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Lernen in der Pandemie »Statt Schulen die Biergärten geöffnet«

Ludger Wößmann, 49, leitet das Zentrum für Bildungsökonomik am Münchner ifo Institut. Er und sein Team haben zum Lernen unter Coronabedingungen geforscht.
aus DER SPIEGEL 47/2022

SPIEGEL: Wie hat sich die Coronapandemie bislang für die deutschen Schülerinnen und Schüler ausgewirkt?

Wößmann: Gesundheitlich scheint das Virus für Kinder und Jugendliche ja weniger gefährlich gewesen zu sein als für Erwachsene. Aber sie müssen schwere Langfristfolgen der Coronapolitik tragen: Ihre Lernlücken durch Schulschließungen und Fernunterricht sind teilweise sehr groß. Das hat Folgen für ihre Bildungskarrieren und ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Aus: DER SPIEGEL 47/2022

Der Wohn-Frust

Erst stiegen die Mieten, dann die Kaufpreise, nun die Zins- und Energiekosten. Der Markt für Immobilien ist außer Kontrolle geraten, auch die Hilfsprogramme der Bundesregierung werden daran wenig ändern. Es tickt eine gesellschaftliche Zeitbombe, wenn das Wohnen unbezahlbar wird.

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SPIEGEL: Ist es denn erwiesen, dass eine solche Generation Corona existiert?

Wößmann: Beim Lesen und in Mathematik liegen Viertklässler mehrere Monate hinter dem Stand zurück, den Gleichaltrige früher zu diesem Zeitpunkt aufwiesen. Mehrere Untersuchungen anderer Institute kamen hier zu dramatischen Befunden. Wir selbst haben ermittelt, dass Kinder und Jugendliche mehr Zeit vor dem Bildschirm verbrachten, aber eher mit Spielen als mit Unterricht. Deutschland ist dabei, ganze Kohorten relativ unvorbereitet ins Leben zu entlassen.

SPIEGEL: Liegt das allein an Corona?

Wößmann: Die Lernleistungen und Kompetenzen sind schon seit etwa zehn Jahren rückläufig. Aber seit Corona hat sich der Niedergang beschleunigt.

SPIEGEL: Was hat die Politik falsch gemacht?

Wößmann: Sie hat die falschen Prioritäten gesetzt und statt den Schulen eher die Biergärten wieder geöffnet. In anderen Staaten, die früher dran waren, sind die Lernverluste längst nicht so groß. Kinder nehmen im normalen Schulbetrieb am meisten auf. Ich kann die Vorsicht in der Frühphase der Pandemie verstehen, aber wir hätten früher wieder zum normalen Lernen kommen müssen.

SPIEGEL: Wer hat am meisten gelitten?

Wößmann: Sozial schwache Kinder, die zu Hause nicht so unterstützt wurden wie Kinder aus dem Bildungsbürgertum. Aber machen wir uns nichts vor: Belastet sind nicht nur die Kinder der anderen. Die Lernverluste ziehen sich durch alle Schichten, und ich denke, die meisten Eltern haben das inzwischen auch gemerkt.

SPIEGEL: Wie lässt sich aufholen, was während Corona versäumt wurde?

Wößmann: Es gibt Aufholprogramme und Fördermittel, aber ich sehe da keine große Strategie. Es wurde noch nicht einmal erhoben und aufgearbeitet, welche Mängel genau in den Schulen während der Coronazeit aufgetreten sind. Da fehlte es an der wissenschaftlichen Begleitung, und politisch wollte man es auch nicht wissen.

FRI
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