Corona-Hilfe für Studierende Geldgeschenk vom Prof

Hunderttausende Studierende in Deutschland sind wegen der Coronakrise in Existenznot geraten. Einige Professoren aus Stuttgart haben jetzt spontan einen Hilfsfonds ins Leben gerufen - mit ihrem eigenen Geld.
Bei vielen Studierenden ist der Nebenjob in der Krise weggefallen (Symbolbild)

Bei vielen Studierenden ist der Nebenjob in der Krise weggefallen (Symbolbild)

Foto: nortonrsx/ Getty Images/iStockphoto

500 Euro pro Kopf, und zwar nicht als Darlehen, sondern als Geschenk, einfach so. Mit dieser Initiative wollen Professoren der Stuttgarter Hochschule der Medien all jenen Studierenden in ihren Kursen helfen, die wegen der Corona-Pandemie in Geldnot geraten sind. "Wir haben uns überlegt, wie wir schnell und unbürokratisch die finanziellen Sorgen zumindest lindern können", erzählt Initiator Udo Mildenberger, Professor für Betriebswirtschaftslehre und Dekan der Fakultät Kommunikation und Information, dem SPIEGEL.

Udo Mildenberger

Udo Mildenberger

Foto: HDM Stuttgart

Vor knapp drei Wochen habe er unter den rund 1200 Studierenden seiner Fakultät eine Umfrage gestartet. Dabei sei es vor allem darum gegangen, wie sie mit dem Umstieg auf die Onlinelehre klarkommen, weil die Uni zwecks Infektionsschutz kaum noch Präsenzunterricht anbietet. Zusätzlich seien Rahmenbedingungen des Studiums abgefragt worden, zum Beispiel: "Stecken Sie in finanziellen Schwierigkeiten, oder fürchten Sie, in finanzielle Schwierigkeiten zu geraten?"

"Bei dem Ergebnis dieser Umfrage bin ich sehr erschrocken", sagt Mildenberger. "Das hat mir die Dimension des Problems erst bewusst gemacht." Rund 430 Studierende hätten die Fragen beantwortet, davon hätten rund 20 Prozent angegeben, wegen der Coronakrise in Geldnöte geraten zu sein. Viele Studierende finanzieren ihr Studium zumindest teilweise über Nebenjobs. Die sind in der Pandemie oft weggebrochen - und damit eine oft existenzielle Einnahmequelle.

"Wir können uns solidarisch zeigen und von unserem privaten Geld etwas abgeben"

Udo Mildenberger, Professor

Mildenberger sagt, er habe überlegt, wie er helfen könne. "In einer virtuellen Kaffeerunde mit Kolleginnen und Kollegen unserer Fakultät habe ich gefragt, wer sich an einem Hilfsfonds beteiligen würde", erzählt der Dekan. "Wir als Professoren hatten wegen der Pandemie keine Gehaltseinbußen, wir wurden nicht in Kurzarbeit geschickt, wir können uns solidarisch zeigen und von unserem privaten Geld etwas abgeben." Spontan seien mehrere Kollegen bereit gewesen, mitzumachen.

Mildenberger fand zudem Unterstützer unter den Projektpartnern der Fakultät, und so kamen innerhalb weniger Tage 10.000 Euro für einen Hilfsfonds zusammen: "Butter und Brot - für Studis in Not". Studierende, die wegen der Pandemie in finanzielle Schwierigkeiten geraten sind, können einen Antrag stellen, um einmalig 500 Euro geschenkt zu bekommen.

"Wir wollen keine Kontoauszüge sehen, und die Studierenden müssen auch keine sonstigen bürokratischen Hürden überwinden", sagt Mildenberger. "Antragsteller müssen nur an unserer Fakultät studieren, glaubwürdig darlegen, inwiefern sie knapp bei Kasse sind und warum sie ihr Studium gerne fortsetzen wollen, was sie antreibt." Der Professor versichert, sämtliche Angaben würden strikt vertraulich behandelt. 16 Anträge seien bereits eingegangen.

Kommission entscheidet, wer Geld geschenkt bekommt

Mildenberger berichtet von einer Studentin, die im Nebenjob in der Gastronomie gearbeitet hatte. Aber weil der Betrieb Pandemie-bedingt schließen musste, sei der Job nun weg. Die Studentin lebe seit zwei Monaten von Erspartem, und das sei nun so langsam aufgebraucht. Oder da sei der Student, der mit einem Nebenjob noch seine arbeitslose Mutter unterstützte. Nun ist er seine Stelle los, das Einkommen fehlt beiden. Ob er und andere nun die 500 Euro geschenkt bekommen, darüber entscheidet eine Kommission der spendablen Professorinnen und Professoren.

"Wir sammeln 14 Tage lang und entscheiden dann in der Auswahlrunde", sagt Mildenberger. Und wenn das Geld alle ist, werde man unter Umständen noch einmal mehr einsammeln. Dass eine einmalige Zahlung über 500 Euro nicht reicht, um für die kommenden Monate die Miete zu zahlen, weiß auch der Professor. "Dieses Geld löst die Probleme nicht, macht sie aber hoffentlich kleiner. Es soll vor allem ein deutliches, solidarisches Zeichen sein", sagt er. Es gebe zwar verschiedene Hilfsprogramme für Studierende, aber die liefen oft über Kredite oder seien mit viel Bürokratie verbunden, sagt der Dekan. "Davor schrecken viele Studierende zurück."

Warnung vor einer "verschuldeten Generation"

Als Kritik an der Politik will Mildenberger seine Initiative zwar nicht verstanden wissen, sie fällt jedoch mitten in einen seit Wochen andauernden Streit über fehlende Unterstützung für Studierende in der Coronakrise. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) hatte nach längerem Zögern und viel Druck zwar nach und nach Hilfsmaßnahmen angeschoben, wie etwa das Angebot eines zinslosen Studienkredits. 

Kritiker halten diese Maßnahme jedoch für "im Ansatz verfehlt" und einen Etikettenschwindel. Aus Sicht von Studierendenvertretungen greifen die politischen Maßnahmen zudem insgesamt zu kurz und zielen zu oft darauf, dass Studierende nur Geld geliehen bekommen.

In einem offenen Brief  warnt etwa der Freie Zusammenschluss von Studentenschaften (fzs), eine "verschuldete Studierenden-Generation darf es unter keinerlei Umständen geben und ist die schlechteste 'Lösung', die sich der Bildungsstandort Deutschland leisten konnte".

Vier von zehn Studierenden haben in der Coronakrise ihren Job verloren, das geht aus einer Umfrage des Personaldienstleisters Zenjob hervor. Jeder dritte Studierende musste demnach auf Erspartes zurückgreifen, um seinen Lebensunterhalt finanzieren zu können. Der FZS schätzt, dass rund 750.000 von den rund drei Millionen Studierenden in Deutschland seit März in finanziellen Notlagen stecken.

"Viele dieser Studierenden wissen seit Wochen nicht, wie sie ihre Miete, Lebensmittel oder weitere Verbindlichkeiten zahlen sollen", heißt es in dem offenen Brief der Studierenden. "Sie fallen derzeit durch alle Sicherungsnetze unseres Sozialsystems. Viele warten seit Monaten auf ein politisches Signal zur Sicherung ihrer Existenz".

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