Trotz Pandemie Kultusminister halten an Prüfungen im Corona-Schuljahr fest

Sollen die Abitur- und andere Abschlussprüfungen mitten in der Pandemie und trotz Schulschließungen stattfinden? Schüler und Lehrkräfte mahnen seit Wochen »klare Ansagen« an. Jetzt gibt es einen Beschluss der Kultusminister.
Vorbereitung auf die Abi-Prüfungen in der Schule (Symbolbild)

Vorbereitung auf die Abi-Prüfungen in der Schule (Symbolbild)

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Bernd Wüstneck/ DPA

Deutschlands Schulen sind im Ausnahmezustand, trotzdem sollen die Abiturprüfungen nach dem Willen der 16 Kultusminister in diesem Schuljahr stattfinden. So sieht es ein gemeinsamer Beschluss  vor, auf den sich die Kultusministerkonferenz (KMK) in einer Video-Schalte am Donnerstag verständigt hat. Selbst wenn die Schulen weiter geschlossen bleiben sollten, könnten Prüfungen in den dortigen Räumen abgelegt werden. Für mündliche Prüfungen wollen die Schulminister »im Ausnahmefall« auch Prüfungen per Videokonferenz ermöglichen.

Das gilt nicht nur für Abiturientinnen und Abiturienten. Die Länder wollen auch garantieren, dass Jugendliche ihre Abschlüsse im Sekundarbereich eins, also beispielsweise Haupt- und Realschulabschlüsse, erlangen können. Einschränkend heißt es hier jedoch: »in Abhängigkeit vom Infektionsgeschehen«. Auch für Berufsschulen gilt: Hier seien »Prüfungen durchzuführen, soweit es das Infektionsgeschehen zulässt«.

Gleichwertige Abschlüsse

So oder so, wer zum Corona-Jahrgang gehört, soll laut KMK im Vergleich zu anderen nicht das Nachsehen haben: Die Abschlüsse sind »denen früherer und späterer Jahrgänge gleichwertig und werden gegenseitig anerkannt«. Wer also beispielsweise in Berlin Abi macht, darf sich weiter etwa in Bayern auf einen Studienplatz bewerben. Der Abschluss ist trotz der besonderen Bedingungen, unter denen der Stoff vermittelt wurde, bundesweit gültig.

Die Länder sollen den gemeinsamen Aufgabenpool für die Abi-Prüfungen nutzen, heißt es in dem Papier, einschränkend jedoch wird hinzugefügt: »wenn dem nicht zwingende Gründe entgegenstehen«. Sollten sich die Folgen aus dem Pandemiegeschehen verschärfen, werde die KMK erneut darüber beschließen, »wie die Zuerkennung eines gleichwertigen Abiturs und die gegenseitige Anerkennung gewährleistet werden können«. Da müsste dann im Zweifel also nachgebessert werden.

Lehrerverband: Überfällige Entscheidung

Auf so ein Signal aus der Ministerrunde hatten etliche Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrkräfte in Deutschland seit Wochen gewartet, es angemahnt und eingefordert – zumal die ersten schriftlichen Abi-Klausuren in Rheinland-Pfalz bereits Mitte Januar geschrieben worden sind. Bundesweit stecken Zehntausende Schüler in der Vorbereitungsphase.

Dario Schramm, Vorsitzender der Bundesschülerkonferenz, hatte deshalb mehrfach auf »klare Ansagen« und einen »klaren Fahrplan« gedrungen. Dieses »Von-Woche-zu-Woche-Hangeln brauche ein Ende«. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hatte in der Pandemie ein Abi ohne Prüfungen gefordert.

Ganz anders der Verband Bildung und Erziehung (VBE): Er sprach nach dem Beschluss am Donnerstag von einer überfälligen, aber im Kern richtigen Entscheidung. Entgegen den Unkenrufen, die Abiturprüfungen abzusagen, hätten Schülerinnen und Schüler ein Recht darauf, geprüft zu werden, teilte der Vorsitzende Udo Beckmann mit. »Die Schülerinnen und Schüler haben sich trotz Pandemie in den letzten Monaten sehr intensiv auf die Prüfungen vorbereitet. Sie haben in ihrem ganzen Schulleben darauf hingearbeitet. Das muss wertgeschätzt werden!«

Nichtsdestotrotz müsse geprüft werden, inwieweit die Pandemiebedingungen berücksichtigt werden könnten, findet Beckmann. Hier gelte es vor allem, die Verschiebung von Prüfungen in den Blick zu nehmen, den zentralen Abi-Aufgabenpool zu erweitern und Räumlichkeiten sicher zu gestalten.

