Streit über Corona-Schulkonzepte "Das kann man schon als unverschämt bezeichnen"

Solingen will die Schulklassen zum Infektionsschutz halbieren, die Landesregierung verbietet das. Schulleiter Tempel erklärt, warum er das Verbot ignoriert hat – und auch eine Abmahnung in Kauf nimmt.
Ein Interview von Armin Himmelrath
Schülerin beim Lernen (Archivbild)

Schülerin beim Lernen (Archivbild)

Foto: Sebastian Gollnow/ dpa

Dicke Luft in Solingen: Weil Gesundheits- und Schulministerium in Nordrhein-Westfalen der Stadt verboten haben, die Hälfte der Schülerinnen und Schüler digital zu unterrichten, formiert sich Protest. Oberbürgermeister Tim Kurzbach kündigte an, gegen die Weisung aus Düsseldorf zu remonstrieren – die einzig erlaubte Form des Protests von Beamten gegen eine ihrer Meinung nach rechtswidrige Anordnung.

Eltern- und Lehrerverbände hatten die Entscheidung der Landesregierung gegen den Schichtunterricht ebenfalls scharf kritisiert. Und Lucas Braecklein, Vater von drei Kindern, erstattete Strafanzeige gegen Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) und Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) – wegen vorsätzlicher Körperverletzung und wegen des Aufrufs zum Verstoß gegen die Corona-Schutzverordnung.

In der Verordnung heißt es: "Jede (…) einsichtsfähige Person ist verpflichtet, sich so zu verhalten, dass sie sich und anderen keinen vermeidbaren Infektionsgefahren aussetzt." Genau das aber, sagte Braecklein auf SPIEGEL-Anfrage, täten die Ministerin und der Minister: "Durch den Erlass werden die Risiken nicht minimiert, sondern vorsätzlich erhalten. Das ist in meinen Augen ein Skandal." Die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft bestätigte den Eingang der Strafanzeige. Jetzt werde geprüft, ob ein Anfangsverdacht bestehe.

Trotz des Verbots aus Düsseldorf fand am Mittwoch an der Alexander-Coppel-Gesamtschule in Solingen geteilter Unterricht statt. Schulleiter Andreas Tempel erklärt, warum.

SPIEGEL: Herr Tempel, Sie haben am Mittwoch an Ihrer Schule mit geteilten Schulklassen gearbeitet, obwohl das Land Nordrhein-Westfalen genau das zuvor per Anweisung untersagt hatte. Warum riskieren Sie disziplinarrechtliche Maßnahmen, vielleicht sogar Ihren Job?

Tempel: Weil ich einen Amtseid geschworen habe und es mein Auftrag ist, die Menschen an meiner Schule zu schützen. Dazu gehört auch der Gesundheitsschutz in Sachen Corona. Die Stadt Solingen hat ein ausgesprochen gutes Konzept vorgelegt, nach dem wir im November nur jeweils eine Hälfte der Schülerinnen und Schüler im Klassenraum haben sollten und die andere zu Hause vor dem Bildschirm. Das hätte für deutlich mehr Abstände nicht nur in den Klassen, sondern zum Beispiel auch in den Schulbussen gesorgt. Mich hat die Mail mit dem Verbot dieses Konzepts durch Schul- und Gesundheitsministerium erst am Dienstag nach 17 Uhr erreicht. Und da war es dann leider schon zu spät, um den geteilten Unterricht für den kommenden Tag noch abzusagen.

Zur Person
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privat

Andreas Tempel, Jahrgang 1959, ist Schulleiter an der Alexander-Coppel-Gesamtschule in Solingen. Außerdem ist er im Vorstand der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule (GGG) aktiv und dort Sprecher der Gesamt- und Sekundarschulen im Bergischen Land.

SPIEGEL: Andere Schulen in Solingen haben das doch auch hinbekommen.

