Geflüchtete in Deutschland Bildungsforscher sprechen sich gegen Willkommensklassen für ukrainische Grundschüler aus

Wie sollten Kinder und Jugendliche aus der Ukraine an deutschen Schulen integriert werden? Experten der Kultusministerkonferenz erklären, warum die Geflüchteten so schnell wie möglich im Unterricht sitzen sollten.
Ukrainische Kinder in einer Willkommensklasse: Umstrittenes Modell

Ukrainische Kinder in einer Willkommensklasse: Umstrittenes Modell

Foto: Waltraud Grubitzsch / picture alliance / dpa / dpa-Zentralbild

Wie sollen ukrainische Kinder und Jugendliche, die seit Kriegsbeginn nach Deutschland geflüchtet sind, hierzulande beschult werden? Nach einer längeren Pause, um erst mal anzukommen? Zusammen mit deutschen Kindern oder separat, unter sich? Ein Expertenrat der Kultusministerkonferenz (KMK) hat am Dienstag Empfehlungen dazu veröffentlicht.

Die Kernforderung ist demnach, dass alle Kinder und Jugendlichen so bald wie möglich nach ihrer Ankunft die Kita oder Schule besuchen. »Dort können sie Deutsch lernen, ihren Bildungsweg fortsetzen, Kontakte zu Gleichaltrigen knüpfen und Hilfe bei der Bewältigung möglicher Traumata erhalten«, sagt Olaf Köller, Co-Vorsitzender der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission (SWK).

Die Kommission ist mit 16 Bildungsforschern aus unterschiedlichen Disziplinen besetzt. Das Gremium war im vergangenen Jahr eingerichtet worden, um die Bundesländer bei der Weiterentwicklung des deutschen Schulsystems zu beraten.

»Wir müssen davon ausgehen, dass 25 bis 35 Prozent der Kinder und Jugendlichen aus der Ukraine unter schweren psychischen Belastungen leiden.«

Felicitas Thiel, Professorin für Schulpädagogik und Schulentwicklungsforschung an der Freien Universität Berlin

Zudem plädiert die Kommission für psychologische Betreuungsangebote bis hin zur Traumatherapie. »Wir müssen davon ausgehen, dass 25 bis 35 Prozent der Kinder und Jugendlichen aus der Ukraine unter schweren psychischen Belastungen leiden«, sagte die Co-Vorsitzende Felicitas Thiel, sie ist Professorin für Schulpädagogik und Schulentwicklungsforschung an der Freien Universität Berlin.

Kontakte zu Gleichaltrigen gehörten zu den »wesentliche Schutzfaktoren«, so Thiel. Umso wichtiger sei es, den Kita- und Schulbesuch zu ermöglichen. Die aus der Ukraine geflüchteten Lehrkräfte, Therapeuten und pädagogischen Fachkräfte sollten nach Möglichkeit von Beginn an einbezogen werden.

Beschulung nach ukrainischem Vorbild?

Zuletzt hatte es Diskussionen darüber gegeben, ob nach Deutschland geflüchtete ukrainische Kinder und Jugendliche schnell integriert oder nach ukrainischem Vorbild beschult werden sollten. Letzteres hatte die ukrainische Generalkonsulin Iryna Tybinka in einer Rede vor der KMK vor mehr als zwei Wochen gefordert.

Es gelte, die Kontinuität der Bildungsprozesse und die nationale Identität ukrainischer Kinder zu bewahren. Der Aufenthalt der Geflüchteten sei nur vorübergehend, erklärte sie.

Die Wissenschaftler empfehlen nun in ihrer Stellungnahme »Unterricht ergänzende Bildungsangebote« auf Ukrainisch »im Rahmen des Möglichen«. Dafür spreche etwa, dass bei den geflüchteten Familien eine hohe Motivation bestehe, so bald wie möglich in ihr Land zurückzukehren.

In der Stellungnahme weisen die Expertinnen und Experten aber auch darauf hin, dass ukrainischsprachige Lehrkräfte für diese Aufgabe »gewonnen und professionalisiert« werden müssten. Eine schnelle Umsetzung dürfte angesichts der aktuellen Herausforderungen an den Schulen kaum zu leisten sein, schreiben die Fachleute.

Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) hatte sich zunächst für die Aufnahme der Kinder in sogenannten Willkommensklassen ausgesprochen. Bei diesem Konzept lernen neu zugewanderte Kinder verschiedener Herkunft zunächst getrennt von anderen vorrangig Deutsch, bevor sie in Regelklassen wechseln.

Stark-Watzinger sagte nun: »Ziel muss sein, eine gute Balance zu finden zwischen der Integration in unser Bildungssystem und der Bewahrung der ukrainischen Identität.« Man hoffe, dass die Kinder und Jugendlichen auf absehbare Zeit in ihre Heimat zurückkehren könnten, müsse aber auch darauf vorbereitet sein, so die Ministerin, »dass sie länger bei uns bleiben«.

Nach Auffassung der Expertinnen und Experten sollten kleinere Kinder im Grundschulalter direkt in Regelklassen statt in Willkommensklassen gehen. Die Kommission hält auch nicht viel von Unterricht in Sammelunterkünften, dort fehle die nötige Infrastruktur und das verhindere den Kontakt zu deutschen Kindern.

Wichtig ist den Fachleuten zufolge zudem eine »hochwertige Sprachförderung, ob in der Vorbereitungs- oder in der Regelklasse«. Sie dürfe auch dann nicht enden, wenn die Schülerinnen und Schüler in den Regelunterricht wechselten.

Gleichzeitig sollten den geflüchteten Kindern und Jugendlichen Bildungsangebote in ihrer Herkunftssprache zur Verfügung gestellt werden. So könnten die Kinder bei einer möglichen Rückkehr in die Heimat gut weiterlernen. Und das sei wichtig für eine »fundierte Auseinandersetzung mit der Geschichte und Kultur ihres Herkunftslandes«, so Petra Stanat, wissenschaftlicher Vorstand des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) und Mitglied der SWK.

Bildungspolitiker in den Bundesländern schätzen, dass etwa die Hälfte der in Deutschland ankommenden Kriegsflüchtlinge Kinder und Jugendliche sind.

fok/dpa