier ist sein Gastkommentar:

»Der erste G9-Jahrgang rollt in Nordrhein-Westfalen auf die Oberstufe zu. NRW will das nutzen, um Personalprobleme an anderen Schulformen zu beheben, indem es Lehrkräfte der weiterführenden Schulen an andere verschiebt.

Sie wissen nicht, wie das gehen soll? Sie wundern sich, weil doch kein Kind weniger diese Schulen besuchen wird? Da kennen Sie die Stellenplaner des Landes aber schlecht! Hier eine kurze Übersicht über das, was derzeit läuft und demnächst passieren wird.

Die Probleme des Landes:

  • Deutschland plagt der Lehrermangel. NRW auch.

  • Der Lehrermangel betrifft grundsätzlich die Grundschulen und Berufskollegs. In allen Schulformen fehlt es an Leuten, die Naturwissenschaften unterrichten können.

  • In einigen Fächern (Deutsch, Geisteswissenschaften) gibt es ein Überangebot an Lehrkräften für die Sekundarstufe II.

Die Ausgangslage:

  • Im Sommer 2023 kommt der erste G9-Jahrgang in die 10. Klasse, nicht in die Oberstufe. Zwischen 2023 und 2026 gibt es also nur zwei Oberstufenjahrgänge pro Schule, nicht wie üblich drei. Dies nennt man den »Weißen Jahrgang«.

  • Das benachteiligt Schulen beim Personalschlüssel. Die Lehrer-Schüler-Relation wirkt sich in der Sekundarstufe II positiver auf den Stellenplan aus als in der Unter- und Mittelstufe (Sek I).

  • Obwohl ab Sommer kein Kind weniger die Schulen besucht, sinkt das Volumen der Stellenpläne. Viele Schulen haben ab Sommer 2023 rein rechnerisch zu viele Lehrkräfte im Stellenplan. Sie befinden sich »im Überhang«.

  • Ab 2026 gibt es wieder deutlich mehr Planstellen, weil es dann wieder drei Oberstufenjahrgänge gibt.

Die Lösungsvorschläge des Landes:

  • Die Lehrkräfte aus Sek-II-Schulen, die an scheinbar überbesetzten weiterführenden Schulen arbeiten, werden an unterbesetzte Schulen (meist Grundschulen und Berufskollegs) abgeordnet.

  • Der Radius des möglichen Einsatzorts rund um den Wohnort wird dazu von 35 Kilometer auf 50 Kilometer erweitert.

  • Die Gehälter für alle verbeamteten Lehrkräfte sollen bis 2026 auf A13-Niveau angehoben werden.

Die Probleme der weiterführenden Schulen:

  • Der Stellenplan verkleinert sich, der Bedarf bleibt de facto gleich.

  • Die Schulen entscheiden, wer »aus dem Überhang« an andere Schulen abgeordnet wird.

  • Beispiel: Wenn ich frisch an einem Kölner Gymnasium angefangen habe, kann ich ab Sommer 2023 bis 2026 an eine Grundschule in 50 km Umkreis abgeordnet werden – ohne, dass ich etwas dagegen tun kann.

  • 2026 vergrößern sich die Stellenpläne, es ist aber unklar, ob alle Abgeordneten dann zurückkehren – was spätestens 2026 zu riesigem Personalmangel führt, denn…

  • …die Anzahl an Lehramtsstudent:innen und Referendar:innen sinkt überall.

Noch schlimmer: Wer gerade für eine Fremdsprache wie Spanisch ausgebildet wird, muss bis 2026 hoffen, sich mit befristeten Vertretungsstellen ernähren zu können. Denn niemand braucht das Fach an Grundschulen und Berufskollegs.

Die Behauptung, NRW würde »den Lehrermangel gezielt bekämpfen«, führt daher in die Irre. Denn die Landesregierung schichtet Lehrkräfte kurzfristig um. Sie behebt das Grundproblem (Personalknappheit) nicht. Dafür müsste sie die Attraktivität des Berufs erhöhen (Geheimtipps: Wochenstunden & Arbeitslast reduzieren, Verwaltungsaufgaben herunterfahren, Verwaltungspersonal einstellen).

Neueinstellungen sind bis 2026 ausgeschlossen. Die Schüler:innen, Eltern, Schulen und Lehrkräfte gucken währenddessen in die Röhre – mal wieder.«

Neu bei SPIEGEL ed: überarbeitete Kursversion »Gute Nachrichten!«

Der im Schuljahr 2022/2023 aktualisierte Kurs enthält drei neue Vertiefungsworkshops, die sich mit den dringenden Fragen unserer Zeit zu Medienkonsum, Darstellung und Diskriminierung von Minderheiten auseinandersetzen:

1. »Alles Fake? Wie erkenne ich seriöse Nachrichten?«,
2. »Me, Myself and AI – Algorithmen in den Medien«,
3. »Diskriminierende Sprache in den Medien – ›Spieglein, Spieglein an der Wand, was ist los im Medienland?‹«

Im Sinne rassismuskritischer und diversitätsorientierter Bildungsansätze wurde das Kursformat zielgruppengerecht und niedrigschwellig überarbeitet. Der Kurs kann vor Ort oder digital via Zoom stattfinden.

Alle Infos zu den für Sie kostenfreien Kursen finden Sie hier.

Damit verabschieden wir uns bis zum nächsten Newsletter. Wenn Sie ein Thema haben, das wir uns einmal näher anschauen sollten, dann schreiben Sie uns gerne an bildung@spiegel.de  – das Team der »Kleinen Pause« dankt für Ihr Interesse!

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