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Schulmisere Peinlicher Datenfehler – Lehrkräfte arbeiten mehr als angenommen

Lehrkräfte sollten weniger in Teilzeit arbeiten, so haben es Berater der Kultusministerkonferenz empfohlen. Der Ärger bei Pädagogen war groß. Jetzt räumen die Experten nach SPIEGEL-Informationen »Verzerrungen« ein.
aus DER SPIEGEL 14/2023
Lehrkräfte arbeiten seltener in Teilzeit als eine Expertengruppe angenommen hatte

Lehrkräfte arbeiten seltener in Teilzeit als eine Expertengruppe angenommen hatte

Foto: Bernd Weißbrod / picture alliance/dpa

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Es war ein Vorschlag mit Sprengkraft: Lehrkräfte sollten weniger in Teilzeit arbeiten, um den Lehrermangel an deutschen Schulen zu bekämpfen. Mit dieser Idee hatte sich die Ständige Wissenschaftliche Kommission (SWK), ein Beratungsgremium der Kultusministerkonferenz, viel Kritik eingehandelt.

Aus: DER SPIEGEL 14/2023

Die Verzwergung der Grünen

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»Das ist, ehrlich gesagt, eine Zumutung«, kommentierte Susanne Lin-Klitzing , Vorsitzende des Philologenverbandes. Die Möglichkeit, Teilzeit zu arbeiten, mache den Beruf erst attraktiv. »Und sie verhindert, dass Lehrkräfte wegen ihres hohen Unterrichtsdeputats und der vielen zusätzlichen Aufgaben so überlastet werden, dass sie den Beruf vorzeitig verlassen.«

Schon jetzt seien Lehrkräfte »stark beansprucht«, schrieb etwa der Gymnasiallehrer und Blogger Bob Blume in einem Gastbeitrag für den SPIEGEL. »Aus dieser Idee sprechen pure Hilflosigkeit und sogar Fahrlässigkeit. Die Botschaft ist, dass die politisch zu verantwortende Misere individuell an der Front behoben werden muss.«

Datengrundlage fragwürdig

Nun stellt sich heraus: Die SWK hat ihre Empfehlungen für Maßnahmen gegen den Lehrermangel  möglicherweise auf einer fragwürdigen Datengrundlage ausgesprochen. »Die Teilzeitquote im Lehramt ist mit rund 47 Prozent im Verhältnis zu jener bei Erwerbstätigen insgesamt (29 Prozent) deutlich höher«, hatte es in dem Papier in Bezug auf das Schuljahr 2019/2020 geheißen.

Dabei sind die zugrunde liegenden Zahlen irreführend: Für dasselbe Schuljahr gibt das Statistische Bundesamt an, nur 39 Prozent der Lehrkräfte arbeiteten in Teilzeit.

»Stundenweise Beschäftigte« eingerechnet

Die SWK räumt ein, dass in den Zahlen, die aus dem nationalen Bildungsbericht übernommen wurden, auch sogenannte »stundenweise Beschäftigte« eingerechnet wurden: Referendarinnen und Referendare etwa, die seltener eigenständig unterrichten als fertig ausgebildete Lehrkräfte. Ebenso Personen, die hauptamtlich einem anderen Beruf nachgehen und nur wenige Stunden in der Woche an Schulen arbeiten, »etwa ein Pastor, der Religionsstunden gibt oder eine Bademeisterin, die Schwimmunterricht erteilt«, erläuterte die SWK gegenüber dem SPIEGEL.

Dies habe zu »Verzerrungen« geführt. Die von der SWK verwendete Zahl bezog außerdem Berufsschulen ein, das Statistische Bundesamt betrachte nur die allgemeinbildenden Schulen, heißt es.

In der Öffentlichkeit sei so das Bild entstanden, Lehrkräfte seien weniger leistungsbereit als andere Berufsgruppen, sagt der Bildungsforscher Klaus Klemm, der seit vielen Jahren immer wieder den Lehrkräftebedarf in Deutschland berechnet. »Das halte ich für falsch.« Die verbleibende Differenz zur Teilzeitquote bei allen Erwerbstätigen führt Klemm unter anderem darauf zurück, dass rund 70 Prozent der Lehrkräfte Frauen seien – viele Mütter arbeiten in Teilzeit, etwa um Kinder zu betreuen.

SWK: »Hätten stärker differenzieren müssen«

»Diese Kritik ist teilweise berechtigt. Wir hätten stärker differenzieren müssen«, sagt der SWK-Vorsitzende Olaf Köller in einem Interview  des Bildungsjournalisten Jan-Martin Wiarda. Das ändere aber nichts an der Schlussfolgerung: »Jede Stunde zählt. Wenn jede in Teilzeit arbeitende Lehrkraft nur eine Stunde mehr in der Woche unterrichten würde, wäre der Effekt enorm.« Die SWK kündigte gegenüber dem SPIEGEL an, die Stellungnahme aus dem Januar »um einen erläuternden Passus« zu ergänzen.

Der Vorschlag, die Möglichkeiten zur Teilzeitarbeit einzuschränken, fiel bei den Kultusministerinnen und -ministern, die die SWK mit der Stellungnahme beauftragt hatten, auf fruchtbaren Boden: Sachsens Kultusminister Christian Piwarz (CDU) kündigte an, Teilzeit solle im Freistaat künftig nur noch genehmigt werden, wenn die Pädagoginnen und Pädagogen einen Rechtsanspruch nachweisen können, beispielsweise wenn sie Kinder betreuen oder einen Pflegefall in der Familien haben.

Baden-Württemberg belässt es bei »Appell«

In Nordrhein-Westfalen, wo derzeit rund 8000 Lehrerstellen unbesetzt sind, stellte Kultusministerin Dorothee Feller (CDU) ein Paket aus mehreren Maßnahmen vor, die den Mangel beseitigen sollen, darunter: den Zugang zu Teilzeit und Vorruhestand für Lehrkräfte zu erschweren.

In Baden-Württemberg möchte Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) es bei einem »Appell« belassen, Lehrerinnen und Lehrer mögen doch freiwillig seltener in Teilzeit arbeiten. Einige Monate zuvor zog ihr Chef, Ministerpräsident Winfried Kretschmann, einen Vorstoß für eingeschränkte Teilzeitmöglichkeiten bei Lehrkräften zurück – der Gegenwind war wohl zu heftig gewesen.

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