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Studentenwerk-Generalsekrär zu »Überakademisierung« »Von den Betrieben mit Kusshand genommen«

Ist Deutschland »überakademisiert«? Matthias Anbuhl ärgert sich über solche Aussagen. Der Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks fordert das Handwerk stattdessen auf, »selbst aktiv« zu werden.
Ein Interview von Armin Himmelrath
aus DER SPIEGEL 32/2022
Studierende im Hörsaal (in Hohenheim)

Studierende im Hörsaal (in Hohenheim)

Foto: Sebastian Gollnow / picture alliance/dpa

SPIEGEL: Herr Anbuhl, der Wirtschaft fehlen Auszubildende, Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer fordert eine »Bildungswende« und sagt, es sei ein »Irrweg«, dass so viele junge Leute studieren. Hat er recht?

Anbuhl: Natürlich nicht. Seine These einer angeblichen »Überakademisierung« unserer Gesellschaft lässt sich schon durch einen simplen Faktencheck entkräften: Akademiker:innen werden auf dem Arbeitsmarkt von den Betrieben mit Kusshand genommen. Mit einer Arbeitslosenquote von rund zwei Prozent herrscht unter ihnen nahezu Vollbeschäftigung.

SPIEGEL: Auch gute Verdienstmöglichkeiten im Handwerk werden in der Diskussion immer wieder genannt.

Anbuhl: Da hilft ein Blick in den Nationalen Bildungsbericht. Der zeigt, dass Menschen mit Studienabschluss höhere Stundenlöhne erhalten als Beschäftigte mit Berufsausbildung. Die Schere hat sich hier zwischen 2000 und 2019 sogar noch zusätzlich geöffnet. Der Markt gibt deshalb eine klare Antwort: Akademische Qualifikationen sind gefragt – auch bei den Unternehmen. Wer dem Fachkräftemangel ernsthaft begegnen will, sollte aufhören, berufliche und akademische Bildung gegeneinanderzustellen.

Aus: DER SPIEGEL 32/2022

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Ein Reich der Untertanen, die einen brutalen Angriffskrieg gutheißen – und aus dem die Oppositionellen fliehen. Wieso unterstützen so viele Menschen in Russland den Kriegsherrn Putin? Zwei SPIEGEL-Reporter erklären in persönlichen Texten ein Land, das sie gut kennen und das ihnen fremd geworden ist.

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SPIEGEL: Wie könnte ein solches Miteinander aussehen?

Anbuhl: Ob sich junge Menschen für eine Ausbildung oder ein Studium entscheiden, hängt von ihren Interessen, Begabungen, von attraktiven Arbeitsbedingungen und guten Verdienstmöglichkeiten ab. Hier liegen die Stellschrauben, an denen Betriebe drehen können. Da ist noch längst nicht alles ausgeschöpft.

SPIEGEL: Was meinen Sie damit?

Anbuhl: Es gibt fast 1,4 Millionen junge Menschen im Alter von 20 bis 29 Jahren ohne Berufsabschluss – viele von denen haben einen Hauptschul- oder einen mittleren Schulabschluss. Das ist ein enormes Fachkräftepotenzial, das noch nicht gehoben wurde.

SPIEGEL: Attraktivitätssteigerungen der Ausbildung durch den Gesetzgeber lehnen Sie also ab?

Anbuhl: Wie sollte das denn gehen? Durch eine verpflichtende Hauptschulquote? Durch Begrenzung der Studienplätze? Nein, da muss das Handwerk schon selbst aktiv werden. Junge Menschen für andere Bildungsentscheidungen zu kritisieren macht die berufliche Bildung jedenfalls nicht attraktiver.

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