Studieren im Gefängnis Kleine Freiheit im Knast

Studierende in Haft sind eine kleine Minderheit. Im Gefängnis lernen sie allein, ohne Austausch mit Kommilitonen, ohne Internet. Ein Projekt in Berlin will das ändern, doch die Hindernisse sind groß.
Von Swantje Unterberg, Berlin
Vergitterter Seminarraum in der Schule der JVA Tegel: Etwa 900 Männer sind in einem der größten Gefängnisse Deutschlands inhaftiert, nur neun von ihnen studieren

Vergitterter Seminarraum in der Schule der JVA Tegel: Etwa 900 Männer sind in einem der größten Gefängnisse Deutschlands inhaftiert, nur neun von ihnen studieren

Foto: JVA Tegel

Während die Welt im Ausnahmemodus läuft, ist die Situation am Arbeitsplatz von Ralph Gretzbach fast normal. Ein heruntergekommener Plattenbau zwischen alten roten Backsteingebäuden in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Tegel. Bis zu 900 Männer sind dort inhaftiert, manche sitzen ein paar Jahre ab, manche lebenslang. Neun von ihnen studieren. Ralph Gretzbach ist ihr Koordinator, er leitet die Schule der JVA. "Unter den Bedingungen der Pandemie-Bekämpfung ist ein Fernstudium nahezu ideal", sagt Gretzbach.

Die meisten Häftlinge in Tegel studieren an der FernUni Hagen. Also am Computer und auf Papier. An Präsenzveranstaltungen, die es in normalen Zeiten auch an der FernUni gibt, dürfen sie ohnehin nicht teilnehmen. Die Prüfungen seien zwar von März auf Mitte Juni verschoben worden, sagt Gretzbach, aber ansonsten seien die Corona-Auswirkungen auf seine Studierenden nicht so gravierend gewesen.

Im Gefängnis lernt man ohnehin weitestgehend allein, ohne Austausch und Diskussion. Internet ist verboten, Chats oder die an der FernUni üblichen Online-Lerngruppen und interaktiven Videoseminare sind für die Inhaftierten nicht zugänglich. Das sorgt für Kritik: "Einem Studium ohne Diskussion und Austausch fehlt es an Tiefe", sagt etwa Julian Knop. Er ist Kriminologie-Doktorand an der Freien Universität Berlin und setzt sich für einen humanen Strafvollzug ein. Dazu gehört auch Bildung. Und die Möglichkeit zur Diskussion.

Schulgebäude der JVA Tegel

Schulgebäude der JVA Tegel

Foto: JVA Tegel

Gemeinsam mit zwei Jura-Doktorandinnen hat Knop deshalb das Projekt "Uni im Gefängnis” organisiert . Im vergangenen Wintersemester fand es zum zweiten Mal statt, Studierende von draußen besuchten gemeinsam mit Inhaftierten ein Semester lang ein Seminar in der JVA Tegel. Passenderweise ging es um Kriminologie: Ob Resozialisierung, Strafkultur oder Medien und Strafvollzug - bei diesen Themen können die inhaftierten Studenten mitreden, selbst wenn sie eigentlich Wirtschaft oder Philosophie studieren.

Nur Vornamen, keine Angaben zum Delikt

Ein Montag im Januar. Corona ist bisher nur in Asien ein ernsthaftes Problem. Die Studierenden schieben im vergitterten Seminarraum der JVA-Schule ein paar Tische zusammen und diskutieren in drei Kleingruppen den Text, den sie zur Vorbereitung lesen sollten. Die Häftlinge fallen nur aufgrund ihres Alters auf: Sie sind als Mittdreißiger bis Mittfünfziger deutlich älter als die Bachelor-Studierenden von draußen.

"Am Anfang haben wir schon spekuliert, was die gemacht haben”, sagt die 22 Jahre alte Sozialarbeitsstudentin Annika. Aber die Regeln waren klar: Nur Vornamen, keine Angaben zum Delikt. Schnell hätten sie die Inhaftierten nur noch als Studenten wahrgenommen.

Seminar hinter Gittern: "Am Anfang haben wir schon spekuliert, was die gemacht haben"

Seminar hinter Gittern: "Am Anfang haben wir schon spekuliert, was die gemacht haben"

Foto: JVA Tegel

Ein Austausch auf Augenhöhe sei eines der Ziele des Seminars, sagt Dozent Knop, "eine Begegnung über Mauern hinweg". Was die Inhaftierten darüber denken, lässt sich leider nicht erfragen – die Berliner Justizpressestelle hat Interviews untersagt. Aber Manfred* kann reden: Er ist seit Ende 2019 wieder frei und war beim ersten Durchlauf der "Uni im Gefängnis" dabei. "Ich habe den Ideenaustausch mit den anderen Studierenden geschätzt, das Dazulernen, gerade für mich als Älteren”, sagt der 65-Jährige am Telefon. 