Vorschläge statt verbindlicher Verabredungen

Solche konkreten, gemeinsamen Maßnahmen sieht der KMK-Beschluss allerdings nicht vor. Er geht auch nicht auf Forderungen aus der Schülerschaft etwa zu einem Nachteilsausgleich ein. Dem eigenen Anspruch nach wollen die Politiker vielmehr einen Rahmen für die Prüfungen festlegen, der »durch Sicherung der Standards die Vergleichbarkeit sicherstellt, aber Spielräume schafft, um auf die Einschränkungen der Pandemie Rücksicht zu nehmen«.

Den Kultusministern bleibt damit viel Freiraum. Der gemeinsame KMK-Beschluss reduziert sich in wesentlichen Fragen zu den Abschlussprüfungen zusammengefasst auf folgende Vorschläge:

  • Termine verschieben: Für faire Rahmenbedingungen und zur Unterstützung der Schüler könnten Prüfungstermine verschoben werden, um mehr Lernzeit zu gewähren. So könnten etwa bisher als Nachschreibetermine vorgesehene Prüfungstage als Haupttermine genommen werden.

  • Weniger Prüfungsstoff: Die Zahl von Klassenarbeiten oder Klausuren könne reduziert werden. Prüfungshinweise könnten etwa durch eine Schwerpunktsetzung präzisiert werden.

  • Mehr Zeit, mehr Auswahl: Es sei auch möglich, mehr Prüfungsaufgaben zur Auswahl zu stellen und dafür die Auswahlzeit oder Arbeitszeit um eine halbe Stunde zu verlängern. Auch könnten Schulen die zentral gestellten Prüfungsaufgaben auswählen.

Wie die Bundesländer letztlich diese Vorgaben im Detail ausgestalten, darüber sollen sie sich laut Beschluss gegenseitig informieren. Grundsätzlich handelt es sich bei der Verabredung um einen rechtlich nicht bindenden gemeinsamen Rahmen. Schulpolitik ist Ländersache. Kritiker mahnen zwar immer wieder ein einheitlicheres Vorgehen der Kultusminister an, in der Pandemie konnten sich diese oft aber nur auf einen Minimalkonsens einigen – und so gelten in den Ländern schon jetzt auch mit Blick auf die diesjährigen Abschlussprüfungen unterschiedliche Regeln.

Berlin beispielsweise war vorgeprescht und hatte unter anderem die Prüfungen für den Hauptschulabschluss abgesagt. Auch Länder wie Bayern, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen wollen darauf verzichten. Bei den Abi-Prüfungen hatte Bayern die Termine um rund zwei Wochen verschoben, Niedersachsen wies »zusätzliche Nachschreibtermine für die schriftlichen Prüfungen in Deutsch, Mathematik und Englisch aus«.

Mecklenburg-Vorpommern kündigte am Donnerstag unter anderem an, Prüfling und Schule sollen die Termine der mündlichen Prüfungen individuell festlegen dürfen. Zudem soll über besondere Prüfungsbedingungen für Schülerinnen und Schüler, die ausschließlich oder überwiegend im Distanzunterricht auf die Abiturprüfung vorbereitet wurden, mit Blick auf den Einzelfall im Rahmen eines Nachteilsausgleichs entschieden werden. In anderen Bundesländern dagegen ist man noch nicht so weit. In Berlin etwa werden erst noch Anpassungen erarbeitet, die zeitnah vorgestellt werden sollen.

Auch wie sich die Schülerinnen und Schüler auf ihre Prüfungen vorbereiten können, läuft überall etwas anders. In Berlin ist nicht einmal innerhalb der Hauptstadt einheitlich geregelt, ob, wann und wie oft Schülerinnen und Schüler der Abschlussjahrgänge Präsenzunterricht haben. Die Schulleitungen können dies in Abstimmung mit den Elternvertretungen und der Schulaufsicht entscheiden. In Sachsen hingegen werden alle Abschlussklassen in geteilten Gruppen im Klassenraum unterrichtet, vor allem in den Prüfungsfächern.

mit Material von AFP und dpa
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