Straftaten von Jugendlichen "Die These der lebenslangen Kriminalität lässt sich nicht halten"

Jugendliche begehen Straftaten - und das ist ganz normal. Das Problem erledige sich fast von selbst, erklärt Kriminologe Klaus Boers – wenn Schule und Elternhaus ein bisschen mithelfen.
Ein Interview von Swantje Unterberg
Foto: filo/ Getty Images

SPIEGEL: Herr Boers, einmal kriminell, immer kriminell: Trifft das auf Kinder und Jugendliche zu?

Boers: Das Gegenteil ist der Fall. Außerdem ging man davon aus, dass Kinder, die sehr früh auffällig werden, eine schlechte Prognose haben. Doch beides trifft so nicht zu. Die These der lebenslangen Kriminalität lässt sich nicht halten.

SPIEGEL: Woher kommt das Vorurteil?

Boers: Daher, dass man die Biografien lange im Rückblick analysiert hat. Wenn Sie sich den Lebenslauf eines Häftlings anschauen, dann sehen sie oft: Der war schon im Jugendknast. Aber das ist, als würden Sie Zigarettenrauchen als Indikator für Heroinkonsum nehmen. Im Rückblick haben Heroinkonsumenten auch Zigaretten geraucht. Aber andersrum greifen die meisten Zigarettenraucher natürlich nicht zu Heroin.

SPIEGEL: Schauen wir auf die Zahlen. Wie viele Jugendliche sind kriminell?

Boers: Eigentlich begehen alle Jugendlichen irgendwann mal ein bis zwei Delikte. Lässt man Schwarzfahren, Internetdelikte und Drogenkonsum raus, dann geben 84 Prozent der Jungen und 69 der Mädchen zwischen dem 13. und 18. Lebensjahr an, zumindest schon einmal geklaut, etwas zerstört oder jemanden geschlagen zu haben. In der Regel natürlich leichte Taten. Die Hälfte von ihnen begeht ein weiteres Delikt, dann wieder die Hälfte ein viertes und so weiter. Am Ende bleibt eine kleine Gruppe von Intensivtätern, so fünf bis acht Prozent. Die sind das eigentliche Problem.

SPIEGEL: Dass alle Jugendlichen irgendwann mal straffällig werden, klingt aber auch schon nach einem Problem.

Boers: Sie können es auch als Chance sehen. Regeln und Normen lernen sie ja nicht in der Theorie, sondern wenn sie verletzt werden. Dann wird im Elternhaus oder in der Schule darüber gesprochen und Normen werden verinnerlicht. Die Arbeit muss pädagogisch gemacht werden.

SPIEGEL: Hart durchgreifen bringt also nichts?

Boers: Es geht nicht um hart oder weich, sondern um angemessene Sanktionen. Dabei muss man wissen: Gerichtliche Strafen haben relativ wenig Effekte, das kann sich bei unangemessenen Urteilen sogar ins Gegenteil verkehren. Der Rückgang der Kriminalität ab Mitte des Jugendalters ist hingegen so stark, den würden Sie nie durch Prävention oder die Justiz hinbekommen.

SPIEGEL: Das heißt, die Jugendkriminalität erledigt sich quasi von selbst?

Boers. Im Prinzip ja. Was bei den Jugendlichen passiert, nennt man Spontanbewährung. Spontan heißt, aus sich selbst heraus. Das kommt aber nicht aus den Jugendlichen, sondern wird aus der Gesellschaft heraus geregelt. Das ist im Wesentlichen eine Sozialisationsleistung in den Schulen und Familien.

Die Studie wurde an der Uni Münster und der Uni Bielefeld unter der Leitung von Klaus Boers und Jost Reinecke durchgeführt. Die Wissenschaftler befragten von 2002 bis 2019 in Duisburg rund 3000 junge Menschen zwischen dem 13. und 30. Lebensjahr nach selbst begangenen Delikten sowie Einstellungen, Werten und Lebensstilen. Die Befragung wurde zunächst jedes Jahr und später alle zwei Jahre durchgeführt. Zusätzlich werteten sie Daten über Verurteilungen und Verfahrenseinstellungen aus. Die Angaben und Daten der Studie beziehen sich ausschließlich auf Duisburg, lassen sich nach Angaben der Wissenschaftler aber auf andere deutsche Großstädte übertragen.

SPIEGEL: Welche Erziehungsmethoden sind erfolgreich?

Boers: Wichtig ist ein partnerschaftlicher Erziehungsstil. Also dass die Eltern mit dem Kind reden, wenn es Probleme gibt, dass das Kind auch mal in den Arm genommen wird und signalisiert bekommt, dass es jederzeit zu seinen Eltern hingehen kann.

SPIEGEL: Und was kann die Schule tun?

Boers: Das Wichtigste ist das Verhältnis zum Klassenlehrer. Es gibt mittlerweile viele Angebote, vom Konflikttraining bis zum sozialen Kompetenztraining. Das ist alles prima. Aber entscheidend ist die Schüler-Lehrer-Beziehung: Kann ich mich vertrauensvoll an einen Lehrer wenden, wenn ich ein persönliches Problem habe? Fühle ich mich gerecht behandelt? Geht der Lehrer auf Probleme in der Klasse ein?

SPIEGEL: Wie sollten Lehrer auf Probleme reagieren?

Boers: Sie sollten die Grenzen des Erlaubten klar machen. Je früher sie das tun, umso kleiner ist die Dosis und umso erfolgreicher ist die Verhaltenssteuerung. Besonders Sozialpädagogen sind in der Lage, sachlich zu intervenieren, ohne den Schülern persönlich zu nahe zu treten. Man könnte sich also anschauen, inwieweit bei Lehrern eine sozialpädagogische Zusatzausbildung sinnvoll wäre.

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SPIEGEL: Und was macht man mit den Jugendlichen, bei denen sich das Problem nicht wie von selbst erledigt?

Boers: Das Überraschende an unseren Ergebnissen ist, dass selbst die Hälfte der früh auffälligen Intensivtäter schon bald einfach wieder aufhört. Wir analysieren gerade noch, was sie zum Ausstieg bringt. Es gibt nämlich kaum Unterschiede zu den anderen Intensivtätern. Sie haben etwas weniger Gewalt zu Hause erfahren. Und sie gehen in der Schule etwas besser mit.

SPIEGEL: Und was hilft bei den älteren Intensivtätern?

Boers: Zwei Dinge bringen sie zum Ausstieg: Zum einen der Aufbau neuer sozialer Beziehungen, also stabile Partnerschaften Freundeskreise oder ein reguläres Arbeitsverhältnis. Zum anderen, wenn sich die Täter mit ihrem Lebensstil auseinandersetzen und ihr Selbstbild infrage stellen.

SPIEGEL: Die Justiz ist bei Jugendlichen also die letzte, die hilft?

Boers: Jugendstrafen sollten immer das letzte Mittel sein. Die Null-Toleranz-Politik, wie sie derzeit in Nordrhein-Westfalen diskutiert wird, widerspricht unseren Erkenntnissen und praktischen Erfahrungen. Erfolgreiche soziale Kontrolle beruht nicht darauf, dass wir alles verfolgen. Die Kunst des Pädagogen ist, die Verhaltensweisen herauszusuchen, an denen man am besten demonstrieren kann, welche Regeln gelten sollen.

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