Manfred setzt sein Mathestudium in Freiheit fort, zu Hause am Computer, mit Internet. Im Gespräch mit ihm und anderen Beteiligten wird deutlich, wo beim Studium im Knast die Herausforderungen liegen.

  • Beispiel Studienordnung: Die FernUni in Hagen setzt mittlerweile auf sogenannte Hybride Veranstaltungen, bei denen sich Studierende live in Videoseminare schalten. Das ist etwa in den Rechtswissenschaften oder in Psychologie Pflicht – für Häftlinge aber unmöglich. Dadurch würden Häftlinge zunehmend ausgegrenzt, sagt Manfred. Er kläre mit der FernUni, ob seine Studenten stattdessen eine andere Studienleistung erbringen können, sagt JVA-Schulleiter Gretzbach.

  • Beispiel Kommunikation: Volker Zersch betreut an der FernUni in Hagen seit Jahren die Studenten in Haft, er ist offiziell die Schnittstelle zwischen der Uni und den Gefängnissen, klärt über die Zugänge auf und hilft bei den Formalien – aber mit den Studierenden direkt kommunizieren kann er meist nicht. Per Post dauere das zu lange. Auch mit ihren Professorinnen oder Prüfern können die Häftlings-Studenten nicht direkt kommunizieren. Das müssen stattdessen Beamte wie Gretzbach machen. Der Aufwand für die Gefängnisse sei hoch, sagt er. "Das ist mehr, als einen PC hinzustellen." Der E-Mail-Verkehr sei die Achillesverse. "Ich muss jede Mail lesen und weiterleiten."

  • Beispiel Zugang zu Material: Wer aus dem Knast heraus weiterführende Literatur oder alte Klausuren zum Lernen haben will, hat mitunter Pech: "Wir sollen nicht als Mitarbeiter der Uni das Internet ersetzen", sagt Studienberater Zersch. Einen eingeschränkten Zugang gibt es immerhin. 13 Bundesländer nutzen die Lernplattform Elis.  Das steht für E-Learning im Strafvollzug. Die Studierenden kommen so zumindest auf die Website der FernUni, können in Literaturdatenbanken suchen und in einer Offlineversion der Wikipedia recherchieren.

"Wer gegen den Willen der Anstalt studieren will, hat keine Chance"

Vivien Schnurbusch vom AStA der FernUni Hagen

Die FernUni in Hagen war in den Siebzigern als erste staatliche Fernuniversität gegründet worden - und progressiv gestartet: "Der Reformauftrag war, dass auch Menschen in Schieflagen Bildungschancen haben sollen", sagt Studienberater Zersch. In den Achtzigerjahren wurde das Studium für Häftlinge bereits als Resozialisierungsmaßnahme angesehen. Ein Recht, zu studieren, leitet sich für die Häftlinge daraus aber nicht ab.

"Wer gegen den Willen der Anstalt studieren will, hat keine Chance", sagt Vivien Schnurbusch vom AStA der FernUni Hagen. Klar, der Häftling könne ohne Computer lernen, sagt die Wirtschaftsstudentin, die wichtigsten Studienunterlagen bekämen schließlich alle Fernstudierenden per Post. Aber ohne Unterstützung der JVA scheitere der Häftling spätestens an der Prüfung. Denn die müsse von einem Beamten beaufsichtigt werden.

Angst vor Querulanten

Sehen die Zuständigen im Gefängnis das Studium als sinnvoll für die Resozialisierung an, gebe es keine Probleme, sagt Schnurbusch. Nur manchmal passten einzelnen Anstalten die Studienwünsche nicht. Rechtswissenschaften zum Beispiel hätten nicht überall einen guten Ruf. Manche Gefängnisse hätten Angst vor Querulanten - Gefangenen, die ihre Rechte kennen.

In Tegel gibt es zurzeit einen Jurastudenten. Schulleiter Gretzbach sagt, die Anstalt verweigere Studieninteressierten das Studium nicht. Allerdings wird es auch nicht jedem, der Abitur hat, aktiv angeboten.

Manfred etwa kam durch den Tipp eines Insassen zum Mathematikstudium. Tegel hätte gute Gründe gehabt, seinen Wunsch abzulehnen, sagt er. Erstens war er schon promovierter Chemiker, und zweitens war klar, dass er erst im Rentenalter freikommt. "Für meine Resozialisierung im Sinne besserer Berufschancen war das Studium irrelevant.”

Sein Antrag wurde trotzdem bewilligt - weil ein Studium gut für seine Psyche sei. Es helfe gegen Depressionen. "Das Studium war ein Segen”, sagt Manfred, ein klein wenig Freiheit in Haft.

