Laut Gutachten Online-Überwachung von Studienprüfungen ist möglicherweise rechtswidrig

Mit Spähsoftware zur Kontrolle von Onlineprüfungen haben Universitäten möglicherweise Bestimmungen zu Datenschutz und IT-Sicherheit verletzt. Die Gesellschaft für Freiheitsrechte will vor Gericht ziehen.
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Die Lehre im Onlinemodus haben Unis und Fachhochschulen ziemlich gut bewältigt, bei den Prüfungen allerdings gab es immer wieder Probleme . Eine Schwierigkeit: Wie lassen sich Betrugsversuche verhindern, wenn die Studierenden während der Klausur am heimischen Rechner und nicht im Hörsaal sitzen?

Viele Hochschulen setzen dabei auf spezielle Spähsoftware, die beispielsweise mit Gesichts- und Blickerkennung arbeitet und sicherstellen soll, dass die Studierenden nicht heimlich etwa auf Spickzettel hinter dem Bildschirm oder in ein Buch vor der Tastatur schauen. »Online-Proctoring« wird diese Art der Kontrolle genannt. Damit verletzten die Hochschulen aber womöglich die IT-Sicherheit und den Datenschutz.

Das geht aus einem noch unveröffentlichten Gutachten der Gesellschaft für Freiheitsrechte  (GFF) hervor, das dem SPIEGEL vorliegt. »Bei der raschen Digitalisierung des Prüfungswesens haben zahlreiche Universitäten im vergangenen Jahr ein Maß an Überwachung implementiert, das bei Präsenzprüfungen undenkbar wäre«, sagt David Werdermann, Anwalt und Verfahrenskoordinator der GFF. »Die Grundrechte der Studierenden sind dabei unter die Räder geraten.«

Gleich mehrere Punkte listet IT-Sicherheitsexperte Mike Kuketz in seinem 23-seitigen Gutachten als problematisch auf:

  • Die eingesetzte Spähsoftware erhält in aller Regel umfangreichen Zugriff auf die Rechner der Studierenden. Proctoring-Add-ons, die im Internetbrowser installiert werden, können sensible Informationen wie etwa besuchte Webseiten abrufen. Je nach genutztem Add-on-Programm ist es auch möglich, die Zwischenablage auszulesen und sogar Browser-Einstellungen zu verändern.

  • »Müssen die Studierenden statt eines Add-ons eine eigenständige Software installieren, gehen sie noch höhere Risiken ein«, heißt es in der Zusammenfassung des Gutachtens. Proctoring-Software, die eigens installiert werden muss, könne auf nahezu alle auf dem System gespeicherten Informationen zugreifen und wäre dem Bericht zufolge sogar in der Lage, das System nachhaltig zu verändern.

  • Problematisch sei außerdem, dass die Studierenden nicht erkennen können, was die Software auf ihrem Rechner eigentlich macht. »Der Datenzugriff wird in keiner Weise protokolliert, sodass im Nachhinein nicht geprüft werden kann, auf welche Daten das Add-On während der Laufzeit zugegriffen hat und was mit diesen Daten geschah, also ob sie beispielsweise auf einen Server der Hochschule oder von Dritten hochgeladen wurden«, heißt es in dem Gutachten.

Mike Kuketz kommt daher zu dem Schluss, dass bereits die weniger eingriffsintensiven Proctoring-Add-ons wesentliche Anforderungen an die IT-Sicherheit und den Datenschutz nicht erfüllen können. »Um Betrugsversuche überhaupt erkennen zu können, müssen Proctoring-Add-ons Zugriff auf kritische Browser-Berechtigungen haben«, sagt Kuketz. »Es ist daher mehr als unwahrscheinlich, dass eine Proctoring-Software überhaupt in der Lage ist, die rechtlichen Anforderungen an die IT-Sicherheit zu erfüllen.«

Das Gutachten benennt fünf deutsche Universitäten namentlich, die die problematische Software einsetzen. Hinzu kämen noch viele Fernhochschulen, die ebenfalls auf Proctoring setzen. Dabei gebe es jedoch eine Alternative, sagt Anwalt David Werdermann: Denkbar seien Open-Book-Klausuren – oder die menschliche Aufsicht per einfacher Videoübertragung. »Onlineprüfungen sind eine sinnvolle Ergänzung zur klassischen Präsenzklausur, gerade in Pandemiezeiten«, sagt der Jurist. »Es ist möglich, die Prüfungen und die digitale Aufsicht so zu gestalten, dass Betrug verhindert und die Rechte der Studierenden gewahrt werden.«

Auf Basis des Gutachtens will die GFF jetzt gegen möglichst viele Hochschulen und ihre Proctoring-Praxis vor Gericht ziehen. Dafür suche man noch klagewillige Studierende, sagt Anwalt Werdermann. In mehreren Eilverfahren waren Studierende im Frühjahr mit ihren Klagen gegen die Spähsoftware zunächst gescheitert, die eigentlichen Verhandlungen stehen aber noch aus.

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