Ukrainische Professorin über Lehrbetrieb trotz Krieg »Ich wollte meine Studierenden ablenken«

In der Ukraine fallen Bomben, aber der Lehrbetrieb geht weiter, berichtet eine Germanistin aus Lwiw. An der Universität wurden die Keller als Zufluchtsort vorbereitet.
Ein Interview von Swantje Unterberg
Die Nationale Ivan-Franko-Universität Lwiw (Archivbild): »Ich kann zwar keine Waffe bedienen, aber Übersetzen und Dolmetschen, das kann ich«

Die Nationale Ivan-Franko-Universität Lwiw (Archivbild): »Ich kann zwar keine Waffe bedienen, aber Übersetzen und Dolmetschen, das kann ich«

Foto: Markiyan Lyseiko / Ukrinform / IMAGO

SPIEGEL: Frau Paslawska, die Ukraine befindet sich seit Donnerstag im Kriegszustand. Kann in so einer Situation überhaupt ein normaler Lehrbetrieb stattfinden?

Paslawska: Mein Unterricht hat stattgefunden, wegen Corona war der Kurs ohnehin online. Ich wollte meine Studierenden an diesem Tag sehen. Ich wollte sie beruhigen. Sie haben sich sehr tapfer verhalten. Aber es fällt schwer, sich zu konzentrieren, wenn man nicht weiß, wie es weitergeht.

SPIEGEL: Was war am Donnerstag anders in Ihrem Unterricht?

Paslawska: Ich unterrichte normalerweise auf Deutsch, aber am Donnerstag habe ich ausnahmsweise Ukrainisch gesprochen. Ich habe meine Studierenden begrüßt und gesagt, dass ich mich freue, sie gesund zu sehen. Und ich habe ihnen gesagt, dass es mir schrecklich leidtut, dass wir sie als junge Generation nicht in Schutz nehmen und diesen Krieg verhindern konnten.

Zur Person
Foto: privat

Alla Paslawska, Jahrgang 1963, ist Germanistik-Professorin an der ukrainischen Ivan-Franko-Universität Lwiw im Westen der Ukraine. Sie leitet den Lehrstuhl für interkulturelle Kommunikation und Translationswissenschaft und ist Präsidentin des Ukrainischen Deutschlehrer- und Germanistenverbands.

SPIEGEL: Und dann sind Sie zum normalen Stoff übergegangen?

Paslawska: Ja, ich wollte sie ablenken. Was kann ich sonst gerade auch machen? Ich habe den Studierenden noch die Nummer vom psychologischen Dienst der Universität gegeben. Und meine Handynummer. Sie dürfen mich jederzeit anrufen. Meine Mitarbeiter am Lehrstuhl habe ich auch gebeten, dass wir jederzeit in Kontakt bleiben.

SPIEGEL: Wie sehr haben Sie die Ereignisse in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag überrascht?

Paslawska: Überrascht ist noch milde gesagt. Ich bin schockiert. Ich bin deprimiert. Ich habe Angst um meine Studierenden und meine Tochter und die Menschen in meiner Umgebung.

SPIEGEL: Und um sich selbst sorgen Sie sich nicht?

Paslawska: Ich bin 58 Jahre alt und habe in meinem Leben schon viel gesehen. Ich habe den Anfang des Krieges vor acht Jahren und die Sowjetzeiten erlebt. Ich habe gesehen, wie man einen Menschen an einem Tag moralisch vernichten kann. Ich weiß, wie ein totalitäres System funktioniert. Und jetzt muss ich miterleben, wie sich mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine die Geschichte wiederholt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die russischen Intellektuellen dieser Propaganda Glauben schenken. Wenn ich die russischen Zeitungen lese, stehen da so viel Lügen.

SPIEGEL: Haben Sie von den ersten Kriegshandlungen in der Nacht etwas mitbekommen?

Paslawska: Ich weiß nicht, warum, aber ich bin um fünf Uhr am Donnerstagmorgen aufgewacht und habe mir die Nachrichten angeschaut. Und habe da erfahren, dass wir bombardiert werden, also militärische Einrichtungen in der ganzen Ukraine. Etwa 80 Kilometer von uns entfernt gab es Explosionen, das habe ich selbst aber nicht gehört.

