Sitzstreik in Italien Schüler protestieren für offene Schulen

Eine 12-jährige Turinerin lernt jeden Tag vor der geschlossenen Schule, um für Präsenzunterricht zu demonstrieren. Andere Schüler schließen sich ihr an – sie wird schon als »italienische Greta« bezeichnet.
Die 12-jährigen Schülerinnen Anita und Lisa vor ihrer Schule in Turin: »Anwesend! Der Unterricht in der Klasse ist unser Recht. Vorrang für die Schule«

Die 12-jährigen Schülerinnen Anita und Lisa vor ihrer Schule in Turin: »Anwesend! Der Unterricht in der Klasse ist unser Recht. Vorrang für die Schule«

Foto: MIGUEL MEDINA / AFP

Anita Iacovelli sitzt eingemummelt in Jacke, Mütze und Handschuhen und geschützt mit einer Maske an ihrem improvisierten Arbeitsplatz und beteiligt sich mit ihrem Tablet am Online-Unterricht. Seit Anfang des Monats baut sie Montag bis Freitag ihren pinkfarbigen Klappstuhl und ihren kleinen Klapptisch vor ihrer geschlossenen Schule in Turin auf und macht dort ihre Aufgaben. Ein selbst gebasteltes Schild erklärt, warum sie hier sitzt, statt daheim zu lernen: »Anwesend! Der Unterricht in der Klasse ist unser Recht. Vorrang für die Schule«, steht darauf.

In Medienberichten wird Anita bereits mit der Schwedin Greta Thunberg verglichen, die auf ähnliche Weise einen »Schulstreik für das Klima« anzettelte. Mit ihrer Protestaktion hat Anita am 6. November begonnen. An dem Tag stufte die Regierung die nordwestitalienische Region Piemont und damit auch Turin wegen der hohen Corona-Infektionszahlen als »rote Zone« ein. Die meisten Geschäfte, Bars und Restaurants mussten schließen, und die Bewegungsfreiheit der Menschen wurde eingeschränkt. Während Grundschüler weiter zur Schule gehen können, müssen ältere Kinder nun von zu Hause aus lernen. Auch Anitas Italo-Calvino-Schule wurde geschlossen.

Die Zwölfjährige will sich damit nicht abfinden und lernt seitdem eben vor statt in ihrer Schule. Nach ein paar Tagen schloss sich ihre Freundin Lisa dem Protest an. Auch ein paar Schüler einer Nachbarschule kommen mittlerweile dazu.

Foto: MIGUEL MEDINA / AFP

Italiens Bildungsministerin Lucia Azzolina erfuhr ebenfalls von der Aktion. Sie »hat mich angerufen und mir gratuliert, weil sie meinen Kampf gut findet«, erzählt Anita. Die Ministerin habe ihr »versprochen, dass sie alles tun werde, um die Schulen so bald wie möglich wieder zu öffnen«.

Italien zählt zu den am schwersten von der Corona-Pandemie getroffenen Länder Europas. Mehr als 1,2 Millionen Infektionen wurden hier bereits nachgewiesen, mehr als 45.000 Infizierte starben. Im Frühjahr mussten die Italiener bereits einen äußerst strikten Lockdown mitmachen. Von der zweiten Welle blieben sie dennoch nicht verschont.

Und so wurden Anitas und viele andere Schulen im Land wieder geschlossen. »Als sie angekündigt haben, dass die Schulen schließen werden, habe ich bemerkt, dass ich nicht noch ein Jahr Distanzunterricht ertrage«, sagt Anita. »Es ist schwierig, sich vor dem Computer zu konzentrieren – man kann dem Unterricht nicht so folgen wie in der Klasse.«

Debatte über Wechselmodell in Deutschland

Auch in Deutschland wird aktuell darüber debattiert, ob die Klassen zumindest geteilt und ältere Schüler tage- oder wochenweise zu Hause unterrichtet werden, während die andere Hälfte Präsenzunterricht bekommt. Die Bundesregierung brachte gegenüber den Ministerpräsidenten entsprechende Forderungen ins Spiel, doch die Bundesländer halten bisher am Primat des Präsenzunterrichts fest.

Dabei fordern selbst Schüler ein Wechselmodell, entsprechende Forderungen kamen etwa von der Bundesschülerkonferenz. Auch Eltern- und Lehrerverbände sehen bei den höheren Jahrgängen Handlungsbedarf. Gegner des Wechselmodells argumentieren, dadurch würden ohnehin benachteiligte Schülerinnen und Schüler weiter abgehängt. Auch mangele es an vielen Schulen an entsprechender digitaler Ausstattung.

sun/AFP
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