Tempel: Ehrlich gesagt wollte ich das am Dienstagabend auch nicht mehr sehen. Wir haben in dieses Konzept wahnsinnig viel Arbeit reingesteckt. Meine Kolleginnen und Kollegen haben am Montag noch bis in die Nacht hinein daran getüftelt, wie man unser komplexes Kurssystem mit seinen unterschiedlichen Differenzierungen so umbauen kann, dass jederzeit rund 450 Schülerinnen und Schüler auf Distanz unterrichtet werden können und trotzdem alle Kurse stattfinden. Das hat am Mittwoch dann übrigens auch gut funktioniert. Das Schulministerium wusste seit fast einer Woche von diesen Plänen – und hat sich trotzdem aufreizend viel Zeit gelassen, bevor es sein Verbot bekannt gegeben hat. Das kann man schon als unverschämt bezeichnen.

SPIEGEL: Das Ministerium sagt: Die Stadt hat zu spät informiert, außerdem verschärfe der sogenannte Solinger Weg mit dem Schichtunterricht die Bildungsungerechtigkeit.

Tempel: Ich finde es ja toll, dass die FDP-Schulministerin jetzt die Bildungsgerechtigkeit als Thema entdeckt. Wirklich! Aber uns als Gesamtschule Bildungsungerechtigkeit vorzuwerfen – da geht mir schon die Hutschnur hoch. Frau Gebauer liegt hier leider völlig daneben: Die Stadt Solingen hat 3500 Endgeräte für bedürftige Kinder und Jugendliche angeschafft, 140 davon haben wir bei uns verteilt. Das Konzept der Stadt ist organisatorisch, technisch und pädagogisch absolut überzeugend. An unserer Schule haben wir ein tolles, engagiertes Kollegium, das hatte Pläne entwickelt, wie wir alle Kinder erreichen und mitnehmen können. Die Lehrerinnen und Lehrer haben am Mittwoch beim Schichtunterricht teilweise sogar ihr eigenes Datenvolumen zur Verfügung gestellt, damit wir den Unterricht im Hybridmodell abhalten können. Denn unsere Schule hat zwar ein Glasfaserkabel im Keller liegen, das wird aber erst im Dezember angeschlossen.

"Ich wünsche mir sehr, dass die Schulpolitik wieder an sachlichen und fachlichen Rahmenbedingungen ausgerichtet wird."

Andreas Tempel

SPIEGEL: Das klingt so, als sei am Mittwoch doch noch nicht alles rund gelaufen…

Tempel: Deshalb haben wir das Ganze ja auch als Testtag deklariert: Um herauszufinden, wo es hakt und wo wir uns noch verbessern müssen. Denn ich bin mir sicher, dass wir bei den aktuellen Infektionszahlen sowieso bald in den Distanzunterricht wechseln müssen. Am Mittwoch mussten wir zum Beispiel ganz kurzfristig die gesamte Jahrgangsstufe 12 in Quarantäne schicken – und ein halbes Dutzend Lehrkräfte dazu. Aber das will Frau Gebauer offenbar nicht wahrhaben.

SPIEGEL: Woher kommt Ihr Ärger über die Schulministerin und die Landesregierung?

Tempel: Es wird da möglicherweise aus parteipolitischen und nicht aus schulpädagogischen Gründen entschieden. Mir scheint, dass die Ambitionen des Ministerpräsidenten eine entscheidende Rolle spielen. Die Schulpolitik in diesem Land macht seit Monaten Herr Laschet: Der geht als Erster vor die Presse, dann folgt Frau Gebauer – und erst danach werden die Schulen informiert. Ich wünsche mir sehr, dass die Schulpolitik wieder an sachlichen und fachlichen Rahmenbedingungen ausgerichtet wird.

SPIEGEL: Sie teilen ganz schön aus. Haben Sie keine Angst vor dienstrechtlichen Konsequenzen?

Tempel: Ich habe am Mittwoch gesagt, dass ich mir, wenn ich eine Abmahnung bekomme, dieses Schreiben in einem goldenen Rahmen an die Wand hängen werde. Und am Donnerstagmorgen kamen Schülerinnen und Schüler der elften Klasse zu mir und haben mir einen goldenen Rahmen geschenkt. Mit einer Belobigung drin – dafür, dass ich mich für sie und ihre Gesundheit einsetze. Das war absolut bewegend. Und als ich dann mit diesem Rahmen in der Hand ins Lehrerzimmer kam, gab es Applaus. Sie können mir glauben: Dass die Kolleginnen und Kollegen dem Schulleiter applaudieren, ist wirklich nicht normal. Offenbar habe ich nicht alles falsch gemacht.

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