Diese kleine Freiheit befindet sich im zweiten Stock der JVA-Schule. Acht Arbeitsplätze mit Computern, Topfpflanzen, Kopierer, Drucker, Kaffeetassen. Nur die Gitterstäbe an den Fenstern und das Pin-up-Girl auf dem Motorrad hinten links an der Wand passen nicht so recht ins Bild eines klassischen Studienraums.

Kein Bafög, keine Miete

In normalen Zeiten sitzen hier die inhaftierten Vollzeitstudenten. Doch wegen der Corona-Pandemie gibt es auch hier Kontaktbeschränkungen. Nur wer ohnehin im selben Haus der JVA untergebracht ist, darf den Raum gemeinsam nutzen. Manfred konnte sich hier noch mit den anderen inhaftierten Studenten treffen. "Das Unterhaltungsniveau war eine Wohltat”, sagt er.

Abgesehen von Problemen bei der Literaturbeschaffung und dem fehlenden Internet seien die Studienbedingungen im Vergleich zu seinem Chemiestudium früher gar nicht so schlecht gewesen. "Ich war bessergestellt", sagt Manfred. Er musste sich keine finanziellen Sorgen machen, kein Bafög beantragen, keine Miete zahlen.

Manfred fände es gut, wenn mehr Inhaftierte studieren könnten: "Es gibt hier sicher mehr als neun Menschen mit Abitur." Er glaubt, dass die Gefängnisse die Zahl der Studierenden absichtlich kleinhalten. "Die haben Angst, dass wir eine Verschwörung planen könnten. Dass wir aufdecken könnten, was hier alles falsch läuft."

Studenten in Haft sind tatsächlich eine verschwindend kleine Minderheit. Eine Anfrage des SPIEGEL bei den Justizministerien der Länder ergab: Nur rund 50 der gut 50.000 Gefangenen in Deutschland studieren. 0,1 Prozent. Wie viele theoretisch das Zeug dazu hätten, also Abi oder Fachhochschulreife haben, wird in den meisten Bundesländern nicht erfasst. Lediglich Bayern liefert auf Anfrage eine vollständige Statistik. Demnach haben etwa 5,4 Prozent der Inhaftierten einen höheren Schulabschluss. Das heißt aber nicht, dass diese Menschen alle für ein Studium hinter Gittern infrage kommen. Das lohnt sich erst ab einer gewissen Haftdauer. Bundesweit sitzt fast die Hälfte der Inhaftierten maximal ein Jahr ein.

Neben Haftdauer und Bildungsniveau geht es bei der Frage nach einem Studium auch ums Geld. Und zwar das der Studenten, sagt Tegel-Schulleiter Ralph Gretzbach. Denn in Berlin bekommt ein Student hinter Gittern nach Lohnstufe drei etwa 1,80 Euro die Stunde für sein Studium; wer gut qualifiziert ist und im Gefängnis arbeitet, kann nach Lohnstufe fünf hingegen bis zu 2,30 Euro pro Stunde bekommen .

Fürs Erststudium müssen Inhaftierte an der FernUni normalerweise nichts bezahlen, sie können sich von den Kosten freistellen lassen, sagt Schulleiter Gretzbach. Wer wie Manfred ein Zweitstudium macht, muss aber selbst zahlen. In Hagen kostet der Bachelor zwischen 1600 Euro und 2400 Euro, ein Master ist für 1000 Euro bis 1200 Euro zu haben. Die Inhaftierten können auch an Fernlehrinstituten wie der ILS studieren, sagt Gretzbach, hier müssen sie aber grundsätzlich selbst bezahlen.

Kaum einer schließt ab

Gretzbach betreut schon seit mehr als 20 Jahren Studenten in Haft, doch die Bilanz ist ernüchternd: Die, die einen Abschluss schafften, könne er an einer Hand abzählen. Die "Uni im Gefängnis" unterstütze er, weil es die einzige Austauschmöglichkeit für die inhaftierten Studenten ist. Läuft alles nach Plan, sollen im Wintersemester wieder Studierende von draußen zum Seminar in den Knast kommen. Wegen der Corona-Beschränkungen ist Gretzbach aber skeptisch, ob es im Herbst wieder losgehen kann.

Lohnt sich der Aufwand wirklich? Schulleiter Gretzbach antwortet mit einer Gegenfrage: "Die Statistik zeigt, dass bei dieser Vollzugsform, also geschlossener Männervollzug, zwei von drei Inhaftierten rückfällig werden. Sollen wir deshalb alle Resozialisierungsmaßnahmen einstellen?” Die Antwort gibt er selbst. Natürlich nicht, sagt Gretzbach. "Einer von hundert, der es schafft, ist es wert."

*Name geändert