Leiter über Arbeitsbelastung und Personalmangel In immer mehr Kitas kann die Aufsichtspflicht nicht erfüllt werden

Erzieherinnen und Erzieher sehen sich an der Belastungsgrenze – und zu oft darüber hinaus. Das hat eine neue Umfrage ergeben. Ein Gewerkschaftsvertreter beklagt einen sich selbst verstärkenden Teufelskreis.
Eine Erzieherin mit Kind

Eine Erzieherin mit Kind

Foto: Sebastian Gollnow / dpa

Die Kinder bekommen Zustimmungswerte von 100 Prozent: Alle befragten Kitaleiterinnen und Kitaleiter in Deutschland geben an, dass sie sich von den Kindern wertgeschätzt fühlen.

Das geht aus einer Befragung unter 4827 Kitaleitungen in Deutschland hervor, die der deutsche Kitaleiterkongress am Mittwoch veröffentlicht hat. Von den Eltern fühlen sich 88 Prozent der Befragten wertgeschätzt, doch darüber hinausgehende gesellschaftliche Anerkennung gebe es kaum, so lautet eines der Ergebnisse.

»Das Vorurteil ›Wir spielen, basteln und betreuen die Kinder nur‹ hält sich hartnäckig in den Köpfen der Gesellschaft« – das sehen drei Viertel der Befragten nach wie vor als Problem. Auch wenn in der Pandemie über die Systemrelevanz von Kitas diskutiert und das »Gute-Kita-Gesetz« verabschiedet worden sei, gebe es keine offensichtlichen Veränderungen, schreiben die Verfasser der Studie. Durchgeführt wurde sie von Fleet Education Events in Kooperation mit der Bildungsgewerkschaft VBE unter Leitung von Andy Schieler von der Hochschule Koblenz.

Informationen zur Studie

Die DKLK-Studie 2022 wurde von FLEET Education Events in Kooperation mit dem VBE Bundesverband sowie den drei VBE Landesverbänden, dem Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV), dem VBE Baden-Württemberg und dem VBE Nordrhein-Westfalen unter wissenschaftlicher Leitung von Dr. Andy Schieler von der Hochschule Koblenz durchgeführt.

Schwerpunkt der diesjährigen Befragung war der Gesundheitsschutz. Und hier seien es die Kinder, von denen das größte Risiko für die Beschäftigten ausgehe: 95 Prozent der Befragten gaben kranke Kinder als stärksten gesundheitsgefährdenden Faktor an, gefolgt vom Geräuschpegel (93 Prozent) und dem Verwaltungsaufwand (87 Prozent).

Bei den Präventionsangeboten gebe es eine große Diskrepanz zwischen der empfundenen Nützlichkeit und der tatsächlichen Zugänglichkeit, analysiert Studienleiter Andy Schieler. Einen Lärmschutz am Arbeitsplatz gebe es demnach gerade mal bei einem Drittel der Befragten. Noch höher ist die Diskrepanz etwa bei Angeboten zum internen Stressmanagement oder Einzelsupervision, die über 90 Prozent der Leitungen als nützlich einordneten, aber nur für deutlich weniger als 20 Prozent verfügbar seien.

Kitaleitungen nehmen deutlich stärker eine psychische Belastung durch ihre Tätigkeit wahr (82 Prozent der Befragten) als eine physische (54 Prozent). Die Arbeitsbelastung der Erzieherinnen und Erzieher ist laut Studie ebenfalls ein Gesundheitsrisiko, eng verknüpft mit einem der nach wie vor größten Probleme der Kitas: dem fehlenden Personal. 93 Prozent der Kitaleitungen stimmten der Aussage zu, dass die hohe Arbeitsbelastung der pädagogischen Fachkräfte zu höheren Fehlzeiten und Krankschreibungen führe.

Ein »sich selbst verstärkender Teufelskreis«

Es sei ein »sich selbst verstärkender Teufelskreis«, sagt Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des VBE. »Höhere Krankenstände sind zwangsläufig die Folge, wenn Menschen sich über ihre Belastungsgrenze hinaus aufopfern. Das erhöht wiederum zusätzlich die Arbeitsbelastung der verbleibenden Fachkräfte und gefährdet deren Gesundheit zusätzlich.«

Von jeder vierten Kitaleitung hieß es, dass man in den letzten zwölf Monaten 10 bis 20 Tage zur Arbeit gegangen sei, obwohl man sich aus gesundheitlichen Gründen nicht arbeitsfähig gefühlt habe – aber das Team nicht im Stich lassen wollte, Personal in der pädagogischen Arbeit mit den Kindern gefehlt hat oder es keine Vertretung gab, die ihre Arbeit hätte übernehmen können.

Ein Risiko ist der Personalmangel auch für die Kinder. 57 Prozent der befragten Kitaleitungen gaben an, dass sie in den zurückliegenden zwölf Monaten in mehr als 20 Prozent der Zeit weniger Personal zur Verfügung hatten, als für die Aufsichtspflicht notwendig gewesen wären. Bei 16 Prozent der Kitaleitungen traf das sogar auf über die Hälfte der Zeit zu.

Hochgerechnet heißt das laut VBE, dass schätzungsweise 9000 Kitas über die Hälfte der Zeit zu wenig Personal hatten. »Das sind mehr als doppelt so viele Kitas wie ein Jahr zuvor«, sagte Gewerkschafter Beckmann. »Übersetzt heißt das: Diese Einrichtungen konnten den Betrieb im Durchschnitt an mehr als jedem zweiten Tag nur unter Gefährdung der Sicherheit der zu betreuenden Kinder aufrechterhalten.«

Aus Sicht der Kitaleitungen hat sich die Personalsituation auch im letzten Jahr nicht verbessert, im Gegenteil: 84 Prozent der Kitaleitungen sagten, dass sich der Personalmangel in den letzten zwölf Monaten verschärft hat, 2021 waren es noch 72 Prozent.

»Die Daten sind frustrierend«, sagt Wissenschaftler Schieler. »Die Fachkräfteoffensive und andere Strategien zur Gewinnung neuer Fachkräfte werden hier kaum ausreichen, um den Bedarf der bundesweit je nach Szenario 20.000 bis 70.000 fehlenden Fachkräfte in den Kitas zu decken.« Der deutsche Städtetag rechnet sogar mit 230.000 fehlenden Erzieherinnen und Erziehern in den Kitas in den kommenden Jahren.

Die unterschiedlichen Zahlen erklärt Gewerkschafter Beckmann damit, dass Erzieherinnen etwa auch für den Ausbau des Ganztags an Grundschulen benötigt würden, was nicht in jeder Berechnung berücksichtigt werde.

Beckmann mahnte, dass sich die Situation durch die Herausforderung, die »oftmals traumatisierten Kinder aus der Ukraine« in den Kitas zu integrieren, noch verschlechtern könnte. »Die Politik muss ohne Wenn und Aber alles tun, was möglich ist, um diesen Zustand jetzt zu verbessern«, sagt Beckmann. »Ein Verschieben auf morgen wäre unterlassene Hilfeleistung.«