SPIEGEL: Ihre Studierenden sprechen alle Deutsch, sind wahrscheinlich international oder europäisch geprägt. Wie blicken diese jungen Leute auf Deutschland und Europa und welche Unterstützung wünschen sie sich?

Paslawska: Wir pflegen über die Universität sehr zuverlässige Partnerschaften, in Deutschland etwa mit dem DAAD, und wir haben über das Erasmus-Programm der EU Kontakt in alle möglichen europäischen Länder. Ich habe bis Donnerstagmittag schon rund zehn E-Mails bekommen, etwa aus Deutschland, Österreich und Polen. Das waren mitunter sehr berührende Nachrichten. Eine Professorin aus Polen hat mir ihre Zweizimmerwohnung angeboten, für den Fall, dass ich die Ukraine verlassen will.

SPIEGEL: Die europäischen Partner sind schon eine Weile nicht mehr vor Ort. Der DAAD etwa hat alle seine Lektoren aus der Ukraine zurück nach Deutschland geholt. Fühlen Sie oder die Studierenden sich im Stich gelassen?

Paslawska: Ich kann verstehen, wenn sich jemand im Stich gelassen fühlt. Das Problem ist meiner Meinung nach aber die deutsche Politik. Sie hat eine Entscheidung zu Nord Stream 2 so lange wie möglich hinausgezögert und will uns keine Waffen liefern. Stattdessen wollen sie uns Unterstützung beim Aufbau von Hospitälern schicken. Das zeigt doch: Die Deutschen gehen fest davon aus, dass Ukrainer getötet oder zumindest verletzt werden in diesem Krieg, aber aktiv verhindern wollen sie das nicht.

SPIEGEL: Welche Unterstützung wünschen Sie sich?

Paslawska: Ich bin auf diesem Gebiet keine Expertin, ich bin Hochschullehrerin. Auf der einen Seite brauchen wir jetzt moralische Unterstützung. Aber auf der anderen Seite muss nun natürlich als erstes der Luftraum über der Ukraine geschützt werden und wir brauchen Waffen. Eine andere Sprache versteht Putin leider nicht. Wir erwarten von der Welt in der jetzigen Situation etwas mehr als Worte. Nicht nur weil wir konkret bombardiert werden, sondern auch, weil die Ukraine in Europa nun die Grenze ist zwischen Krieg und Frieden. Es ist durchaus möglich, dass der Krieg hier nicht aufhört, sondern weiterzieht. Wer uns unterstützt, schützt auch den Rest Europas.

»Ich kann zwar keine Waffe bedienen, aber übersetzen und dolmetschen, das kann ich«

SPIEGEL: Mit Waffen hat der akademische Betrieb nichts zu tun. Wie könnten der DAAD oder die Partneruniversitäten Sie in dieser Lage unterstützen?

Paslawska: Das Wichtigste ist nun zuerst, dass wir nicht weiter bombardiert werden, dass wir in unseren Wohnungen sicher sind, dass wir Lebensmittel kaufen können. Dann kann auch der Universitätsbetrieb weiterlaufen. Wenn die Situation stabil ist, könnten uns Professorinnen und Professoren etwa mit Vorträgen unterstützen. Indem sie auf internationaler Ebene klarstellen, dass die Ukraine absolut unerwartet und absolut unverdient angegriffen wurde.

SPIEGEL: Bereiten Sie sich auch auf schlimmere Szenarien vor?

Paslawska: An der Universität wurden die Keller bereits als Zufluchtsort vorbereitet. Und auch ich habe meinen Freunden und Bekannten gesagt, dass es bei mir einen Keller gibt und sie für den Fall, dass auch die Bevölkerung bombardiert wird, zu mir kommen können.

SPIEGEL: Das heißt, Sie wollen in Lwiw bleiben?

Paslawska: Ja, ich kann mir nur schwer vorstellen, mein Zuhause zu verlassen. Im Notfall bin ich auch bereit, mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln zu kämpfen. Ich kann zwar keine Waffe bedienen, aber übersetzen und dolmetschen, das kann ich.