Fridays for Future Zehntausende Schüler demonstrieren für Frieden in der Ukraine

»Stoppt Putin«: In Massen sind junge Menschen zu Friedensdemos in Deutschland geströmt, dazu aufgerufen hatte Fridays for Future. In Hamburg bekamen die Schüler sogar extra frei.
Aus Hamburg berichtet Markus Sutera
Auf und neben der Hamburger Reeperbahn demonstrierten nach Polizeiangaben rund 20.000 Menschen gegen den Krieg in der Ukraine

Auf und neben der Hamburger Reeperbahn demonstrierten nach Polizeiangaben rund 20.000 Menschen gegen den Krieg in der Ukraine

Foto: Daniel Reinhardt / dpa

Sie schwenken blau-gelbe Fahnen, haben das Gesicht oder ihre Masken mit der ukrainischen Flagge bemalt, und sie rufen eine Botschaft: »Stoppt Putin, stoppt Putin, stoppt Putin.« So wie diese Kinder aus der fünften Klasse eines Hamburger Gymnasiums sich in einem kilometerlangen Demonstrationszug durch die Innenstadt bewegen, protestieren am Donnerstag in mehreren deutschen Städten Zehntausende junge Menschen gegen die russische Invasion der Ukraine.

Die Klimaschutzbewegung Fridays for Future hat zu dem globalen Protesttag aufgerufen, und die Massen strömen. In Hamburg versammeln sich am Donnerstagmittag nach Angaben der Polizei rund 20.000 Demonstrierende. Nach Schätzungen der Veranstalter sollen es sogar 120.000 Menschen sein. In Berlin demonstrieren laut Polizei um die 5000 junge Menschen. Für den späteren Nachmittag waren weitere Demos etwa in Großstädten wie München, Köln und Frankfurt am Main geplant.

»Stand with Ukraine«

Statt wie sonst für weltweiten Klimaschutz zu protestieren, hat die Fridays for Future-Bewegung die Proteste auf Bitten seines ukrainischen Ablegers dieses Mal unter das Motto »Stand with Ukraine« gestellt – aus Solidarität. Die Forderung der Klimaschutzaktivisten: schärfere Strafmaßnahmen gegen Russland und seinen Staatschef Wladimir Putin. »Die Sanktionen, die Putin immer noch erlauben, diesen Krieg fortzusetzen, reichen nicht aus«, heißt es in einer Mitteilung.

Die »ganze Welt« müsse sich gegen den russischen Krieg stellen. Die Bewegung fordert einen EU-Beitritt der Ukraine und ein Ende der Einfuhr von Erdöl, Erdgas und Kohle aus Russland. Diese dienten »der Finanzierung von Putins Launen«, heißt es. Die Erdgaspipeline Nord Stream 2 müsse »ein für alle Mal« gestoppt werden.

Neben der Solidarität mit der Ukraine geht es also sehr wohl auch um Klimaschutz. Fridays for Future fordert eine schnelle und konsequente Energiewende, um die Klimakrise nicht weiter anzufeuern, aber auch die Abhängigkeit und Mitfinanzierung autokratischer Regime zu stoppen. Die Veranstalter verweisen auf den Zusammenhang von Öl und Gas auf der einen Seite und Kriegen auf der anderen: »Die Ära der fossilen Brennstoffe muss beendet werden.«

Demonstrationszug auf der Willy-Brandt-Straße in Hamburg

Demonstrationszug auf der Willy-Brandt-Straße in Hamburg

Foto: Daniel Reinhardt / dpa

In Hamburg sind schon zu Beginn der Demonstration, um zwölf Uhr, die Straßen im Stadtteil St. Pauli rund um die Reeperbahn voll. Schulsenator Ties Rabe (SPD) hatte die Schülerinnen und Schüler für die Teilnahme an der Demo eigens vom Unterricht freigestellt.

Rocco Blank, 18, ist mit Schulfreunden gekommen. Eigentlich habe er jetzt Unterricht, sagt er, Politik, Gesellschaft, Wirtschaft. Aber auf die Frage seiner Lehrerin, ob jemand nicht zur Demonstration gehe, habe sich niemand gemeldet – und so ist nun der ganze Kurs da. Dass es so weit gekommen ist, zu einem Krieg in Europa, sagt Rocco, könne er noch immer nicht fassen. »Am Anfang habe ich verdrängt, aber die letzten Tage ist es einfach zu viel geworden.«

»Dass jetzt gerade mitten in Europa Bomben fallen, muss ein Weckruf sein.«

Paula, 27

Paula, 27, sagt: »Mir wird in diesen Tagen klar, wie privilegiert ich in Deutschland lebe. Dass jetzt gerade mitten in Europa Bomben fallen, muss ein Weckruf sein.« Und die 13-jährige Silvy ist entschlossen, den Menschen, die gerade so viel Leid erfahren, zu helfen: »Ich habe mit meinen Eltern schon das Gästezimmer freigeräumt, damit wir Geflüchtete aufnehmen können.« Julia ist 21 Jahre alt, ihre Eltern stammen aus Russland. Sie möchte aber nicht viel mehr sagen. Was ihr wichtig ist, schreibt sie mit gelber Kreide auf die Straße: »Russen sind auch gegen Krieg.«

In Deutschland gibt es seit dem russischen Angriff auf die Ukraine immer wieder große Solidaritäts- und Friedensdemonstrationen. Am Sonntag versammelten sich in Berlin mehrere Hunderttausend Menschen, am Montag kamen rund 250.000 Teilnehmer zu einer Friedenskundgebung anstelle des Rosenmontagsumzugs in Köln zusammen. Am Mittwochabend demonstrierten in München rund 45.000 Menschen gegen die russische Invasion der Ukraine.

An der Demo in Hamburg beteiligen sich aber nicht nur Schüler und Jugendliche, sondern auch Mütter wie Christine Ameskamp und Maike Oberquelle. Die beiden Freundinnen sorgen sich um die Menschen in der Ukraine, aber auch um die nachfolgenden Generationen hierzulande. »Die jungen Menschen müssen nicht nur gegen Krieg auf die Straßen gehen, sie müssen auch den Klimaschutz verteidigen«, sagt Ameskamp. Für ihre »Rechte und all das Gute einzutreten«, nehme viel Zeit ein im Leben ihrer Kinder. Zeit, die zum Leben fehle.

Als sich die Veranstaltung dem Ende nähert, sind die Organisatoren zufrieden: »Hamburgs Jugend hat heute ein bisher unvorstellbares Zeichen gegen Putins Krieg gesetzt«, sagt Annika Rittmann, Sprecherin Fridays for Future Hamburg. Nun seien »massive politische Handlungen« gefragt, dazu müsse auch ein Kohle- und Gasausstieg in allen Sektoren gehören.

Schon für Samstag ist in Hamburg erneut eine Demonstration geplant: Gegen den Krieg. Gegen Putin. Für Frieden in Europa.

Mitarbeit: Silke Fokken
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